Die XIX Internationale Buchmesse in Havanna wurde am Sonntag feierlich beendet. In Zahlen war das große Buchfest der Verkauf von 2000 Titeln und 900.000 Exemplaren und der Besuch von 450.000 nationalen und internationalen Leseratten, so die vorläufigen Zahlen, die der Kulturminister Abel Prieto gestern verlauten ließ. Es wurden noch eine Menge Preise verliehen und Auszeichnungen an Verlage ausgesprochen. So etwa erhielt auch unsere „Perle von Matanzas“, das heißt, Ediciones Vigía, eine Auszeichnung für den künstlerisch gestalteten Stand auf der Messe.
Auch gab es runde Gründungsdaten zu feiern: Der Verlag Fondo Editorial Casa de las Américas des Kulturhauses Casa de las Américas feiert 50 Jahre und der Kinder- und Jugendverlag Editora Abril feiert 30.
In unseren Berichten wurde schon mehrmals darauf hingewiesen, dass die Buchmesse vor allem für die kubanische Bevölkerung eine Möglichkeit ist, Neuerscheinungen zu erstehen, obwohl, das sei kurz erwähnt, die Belieferungen der Buchhandlungen über das Jahr verteilt einigermaßen gut funktioniert. In Havanna gibt es 46 Buchhandlungen, die bereits eine Woche vor Messebeginn mit sämtlichen Neuerscheinungen ausgestattet wurden, um den großen Andrang auf dem Messegelände etwas zu entlasten. Aber ähnlich wie auch in Frankfurt am Main, besticht die Messe eben auch dadurch, die teilweise „druckfrisch aus der Presse“ stammenden Bücher mit der Unterschrift der Autoren versehen zu lassen.
Wie sehen das Buchereignis andere Teilnehmer, die weder einfache Besucher noch Preisträger derselben sind? Ich suchte mir aus dem Kreis der kubanischen Intellektuellen die Schriftstellerin, Essayisten und Literaturprofessorin Margarita Mateo Palmer aus, die an verschiedenen Buchpräsentationen teilnahm. Ich bat sie, mir kurz ihre Einschätzungen zu folgenden Fragen zu geben:
- Was bedeutet für Margarita Mateo die Buchmesse in ihrem Land?
Ohne Zweifel, ist die Buchmesse in Kuba unser größtes kulturelles Ereignis. Aber nicht nur, weil man fast alle Neuerscheinungen des Landes innerhalb von wenigen Tagen erstehen kann. Es sind auch die Veranstaltungen um die Messe herum. Neben den zahlreichen Buchpräsentationen, Autorengesprächen und ähnlichem, tut sich vor allem auch die „Tribu de la Palabra“ hervor. Eine Freilichtbühne, an welcher sich mehrere Male am Tag während der gesamten Messe Schriftsteller, darunter vor allem Poeten, zusammenfinden, um abwechselnd aus ihren Werken zu rezitieren.
Für mich waren das fast die schönsten Momente in diesen Tagen. Auf dieser Tribüne des Wortes wird sich tatsächlich auf die reine Lektüre konzentriert. Man lauscht entspannt der Rezitation der Poeten, von Literaturpreisträgern bis zu den jüngsten Talenten, ohne sich Notizen machen oder ohne anschließenden Stress, sich in der Schlange des Buchverkaufs anstellen zu müssen.
- Und was sagen Sie über die Auswahl der Ehrenautoren in diesem Jahr?
Mich erfüllte die Auswahl der Ehrenautoren dieses Jahr mit großer Freude: Reynaldo González, Literaturnationalpreisträger 2003, ein glänzender Schriftsteller und Essayist, der ein großartiges Werk vorweisen kann. Und María del Carmen Barcia, Nationalpreisträgerin für Sozialwissenschaften 2003, erfüllte mich mit einem gewissen weiblichen Stolz, handelt es sich doch hier um einen Sektor, der noch immer von männlichen Kandidaten dominiert wird. Und mit Barcia wurde einer ausgezeichneten Frau des Fachbereiches die Ehre erwiesen.
Mit Ambrosio Fornet, das möge auch noch erwähnt werden, erhielt ein verdienter kubanischer Intellektueller den Nationalpreis für Literatur 2010.
Übrigens bedeutet die Ehrung eines Schriftstellers bzw. Intellektuellen im Rahmen der Buchmesse, neben den Feierlichkeiten, zum einen die Neuauflage seiner Werke, was, zum anderen, die Folge hat, dass das Gesamtwerk, und nicht etwa nur die Neuerscheinungen, einmal mehr von der Literaturkritik wahrgenommen und analysiert werden kann.
- Und das Gastland?
Selbstverständlich sind die Gastländer für sich jedes Jahr eine Besonderheit. Doch mit Russland als Gastland kam noch eine andere Komponente hinzu, wie sie es vielleicht vorher noch nicht gegeben hat. Durch die lange Trennung von Russland und Kuba (fast 20 Jahre. Die Red.), war diese XIX. Auflage der Internationalen Buchmesse nämlich auch ein ‚Wiederfinden’ vor einem kulturellen Hintergrund.
Man sollte nicht vergessen, dass die russische Literatur in Kuba damals viel gelesen wurde, von seinen Klassikern bis hin zur zeitgenössischen Literatur.
Die kulturelle Verbundenheit zwischen Russland und Kuba hat nicht zuletzt das Theoretische Kulturzentrum Criterios, namentlich Desiderio Navarro, mit der Veröffentlichung der Anthologie El pensamiento cultural ruso en Criterios. De 1972 – 2008, verdeutlicht, in der Navarro russische Denker versammelt, die in dieser Zeitspanne in Kuba auf verschiedene Weise publiziert wurden – trotz aller Schwierigkeiten.
Auch wenn beide Kulturen grundverschieden sind, hat die russische Kultur im positiven Sinne in der kubanischen Literatur, im kubanischen Kino bis in unsere Gesellschaft Spuren hinterlassen: viele Kubaner studierten in der damaligen Sowjetunion, es entstanden russisch-kubanische Familien und so weiter..
Jetzt wandert die Buchmesse noch bis Anfang März über die Insel, wo sie an 15 weiteren Städten Station hält, der letzte Aufenthalt wird in Santiago de Cuba sein, nach Havanna die wichtigste Stadt Kubas.
So, das wars in Kürze für dieses erste Jahr eines Blogs aus Kuba. Aufgrund vieler Schwierigkeiten, wie Stromausfall, Probleme im Telefonnetz, „cosas de lo real maravilloso americano“, und nicht zuletzt die zeitliche Differenz, konnten wir die Texte nicht immer pünktlich nach Deutschland schicken.
Herzliche Grüße, Eure Ute Evers aus Havanna.

M. Mateao und Jorge Angel Perez