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Marvin Kleinemeier

Marvin Kleinemeier

Marvin ist freier Journalist und Fotograf aus Ostwestfalen. Seit August 2009 Inhaber und Betreiber der Roberto Bolaño Plattform “Wilde-Leser.de“, die sich mit den Werken Bolaños aber auch der lateinamerikanischen Literatur generell befasst. Seit Anfang Juli gibt es dort im Hinblick auf die Buchmesse Autorenportraits, Interviews, Essays und Rezensionen zur argentinischen Literatur.


“Ein Satz ist immer auch eine Welt” – Ein Gespräch mit Alan Pauls

August 31st, 2010 - 12:23 pm by Marvin Kleinmeier

Alan Pauls, geboren 1959 in Buenos Aires, hat Literatur gelehrt, daneben Drehbücher, Filmkritiken, Essays und sechs Romane geschrieben. Er arbeitet als Kulturkolumnist für eine große Tageszeitung und moderiert eine Fernsehsendung. Sein Werk ist bisher in 14 Sprachen übersetzt worden. Gerade ist sein aktueller Roman Geschichte der Tränen bei Klett-Cotta erschienen. Im Interview spricht Alan Pauls über “räumliche Sätze”, die Inspiration zu seinen Figuren und die Eigenarten seiner Übersetzer.

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Dein Roman Die Vergangenheit wurde im vergangenen Jahr in Deutschland veröffentlicht und von Kritik und Publikum gelobt. Es ist so etwas wie eine enzyklopädische Liebesgeschichte, die mit der vollständigen Umkehr der Verhältnisse beginnt: Was für zwölf Jahre engste Freunde waren, werden erbitterte Feinde, die nicht mehr nebeneinander, sondern gegenüber stehen. War dieser Moment der völligen Umkehr der Ausgangspunkt für den Schreibprozess?

Der Roman kam zu mir wie ein mentales Telegramm. Es sagte: Tote Frau kommt zurück von den Toten, um den Mann zu quälen, den sie einst liebte. So sollte der Roman von Beginn an nicht wirklich eine Liebesgeschichte erzählen, sondern was passiert, wenn eine tiefe, leidenschaftliche Liebesgeschichte endet. Es ist ein Roman über postume Liebe, über die Trümmer der Liebe. Der Roman behauptet, dass wahre Liebesgeschichten niemals enden, sie verändern sich bloß. Sie werden zu Geistergeschichten. Für mich war Die Vergangenheit immer genauso Liebesgeschichte wie Horrorgeschichte. Um genau zu sein, war der Arbeitstitel des Romans Die Zombie-Frau. Das im Hinterkopf, war ich auch sehr interessiert an der Liebeserfahrung als Verstörung, als Zustand der Instabilität, sogar der Krankheit. Eine einfache Eifersuchtsszene verdeutlicht sehr gut die merkwürdige Logik, mit der die Liebe sich in einen Alptraum verwandeln kann: in wenigen Sekunden, aufgrund eines ominösen Zeichens, oder einer zögernden Antwort, oder eines verdächtigen Verhaltens, wird der Geliebte vom intimsten und verlässlichsten Partner zu einer Bedrohung, einem Vermittler von Gefahr, ein Feind. Die Liebe wird dann zu einem Heim für das was Freud “Das Unheimliche” nannte.

Wie erreichst du die psychologische Tiefe einer Figur wie Riminis Ex-Freundin im Bezug auf Recherche und Vorbereitung?

Keine Recherche, keine Vorbereitung. Es ist eine Mischung aus theoretischen Highlights meiner Jugend (ich erinnere mich mit angenehmem Nervenkitzel an einen Artikel über Erotomanie, den ich mit 22 aus dem Französischen übersetzte und der eine psychoanalytische Interpretation von Perversionen enthielt), einige persönliche Erfahrungen (die ich gerne übertreibe) und einige historische oder fiktive Vorbilder wie Adele H., Victor Hugos Tochter, die ich in einem Film von Truffaut entdeckte und die mich sofort faszinierte. Manchmal ist die beste Art, um die Psyche einer anderen Person darzustellen, einfach die eigenen Ängste in sich wachsen zu lassen und ihre Konsequenzen erfahrbar zu machen.

Was sofort auffällt, ist dein außergewöhnlicher Prosastil. Deine langen und komplexen Sätze veranlassen den Leser dazu, die Sätze zu inhalieren und beinahe in eine Art Rausch zu gelangen!

In literarischer Fiktion ist ein Satz immer auch eine Welt, und ich möchte, dass meine Welten so reich und komplex und inspirierend und bewusstseinserweiternd wie nur möglich sind. Ich würde sehr gerne “räumliche Sätze” schreiben: Sätze, in denen Menschen leben können, schwimmen, atmen, halluzinieren, versinken, einschlafen, rennen, sich fürchten, etc.

Die Vergangenheit und Roberto Bolaños 2666 wurden beide 2003 veröffentlicht. In beiden Romanen gibt es einen radikalen Künstler, der seine eigenen Körperteile als Kunstwerk ausstellt. Standest du in Kontakt zu Bolaño, der dich ja sehr gelobt hat nach der Veröffentlichung von Die Vergangenheit? Ist es vielleicht sogar möglich, dass dein “Riltse” die Figur in Bolaños Roman beeinflusst hat?

Ich habe Roberto Bolaño nie getroffen. Wir tauschten eine Weile lang Emails aus (besprachen dabei aber nie unsere Werke) und hatten nur eine einzige Telefonunterhaltung, die von merkwürdigen Geräuschen in der Leitung und einigen Sabotage-Akten unterbrochen wurde, die angeführt wurden von einem gemeinsamen Bekannten, der die Unterhaltung in Barcelona mitverfolgt hatte. Ich sehe nur wenige Gemeinsamkeiten zwischen Riltse und Arcimboldi (Wenn das der Künstler ist, auf den du dich beziehst). Arcimboldi ist eine Art ethisches, ästhetisches und politisches Paradigma der Tragödie des 20. Jahrhunderts. Riltse ist eine Mischung aus Genie, Schwindler und Clown; er verkörpert lediglich einige typische Paradoxien der Leben und Werke zeitgenössischer Künstler. Ich muss allerdings sagen, dass ich immer empfindlich auf die Art und Weise reagiere, mit der Bolaño an den Leben von Künstlern arbeitete, auch auf seine biografischen Impulse.

Der Künstler aus 2666, den ich meinte, ist Edwin Johns, der im Teil von den Kritikern auftaucht und zur Legende wird, nachdem er sich die Hand abschneidet und sie ausstellen lässt. Später landet er dann in einem Sanatorium!

Ja, stimmt, du hast recht. Den kleinen Johns hab ich ganz vergessen. Jedenfalls glaube ich, dass es nur ein Zufall war. Vielleicht waren wir beide zu den Leben von Künstlern hingezogen, speziell zu denen, von denen man nicht sagen kann, ob sie genial oder dumm sind… (Nebenbei, das könnte man über fast jeden zeitgenössischen Autoren sagen…)

Christian Hansen, der auch 2666 übertragen hat, bekommt viel Lob für die Übersetzungen deiner Bücher. Wie wichtig ist die Beziehung zu deinen Übersetzern für dich und was denkst du generell über das Paradox, einen Autor in Übersetzung zu lesen?

Es ist eine sehr wichtige Beziehung für mich. Es ist allerdings auch eine unmögliche, da Übersetzer (Christian Hansen ist da eine Ausnahme) gerne sehr scheue Artgenossen sind, die Kontakte zu Menschen noch mehr vermeiden als Schriftsteller. Ich versuche meine Übersetzer immer zu treffen, zumindest die, die mit Sprachen arbeiten, die ich selbst kenne. Ich denke, sie sind sehr interessante Menschen, auch sehr beängstigende. Radikale Hingabe in dieser Form ist immer beängstigend. Als ich jung war, war ich selbst Übersetzer, ich weiß also wovon ich spreche. Übersetzung ist eine Art Mission, fast eine selbstmörderische: in jedem Text, der in einer Sprache geschrieben wurde, die du beherrschst (und die nicht deine Muttersprache ist), ist diese winzige Stimme versteckt, die dich flüsternd bittet: Übersetz mich! Du bist der Eine! – dich auffordernd, den Job zu erledigen, als wäre die Stimme darin eingesperrt… Ganz nebenbei, die größeren Namen der Literatur des 20. Jahrhunderts (Von Joyce bis Kafka, von Nabokov bis Beckett) surfen zwischen zwei oder mehr Sprachen und behandeln in ihren Arbeiten auch Übersetzungsprobleme.

Lange Zeit hast du auch Drehbücher für Filme geschrieben. Ist deine ausufernde Prosa vielleicht auch eine Reaktion auf die Grenzen und Beschränkungen des Drehbuchschreibens?

Es stimmt, dass Drehbücher nach einem trockenen, simplen und direkten Prosa-Stil verlangen. In einem Drehbuch ist der Text nur ein Vorwand, eine Simulation, die Beschreibung eines kommenden Bildes. Das Schreiben muss, auf bestimmte Art, verschwinden. Literarisches Schreiben geht genau in die andere Richtung. Wie auch immer, ich glaube nicht, dass meine fiktionale Prosa als Reaktion auf die Drehbuch-Trockenheit oder irgendetwas anderes gesehen werden kann. Genau genommen, ist es eine Aktion, nie eine Reaktion.

Warst du beim Dreh von Die Vergangenheit involviert? Warst du als Filmkenner mit eigener TV-Show mit dem Ergebnis zufrieden?

Nein, ich habe damals beschlossen, mich nicht einzubringen. Ich zog es vor, Babenco die Freiheit zu lassen, zu tun, was immer er tun wollte. Aber gleichzeitig war mein Roman zu sehr involviert in das Projekt, als dass mich das Ergebnis zufrieden stellen könnte. Zufriedenheit ist nicht das richtige Wort in der Beziehung zwischen Literatur und Kino. Kino ist Bild; Literatur, Vorstellung. Auf die ein oder andere Weise, zumindest für einen Schriftsteller, tötet das Bild immer die Vorstellung. Deshalb ist ein Schriftsteller nie in der richtigen Position, um eine Adaption zu beurteilen.

Dein neuer Roman Geschichte der Tränen wurde gerade in Deutschland veröffentlicht. In einem Interview hast du gesagt, dass es 20 Jahre brauchte, bis du über Politik schreiben konntest und dass jetzt wo du es tust, du es in einer völlig untypischen Weise für einen Argentinier angehen willst!

Nicht über Politik, aber über die Siebziger in Argentinien im Speziellen, der wohl intensivsten und tragischsten Periode der näheren argentinischen Vergangenheit. Es war das letzte Mal, als Geschichte eine Leidenschaft für uns war. Ich wollte mich dieser Zeit aber nicht durch die übliche Vordertür nähern: Helden und Opfer, gute Jungs und böse Jungs, Träumer und Mörder. Also habe ich einige willkürliche, kleine und indirekte Hintereingänge gewählt: Tränen, Haare, Geld. Drei kleine Dinge, die wir besitzen und verlieren, genau definiert durch eine Gewinn-Verlust-Dialektik. Drei objets trouvés, drei “historische Fossilien” in denen ich – wie ein Archäeologe – die ganze Zeitspanne der Siebziger lese. Ich versuche mich der Geschichte durch eine Mischung aus Intimität und Politik zu nähern.

Diese Historia ist an sich eine sehr untypische Geschichte, die sich eher auf das menschliche Empfinden und den Einfluss auf den Alltag bezieht, als auf typische Geschichtsschreibung. Geschichte der Tränen kann gleichzeitig vor dem Hintergrund einiger literarischer Konzepte der Erinnerung gelesen werden, sei es die Prousts oder Joyces. Kann Geschichte nur durch das Alltägliche erfahrbar gemacht werden?

Ich würde sagen durch Empfindsamkeit. Empfindsamkeit als das Arbeitsgebiet, auf dem historische und politische Daten verarbeitet, ausformuliert, wiederhergestellt oder durch Wahrnehmung, Erinnerung, Einflüsse oder Empfindungen entstellt werden.

Geschichte der Tränen ist der Start einer Trilogie. Was können wir von den nächsten Geschichten erwarten?

Wenn Geschichte der Tränen der Aufbau von Empfindsamkeit ist, behandelt Geschichte der Haare die Besessenheit mit Äußerlichkeiten und Identität und Geschichte des Geldes behandelt verborgene Ökonomien.

Was erwartest du von der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt mit dem Gastland Argentinien?

Einige Aufmerksamkeit für junge Schriftsteller, die gerade in Argentinien auftauchen? Wie auch immer, mir wurde gesagt, Frankfurt sei eher eine Business-Messe als eine literarische; ein Ereignis für Verleger und Agenten. Ich hoffe es wird auch noch ein wenig Raum und ein paar Getränke und Canapés für die übrig gelassen, die das Business in Bewegung bringen!

Das Interview wurde geführt und übersetzt von Marvin Kleinemeier. Es erschien im Rahmen der Buchmesse-Vorbereitung auf Wilde-Leser.de.


„Das Interessante liegt immer in den Kreuzungen!“ – Ein Interview mit Fabián Casas

August 16th, 2010 - 11:16 am by Marvin Kleinmeier

Ein Gespräch mit dem argentinischen Autor und Seghers-Preisträger Fabián Casas über literarische Disziplinen, Krieg der Sterne und Spaziergänge auf den Dächern von Berlin. Sein Gedichtband Mitten in der Nacht ist im vergangenen Jahr bei Luxbooks in der von Timo Berger herausgegebenen Reihe luxbooks.latin erschienen. Jetzt ist im Rotbuch Verlag der Erzählband Lob der Trägheit gefolgt von Die Panikveteranen erschienen.

Fabián Casas y su Lovely Rita von Chegada ao Mar.
(c) Timo Berger

WL: Du bist einer der eher seltenen Autoren, die sowohl mit ihrer Lyrik als auch mit ihren Prosapublikationen literarische Erfolge verzeichnen. Welche Rolle spielt das für deine Arbeit und hast du irgendeine Präferenz für eine der Disziplinen?

Fabián Casas: Für meine Arbeit ist die Poesie die zentrale Säule, aber ich kümmere mich nicht um Genres. Ich bin ein Mestize, der alles vermischt. Manchmal habe ich da eine kleine Musik im Ohr und das wird dann später, je nach dem Atemzug, den ich gerade nehme, zu Prosa oder zu Versen. Das kann eine Erzählung werden, ein Essay oder ein Gedicht. Auf jeden Fall kann man die Poesie nicht definieren, man erkennt sie ganz einfach. Ich verstehe unter Poesie, mein Leben in einen Zustand des Fragens zu verwandeln und als Schriftsteller gegen meine Kunstfertigkeit anzuarbeiten.

WL: Sowohl in deinen Gedichten als auch in deinen Erzählungen lässt sich ein starker Bezug zu Boedo finden, das Viertel in Buenos Aires, in dem du geboren und aufgewachsen bist. Ähnliches gilt auch für andere zeitgenössische argentinische Autoren. Was sind deiner Meinung nach die Hintergründe für diesen starken lokalen Bezug zu bestimmten Stadtvierteln?

Fabián Casas: Ich arbeite immer stark mit Bezug zu meinem Viertel, weil es das ist, was ich kenne, ohne dass damit jetzt eine bestimmte Absicht verbunden wäre. Genauso wie ich Argentinier aus Fatalität bin, aber ich sehe das trotzdem nicht als Motiv, meine Nationalität zu vertiefen, da es etwas ist, was ich bin und vor dem ich nicht fliehen kann. Andererseits verabscheue ich die Nationalhymne, die Symbole des Vaterlands und all diese Dinge, die schon Tausende von Toten auf der Welt verursacht haben. Mein idealer Ort ist die Bar aus „Krieg der Sterne“, wo sich Männer aus der Galaxie Orion mit Schmugglern mit Fischköpfen und Frauen mit drei Titten treffen. Das Interessante liegt immer in den Kreuzungen. Und in der Reinheit ist nur die Scheiße des Faschismus.

WL: In deiner Erzählung „Lob der Trägheit“ verbringt der Protagonist Andrés viel Zeit mit dem Lesen verschiedener Autoren wie Céline oder Arlt. Welche Autoren haben dich persönlich geprägt und welche argentinischen Gegenwartsautoren sind deiner Meinung nach besonders lesenswert?

Fabián Casas: Geprägt haben mich zu viele, aber empfehlen kann ich ganz klar Roberto Arlt, Ricardo Zelarayan, Pedro Mairal, Gustavo Ferreyra und Jorge Aulicino.

WL: Du bist einer der Leiter des 2003 gegründeten, alternativen argentinischen Verlags Eloisa Cartonera, der Bücher unter Mithilfe von Cartoneros und Arbeitlosen herausgibt. Wie läuft es mit diesem Projekt derzeit?

Fabián Casas: Eloisa Cartonera läuft gut. Der Verlag wurde aus dem Willen geboren, statt rumzuheulen (ich hasse Heulsusen, die glauben, dass ihnen die Welt etwas schuldig ist), etwas anzupacken, um billige Bücher zu machen, die alle lesen können und avantgardistische und populäre Literatur zu veröffentlichen – zwei Begriffe, die einander übrigens nicht ausschließen.

WL: 2007 wurde dir der Anna Seghers-Preis verliehen. Obwohl du sehr glücklich über die Ehrung warst, hast du aber auch betont, dich selbst nie für irgendwelche Preise oder Wettbewerbe zu bewerben. Wieso vertrittst du diese Haltung und wie beurteilst du ganz allgemein das System von Literaturpreisen heutzutage?

Fabián Casas: Ich bin enorm dankbar für diese Preise, aber ich nehme sie nicht als Parameter zur Bestätigung von Qualität. Ich glaube, eine Person darf sich nicht zu ernst nehmen, sie muss den inneren Dialog runterfahren und die eigene Wichtigkeit ausschalten. Ich mache jeden Morgen Karate und da bringen sie dir bei, dass du ein ewiger Anfänger bist, etwas, dass sehr gut ist. Danach bin ich gegen gar nichts, jeder soll leben wie er will, von Preisen oder Stipendien oder was auch immer.

WL: Wie beurteilst du die Teilnahme Argentiniens als Gastland bei der Frankfurter Buchmesse in diesem Jahr?

Fabián Casas: Sehr gut! Ich fände es klasse, wenn die Buchmesse nicht nur dazu beitrüge, mein eigenes Werk bekannt zu machen, sondern dass von vielen lateinamerikanischen Schriftstellern, die wirklich was drauf haben.

WL: Wirst du selbst auch am Start sein?

Fabián Casas: Gerade dann wird meine Tochter auf die Welt kommen und vielleicht klappt es deshalb nicht, aber da schauen wir mal. Ich hoffe, ich kann in Frankfurt dabei sein, und hoffentlich kann ich auch wieder durch die Straßen von Berlin laufen, dieser tödlichen und wunderschönen Stadt, und auf den Dächern spazierengehen!

Das Interview wurde geführt von Benjamin Loy. Es erschien im Rahmen der Buchmesse-Vorbereitung auf Wilde-Leser.de.


"Ich glaube daran, dem Leser einen leeren Stuhl zu hinterlassen" – Ein Interview mit Pedro Mairal

August 10th, 2010 - 11:56 am by Marvin Kleinmeier

Pedro Mairal wurde 1970 in Buenos Aires geboren. Eine Jury um Adolfo Bioy Casares verlieh ihm als einer der originellsten Stimmen der lateinamerikanischen Literatur den Premio Clarín. Seine Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt. Auf Deutsch erschien zuletzt der Roman Eine Nacht mit Sabrina Love (2002), der auch verfilmt wurde. Am 16. August erscheint der Roman Das fehlende Jahr des Juan Salvatierra im Hanser Verlag. Im Interview mit wilde-leser.de spricht er über seine literarischen Anfänge, eine neue Generation von Schriftstellern und ungewöhnliche Recherchemethoden für seine Romane.

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(c) Clara Muschietti

Wilde Leser: Es sind acht Jahre vergangen, seit der Knaur Verlag die Übersetzung deines ersten Romans “Eine Nacht mit Sabrina Love” für die deutschen Leser zugängig gemacht hat. Erst im August erscheint eine zweite Übersetzung im Hanser Verlag. Vielleicht rufst du dich den Lesern erst noch einmal ins Gedächtnis und erzählst ein wenig von deinen Anfängen, deinen Vorbildern, deinen Schreibritualen!
Pedro Mairal:
Als ich damals von der Uni abging, habe ich mich nicht getraut es meinen Eltern zu erzählen (Ich war 18 und dachte, ich wolle Arzt werden), also tat ich jeden Morgen so, als ginge ich zu meinen Kursen, verbrachte den Morgen jedoch in der Cafeteria. Ich las viel und begann mein eigenes Zeug zu schreiben. Ich erinnere mich an das erste Mal, als ich eine Geschichte “anders” las, ich begann Kurzgeschichten zu lesen wie ein kleines Kind, das ein Spielzeug auseinandernimmt, um zu sehen wie es gemacht wurde. Ich las Cortázar, Borges, Salinger und versuchte ihre versteckten Tricks zu finden. Zuvor war ich eigentlich mehr ein Leser von Gedichten. So kommen meine anderen Einflüsse von Dichtern wie Neruda, Vallejo, Dylan Thomas.

Über meine Schreibgewohnheiten: Am Anfang konnte ich noch Gedichte auf kleinen Notizblöcken im Bus schreiben, doch dann brauchte ich einen Computer und meine Ruhe, um Prosa zu schreiben. Jetzt brauche ich Deadlines, um meine Arbeit abzuliefern: Kolumnen für Zeitungen, Artikel, Kurzgeschichten für Magazine, Skripte… ich schreibe nur noch, wenn ich kurz davor bin, einen meiner zahlreichen Jobs zu verlieren.

Wilde Leser: Es heißt, dass du einige deiner Charaktere online entwirfst und in sozialen Netzwerken testest!
Pedro Mairal:
Ich habe eine Figur erfunden, die Porno-Sonette schreibt. Und, ebenfalls unter falschem Namen, schrieb ich in einem Blog als Frau. Es war eine sehr interessante Übung, da niemand wusste, dass ich dahinterstecke. Ich musste also die Illusion aufrecht erhalten. Einige Männer wollten sich sogar mit mir treffen. Ich habe mich nie zurückgemeldet. Die von mir erfundenene Frauenfigur wurde bereits in einer Anthologie für argentinische Schriftstellerinnen veröffentlicht.

Aber Schriftsteller machen das schon seit Euripides so. Ich denke das letzte Kapitel von James Joyce Ulysses, Molly Blooms Monolog, ist das beste Beispiel solcher “Cross-Dressing-Literatur”.

Wilde Leser: Kannst du dir vorstellen, irgendwann den Roman hinter dir zu lassen und nur noch in digitalen Medien zu veröffentlichen?
Pedro Mairal:
In gewisser Weise tue ich das jetzt schon. Mein nächstes Buch wird den Titel Der Roman, den ich nicht schreibe tragen. Ich habe aber auch nicht vor, alles niederzureißen. Vielleicht kehre ich schon sehr bald zum Roman zurück.

Wilde Leser: Im August wird mit Das fehlende Jahr des Juan Salvatierra ein zweiter Roman in Deutschland veröffentlicht. Was hat sich in deinem Leben und Schreiben verändert seit der Veröffentlichung von Eine Nacht mit Sabrina Love?
Pedro Mairal:
Die Welt hat sich sehr verändert in den letzten zehn Jahren. Heutzutage schreiben viele Schriftsteller online, völlig high von der Breitbandverbindung, die direkt in die Venen injeziert wird. Ich schreibe viel auf Blogs und Websites und denke Literatur auf andere Art. Seit 2005 veröffentliche ich fast alles online, bis auf meine Romane. Kurzgeschichten, Gedichte, Artikel… Und ich mische das ganze mit Videos und Bildern, Collagen und manchmal sogar Musik. Worte sind immer die wichtigste Art der Kommunikation für mich, aber mir fällt auf, dass die Literatur durch das Internet immer mehr in Atome zerfällt, die sich in viele Richtungen ausbreiten. Literatur wird ein bisschen anonymer, und schneller, auch kürzer. Das Beste daran ist, dass die Leute nicht denken, online zu schreiben wäre wirklich Literatur, so schreiben sie generell nicht so steif, flüssiger und natürlicher. Ich wünschte, sie würden das beibehalten.

Wilde Leser: Dein erster Roman Eine Nacht mit Sabrina Love hat hat einen Preis als bester Roman gewonnen und wurde verfilmt. Wie denkst du heute über dein Debut?
Pedro Mairal:
Der Roman wurde verfilmt und in sechs Sprachen übersetzt. Ich mag Eine Nacht mit Sabrina Love. Es ist eine dieser Geschichten, die ihr eigenes Leben haben, ihre eigene Stärke. Es fühlt sich fast so an, als gehörte sie gar nicht mehr zu mir. Es ist ein kurzer Roman, oder eine Novelle, wie sie es nennen, über einen Teenager, der eine Nacht mit einem Pornostar gewinnt. Die Idee kam mir, als ich im Fernsehen eine dieser hübschen Moderatorinnen sah, die ein Gewinnspiel moderierte, bei dem man zwei Tickets in die Karibik gewinnen konnte. Mein hormonaler Gedanke war: Sie sollte eine Nacht mit sich selbst verlosen. Dann dachte ich, sowas wäre nur möglich, wenn sie einer  dieser Porno Stars wäre, die eine eigene Show im Kabel-Programm hat. Einige Zeit später fiel mir auf, dass das Ganze  eine Geschichte werden könnte, wenn der Gewinner der Nacht mit einem Porno Star ein jungfräulicher Teenager wäre, der weit weg in einem kleinen Dorf lebt. Das war dann die Geschichte: Ein Teenager, der die Sendung schaut und bei dem Gewinnspiel siegt, dann der Road-Movie Trip per Anhalter in die Hauptstadt, dann das Treffen mit Sabrina Love und der großen Stadt. Als ich das vor meinem inneren Auge sah, wusste ich, dass ich etwas hatte, über das ich schreiben konnte. Es ist ein Bildungsroman.

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(c) Clara Muschietti

Wilde Leser: Wenn man deine Romane liest, fällt vor allem deine Fähigkeit auf, Lücken für deine Leser zu lassen, die sie selbst füllen müssen. Wie wichtig sind die Sachen, die du nicht schreibst, für deine Romane?
Pedro Mairal:
Ich glaube daran, dem Leser einen leeren Stuhl zu hinterlassen. Ich mag es nicht, alles zu erklären. Ich denke, der Leser beendet die Geschichte, erfindet sie in seinem Kopf. Es gibt eine Zeichnung von Picasso, auf der er eine Blumenvase zeigt. Doch nur eine der Blumen wird voll dargestellt, die restlichen werden nur angedeutet. Als Betrachter vervollständigst du die Zeichnung in deinem Bewusstsein, du siehst alle Blumen, die Blumenvase entsteht in deinem Kopf. In gewisser Weise ist man in diesem Moment der Autor von ihr. Aber um das so zu machen, musst du dem Leser vertrauen. Wenn du ihn bevormundest, drückst du ihn beiseite.

Wilde Leser: Argentinien wird der Ehrengast der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt sein. Was denkst du als Autor darüber?
Pedro Mairal:
Es gab eine Kontroverse bezüglich der argentinischen Organisatoren, die Evita, Maradona, Gardel and Che als nationale Ikonen für die Buchmesse deklariert hatten. Nachdem sie viel Kritik eingesteckt und Druck bekommen hatten, fügten sie noch Borges und Cortázar hinzu. Abgesehen davon, ist es eine gute Möglichkeit für viele argentinische Schriftsteller, ihre Arbeiten zu präsentieren und für Verleger, weniger bekannte Autoren aus Lateinamerika herauszuholen und einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen. Ich denke, ich werde auch dort sein.

Wilde Leser: Denkst du, dass es ein stereotypes Bild des Argentiniers in Europa gibt?
Pedro Mairal:
Ich bin mir nicht sicher, wie der stereotype Argentinier für Europäer aussieht. Aber ich bin mir sicher, dass das Bild recht treffend sein wird.

Wilde Leser: Wo siehst du dich selbst vor dem Hintergrund der argentinischen Literatur?
Pedro Mairal:
Ich sehe mich selbst als Teil einer Generation, die sich nach keinem Manifest richtet, die keine Angst davor hat, mit neuen Technologien herumzualbern. Ich sehe neue Schriftsteller auftauchen und beginne mich ein wenig verdrängt zu fühlen vom Status des jungen Schreibers. Ich mag es und brauche es, Leute in meinem Alter und jüngere zu lesen, um zu sehen, was die so machen. Borges sagte, dass niemand seinen Zeitgenossen etwas schuldig sein will, aber bei mir ist das anders, ich schulde ihnen viel. Ich werde stark von anderen Schriftstellern meines Alters beeinflusst, weil ich immer schon ein wenig altmodisch war, unzeitgemäß, zumindest fühlte ich mich so. Das Lesen von zeitgenössischen Dichtern und Romanciers hält mich wachsam. Ich will sehen, wie sie über die Zeit schreiben, in der wir leben.

Wilde Leser: Wir auf www.wilde-leser.de besprechen das Werk Roberto Bolaños sehr detailliert, Roman für Roman, Geschichte für Geschichte. Was denkst du über ihn? Hatte er irgendeinen Einfluss auf dein Schreiben?
Pedro Mairal:
Ich sehe Bolaño nicht als literarische Vaterfigur, mehr als einen Onkel, das schon eher. Ein literarischer Onkel. Ich mag die Art, wie er die lateinamerikanische Literatur dachte. Besonders mag ich Der unerträgliche Gaucho und Die wilden Detektive. Er war einer der ersten Schriftsteller, der über eine literarische Generation schrieb in Die wilden Detektive. Ich interessiere mich für die Art und Weise in der er über Mexiko schreibt, und die Art und Weise in der er die obskuren Mächte sah, die in der chilenischen Kultur gewirkt haben.

Wilde Leser: In deinem Roman Das fehlende Jahr des Juan Salvatierra, der bald in Deutschland erscheint, schreibst du über eine sehr romantische Künstlerfigur. Einen Maler, der sein ganzes Leben auf kilometerlange Leinwände malt, ohne dafür in irgendeiner Form Anerkennung zu erhalten. Beim Lesen des Romans konnte man viele Analogien zu anderen Künstlern ziehen, vor allem Bolaño flanierte einem öfters durch die Gedanken. Gab es einen realen Künstler, der als Vorlage für Salvatierra diente, oder vielleicht mehrere?
Pedro Mairal:
Juan Salvatierra verkörpert etwas, das ich gerne wäre, ein Künstler der überhaupt keine Anerkennung braucht, er kann sein ganzes Leben aufmalen, nur des Spaßes und der Befriedigung wegen. Sein endloses Gemälde ist auf eine Weise eine Autobiographie, bei der er selbst nicht präsent ist. Doch ich bin nicht so. Ich brauche die Rückmeldung, und ich heiße gelegentliche Anerkennung meiner Arbeiten sehr willkommen. Mit einer Gruppe von Dichtern, Freunden von mir, arbeite ich gerade daran, das vollständige Werk eines Dichters namens Cesar Mermet ans Licht zu bringen, der zu Lebzeiten nie etwas veröffentlichten wollte, aber nie aufgehört hat zu schreiben. Er war ein Genie. Vielleicht ist einiges von seiner Einstellung gegenüber dem öffentlichen Leben in meine Figur des Salvatierra geflossen. Zumindest wünsche ich mir das.

Das Gespräch wurde von Marvin Kleinemeier im Rahmen der Buchmessevorbereitung auf Wilde-Leser.de geführt.


„Da fehlt ja der ganze Latino-Kolorit!“ – Ein Interview mit Ariel Magnus

Juli 30th, 2010 - 11:28 am by Marvin Kleinmeier
 
 
 

Ariel Magnus bei einer Lesung des Literaturfestivals "LiteraTurm" in Frankfurt

Ariel Magnus © Antonia Stock/ www.litprom.de

Ein Gespräch des argentinischen Schriftstellers Ariel Magnus mit der Literatur-Website Wilde Leser über literarische und nationale Klischees, Generationenkonzepte und den Besuch seines Landes auf der Frankfurter Buchmesse.

Wilde Leser: Zentrale Themen deines Romans Un Chino en bicicleta sind Identität und Stereotypen, die wir beispielsweise mit verschiedenen Nationalitäten verbinden. Hat dieses Thema für dich als Argentinier, der du lange Jahre in Deutschland gelebt hast, eine besondere Bedeutung?
Ariel Magnus: Eigentlich war ich nie der „typische“ Argentinier, der in Deutschland in eine fremde Kultur kommt: meine Großmutter stammt aus Deutschland, ich bin auf eine deutsche Schule gegangen und habe sogar einen deutschen Pass. Dennoch haben mich in Deutschland einige Dinge positiv überrascht, beispielsweise die politischen Freiheiten oder die sympathische Art vieler Deutscher. Außerdem stellte ich fest, dass viele Traditionen meiner Familie, die ich unserer jüdischen Religion zugerechnet hatte, eigentlich deutschen Ursprungs waren, wie beispielsweise das Eiersuchen an Ostern oder auch die schon zur Folklore zählende Sparsamkeit.

Wilde Leser: Welche Vorstellung existiert deiner Meinung nach denn in Deutschland von einem „typischen“ Argentinier?
Ariel Magnus: Ich musste feststellen, dass „wir Argentinier“, wenn wir uns mal auf diese furchtbaren Verallgemeinerungen einlassen wollen, vor allem nicht mit dem landläufigen Bild des „Latino“ vereinbar sind, das man sich in Deutschland häufig macht. Wir sind ernst, tanzen nicht gerne, haben keinen Rhythmus im Blut und sehen aus wie Europäer. Und wenn du dann noch sagst, dass du Deutsch sprichst, Jude bist und deine Großmutter eine Auschwitz-Überlebende…hui, dann wird die Sache mit den Klischees schon kompliziert.“ (lacht)

Wilde Leser: Der Fall des Pyromanen „Fosforito“ in Un chino en bicicleta geht von einer wahren Begebenheit aus, die in der argentinischen Presse vor einigen Jahren ein großes Echo fand. Sind gerade Pressemeldungen für dich, der du ja auch einige Zeit journalistisch tätig warst, eine gute Quelle für neue literarische Themen oder beschäftigen dich eher Dinge, die sich in deiner persönlichen Lebenswelt verorten lassen, wie z.B. in dem Kurzroman Muñecas, wo es um einen Ausländer in Heidelberg geht?
Ariel Magnus: Generell mag ich es nicht, meine Figuren zu sehr mit meiner Person als Autor zu verbinden. Im Fall von Muñecas gab es diese geographische Parallele natürlich, aber andererseits würde ich mich ungern mit diesem Typen vergleichen lassen, der in seiner Wohnung einen Harem von aufblaßbaren Gummipuppen hält. Zeitungsmeldungen benutze ich aber sehr häufig für meine literarische Arbeit, nicht unbedingt als zentrales Thema, aber ich mag es, sie in die Handlung einzubauen, besonders diese kuriosen Geschichten des Lebens aus aller Welt. In diesen Momenten merkst du, dass du als Schriftsteller nichts bist und die Realität deine Fantasie regelmäßig übersteigt.

Wilde Leser: Der Wagenbach-Verlag hat in diesem Jahr eine Anthologie junger argentinischer Autoren mit dem Titel „Asado verbal“ herausgegeben, die fast alle in den 70er-Jahren geboren wurde – kann man hier wirklich von „einer“ Generation sprechen oder passt dieser Begriff trotz der gemeinsamen Altersstufe in literarischer Hinsicht nicht?
Ariel Magnus:
Doch, durchaus. Sicherlich teilen wir aufgrund unseres Alters ähnliche Erfahrungen, die sich auf irgendeine Art auch in unserer Literatur niederschlägt. Aber natürlich bedeutet das nicht, dass wir auch alle gleich schreiben oder wir uns treffen, um gemeinsam die Leitlinien für die literarische Auseinandersetzung festzulegen. Es gibt einige kleinere Gruppen, aber generell entstehen diese Art von Generationenkonzepten und die zugehörigen Anthologien ja eher auf Betreiben der Verlage. Sie haben den Vorteil, dass viele Leute auf viele Namen durch ein einziges Buch aufmerksam werden, aber vom literarischen Standpunkt aus erscheinen sie mir zumindest nicht übermäßig interessant.

Wilde Leser: Wie beurteilst du die Teilnahme Argentiniens als Gastland an der Frankfurter Buchmesse in diesem Jahr?
Ariel Magnus: Das ist ein gigantischer Gewinn für die argentinische Literatur. Viele aktuelle Bücher, darunter vielleicht auch mein eigenes, wären ohne die Buchmesse wahrscheinlich gar nicht ins Deutsche übersetzt worden. Zudem wird Argentinien auch als eine Art literarisches Konzept gesehen und nicht nur als ein politisches, fußballerisches oder „rindfleischliches“. Frankfurt bietet uns etwas Wichtiges: Sichtbarkeit. Aber natürlich ist es so: Ob diese Aktion auch nach 2010 Früchte tragen wird – das hängt dann von den Büchern und ihrer Qualität ab. Erst dann werden wir sehen, welche Autoren dieses Schaufenster wirklich zu nutzen verstehen.

Wilde Leser: Wenn du einem deutschen Besucher der Buchmesse einige argentinische Gegenwartsautoren empfehlen müsstest – welche wären das?
Ariel Magnus: Generell mag ich diese Empfehlung von Autoren meiner eigenen Generation nicht so sehr, da das schnell zu Missverständnissen führt. Von den schon etwas älteren aber kann ich zweifellos César Aira empfehlen, genauso Juan José Saer oder auch Macedonio Fernández, der zwar schon lange tot ist, aber erst kürzlich übersetzt wurde. Ein anderer, den ich sehr empfehlen würde, wäre Marcelo Cohen, aber der wurde bisher leider nicht ins Deutsche übersetzt.

Wilde Leser: Abgesehen von den Möglichkeiten, die nun die Buchmesse eröffnet – wie siehst du generell in den letzten Jahren die Rezeption der argentinischen Literatur in Deutschland?
Ariel Magnus:
Durchaus positiv. Schon allein die Tatsache, dass Borges hierzulande ein Konzept ist, finde ich bemerkenswert. Denn letztlich nutzt jeder argentinische Autor, der einem breiteren Publikum bekannt wird, irgendwie seinen Landsleuten. Ein Problem sind aber sicherlich immer noch die Themen, die man im Ausland häufig von argentinische Autoren erwartet. Dabei bedeutet ja allein die Tatsache, dass wir die Erfahrung einer Militärdiktatur erleiden mussten, nicht, dass jeder argentinische Autor sich zwangsläufig damit literarisch auseinandersetzen muss.

Wilde Leser: Gilt das auch für die literarischen Konzepte, welche die sogenannte Boom-Literatur in Europa bekannt gemacht und damit stark das Bild der lateinamerikanischen Literatur hierzulande geprägt hat?
Ariel Magnus: Natürlich fragt man heute nicht mehr, was es Neues vom „Boom“ gibt, da der „Boom“ ja längst vorbei ist, noch dazu was die argentinische Literatur angeht, die an der „Boom“-Literatur im Stile eines García Márquez ja nie wirklich Anteil hatte. Aber dennoch sind diese Konzept immer noch irgendwo präsent und wenn man als Lateinamerikaner plötzlich einen Roman schreibt, der entgegen diesen Klischees sich eher auf einer urbanen, intellektuellen, „kalten“ Ebene bewegt, dann heißt es schnell: Was ist das denn? Da fehlt ja der ganze Latino-Kolorit! Dennoch ist das aus der Perspektive des Durchschnittsleser auch irgendwo verständlich, denn der sucht ja in ausländischer Literatur natürlich das Besondere und sagt sich: Wenn ich etwas über Alltagsbetrachtungen lesen will, dann suche ich mir einen deutschen Autor. Aber zum Glück gibt es da ja immer noch die etwas exquisiteren Leser, die sich auch an solche Literatur herantrauen.

Das Gespräch wurde von Benjamin Loy im Rahmen der Buchmessevorbereitung auf Wilde-Leser.de geführt.