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“Medienunternehmen hätten Waze starten sollen” – Jeff Jarvis über Journalismus als Service

Warum ist das Start-Up Waze die am schnellsten wachsende Verkehrscommunity der Welt? Weil sie den Nutzern hilft, sich selbst zu helfen, um Staus zu vermeiden. Jeff Jarvis plädiert dafür, dass sich auch Journalisten mehr darum kümmern sollten, für ihre Leser eine nützliche Dienstleistung zu erbringen. Dafür müssen sie mehr über ihre Nutzer erfahren und mit ihnen zusammen arbeiten. Ein Interview über Journalismus als Service.

Jeff, Sie fordern, dass Journalismus eine Dienstleistung sein soll. Warum?  

Journalismus war immer schon eine nützliche Dienstleistung, aber das vergessen wir manchmal. Wir denken immer, Journalismus sei ein Geschäft, bei dem es um die Produktion und das Erzählen von Inhalten geht. Das lenkt vom Wesentlichen ab. Inhalte sind insofern eine Denkfalle als sie dazu verleiten, Bezahlmauern um sie herum zu errichten, auf Urheber- und Leistungsschutzrechten zu beharren und zu glauben, dass der ganze Wert des Journalismus in diesen Rechten stecke. Sie sind aber nur ein Teil des Wertes. Ich glaube, dass der wahre Wert des Journalismus immer schon im Service, in der Dienstleistung gelegen hat. Er liegt in den Erfolgen, die Lebensverhältnisse einer Individuums oder einer Gemeinschaft zu verbessern. Darauf müssen wir uns in Zukunft konzentrieren.

Wie können Journalisten dieses Ziel erreichen?

Viele Wege führen zu diesem Ziel, nicht nur der klassische Bericht. Meiner Meinung nach ist die Preisgestaltung paradox. Journalismus ist am wertvollsten, wenn er aus reichhaltigen Informationen besteht. Informationen, die im Privatleben, im öffentlichen Leben und im Geschäftsleben nützlich sind. Doch Informationen werden schnell zum Gemeingut. Die andere Art von Inhalten ist Unterhaltung, zum Beispiel originäre Inhalte wie Kinofilme. Unterhaltung kann aufklärerisch und informativ sein. Im Journalismus verbinden wir Information und Unterhaltung zu Storytelling. Das war bisher die Konvention. Aber jetzt können wir Informationen auch anders verbreiten – zum Beispiel in Form von Datenbanken, Grafiken und Diskussionen. Das hochgelobte New York Times Special Snowfall hatte für mich einen sehr niedrigen Informationsgehalt. Ich fahre nicht Ski und werde nie in die Nähe einer Lawine geraten. Es war unterhaltsam, das für mich der einzige Grund, es zu lesen. Und das ist auch okay.

Liegt in der Unterhaltung ein Wert, der sich monetarisieren lässt? 

Wenn man für Unterhaltung Geld nimmt, müssen die Inhalte einzigartig sein. Man begibt sich in den Wettbewerb mit Büchern und Filmen. Wenn man aber ein Informationsprodukt erstellt, und das ist im Journalismus größtenteils so, dann ist dieses Produkt nicht einzigartig. Es ist nur ein Weg, Informationen zu verbreiten. Und der lässt sich schwer mit einer Paywall kontrollieren. Deshalb glaube ich, dass wir im Journalismus das Geschäftsmodell fundamental auf den Kopf stellen müssen. Wenn wir uns als Dienstleister verstehen, dann müssen wir Modelle rund um den Mehrwert ersinnen, den wir für die Menschen erbringen. Wir können diesen Wert in Gebühren für Inhalte ermessen. Wir können ihn aber auch in den Beziehungen ermessen, die wir mit den Nutzern eingehen, weil wir eine Menge über sie wissen und wir ihnen deshalb viel Relevantes geben können. Google weiß, wie das geht. Google sieht sich als Informationsvermittlungsdienst. Google schafft oder besitzt keine Inhalte. Wir Journalisten sehen uns immer noch als Inhalteverkäufer.

Sie haben die Verwüstungen durch den Wirbelsturm Sandy daheim in New Jersey miterlebt und Ihre Lokalmedien dafür kritisiert, einen schlechten Service zu liefern. Was hätten sie besser machen sollen?

Was sie taten, war: Berichte schreiben. Und in diesen Berichten gab es zu wenig Informationen, was ihren Wert nochmals verringerte. Sie teilten mir mit,  dass viele Bäume umgeknickt waren und dass es viele Stromausfälle gab. Ach wirklich? Sie sagten mir nichts, was mir irgendwie genutzt hätte. Ich hätte Daten gebraucht. Ich hätte Listen gebraucht mit gesperrten Straßen und Gebieten ohne Strom. Informationen, wo der Strom jetzt wieder hergestellt wird. Und, sehr wichtig: Welche Starbucks-Cafés sind geöffnet und haben WLAN? Welche Lebensmittelläden sind offen und haben Milch? Welche Tankstellen sind offen und haben Benzin? Ich brauchte diese Daten. Aber der einzige Weg, wie Journalisten alle diese Informationen sammeln können, ist, mit den Bürgern zusammen zu arbeiten. Journalisten müssen Plattformen schaffen oder nutzen, die Kollaboration ermöglichen. Wenn die Medien mir und jedem anderen die Möglichkeit gegeben hätten, Bilder meiner Straße und Informationen über die Arbeitsfortschritte der Stromwerke zu teilen, dann wäre das viel nützlicher gewesen.

Sollten sich Medien darauf vorbereiten, solchen Service für künftige Krisensituationen bereitzustellen?

Ja. Wir werden mehr Stürme bekommen, das Wetter spielt verrückt. In Deutschland wird es noch häufiger Hochwasser geben. Wir wissen, dass es so kommen wird. Anstatt darauf zu warten, das diese Ereignisse eintreffen und dann darüber nach Schema F zu berichten – wie wäre es denn, wenn wir darauf vorbereitet wären und schon Plattformen eingerichtet hätten, auf denen sich die Menschen untereinander über ihre Mobiltelefone informieren können, indem sie Bilder und andere Informationen teilen? Was ist überflutet? Was funktioniert nicht? Wo gibt es Benzin? Wo ist der nächste Schutzraum? Diese Art von Informationen wären für die Gemeinschaft viel nützlicher. Das ist vorhersehbar, denn wir wissen, was die Menschen nach einem Sturm brauchen. Warum also auf den Sturm warten?

Sehen Sie Einsatzmöglichkeiten für solche Service-Plattformen und Chancen für Start-Ups auch außerhalb von Krisensituationen?

Auf jeden Fall, Service im Alltag war immer schon eine journalistische Aufgabe. Wir haben den Lesern erzählt, wo sie Sonderangebote bekommen oder einen Kredit oder wie ihr Haus reparieren können. Diese Art von Informationen haben einen Wert, auch wenn das kein Watchdog-Journalismus ist. Um auf den Sturm zurückzukommen: Meine Elektrizitätsgesellschaft hat eine Liste mit Orten veröffentlicht, wo ihre Teams angeblich an Reparaturen arbeiteten. Die Lokalzeitung hat die Liste einfach ungeprüft übernommen, obwohl alles gelogen war. Der einzige Weg, die Lüge aufzudecken, wäre gewesen, die Bürger zu fragen: Leben Sie in dieser Straße? Sind die Arbeiter vor Ort oder nicht? Wenn nicht, dann lasst uns diese Lüge aufdecken. Sogar auf einer solch praktischen Ebene kann Watchdog-Journalismus entstehen.

In diesem Konzept wären dann ja sogar Plattformen wie fixmystreet oder seeclickfix Service Journalismus?

Ja. Hier ist ein extremeres Beispiel. Ich bin ziemlich süchtig nach Waze, der Verkehrs-Community, die Google gerade für eine Milliarde Dollar gekauft hat. Ich sage immer, dass Medienunternehmen am besten selbst ein Waze gestartet hätten, weil Verkehrsinformationen mein Leben jeden Tag beeinflussen. Mir als Pendler jeden Tag zu helfen ist ein wertvoller Service. Aber muss es so machen wie Waze es getan hat – die Informationen crowdsourcen, gemeinschaftlich zusammentragen. Der Wert, den Waze geschaffen hat, und der jetzt an Waze und damit auch an Google zurückfließt, der hätte einem Medienunternehmen gehören können. Waze und Google wissen jetzt, wo ich wohne und arbeite. Das sind Daten, die die meisten Medienwebsites nicht haben. Wenn sie sie hätten, können sie ihre Inhalte und Werbung passgenauer aussteuern und sie bekämen mehr Engagement auf ihren Seiten, weil sie mehr Relevanz liefern und höhere Werbeumsätze, weil die Werbung besser funktionierte. Das ist eine ziemlich gute Formel.

Es scheint, als ob auf lokalen Märkten viele Bedürfnisse nun von Apps erfüllt werden, welche die Geschäftsmodelle lokaler Medien von allen Seiten anknabbern…

Ja, aber wir sollten Apps nicht überbewerten, weil das offene, verlinkte Internet immer noch einen überragenden Wert hat. Waze ist eine App, die eine App sein sollte. Aber viel Medien bauen Apps für ihre Inhalte. Eine App sollte eine Funktion erfüllen, nicht bloß Inhalte abbilden. Wir Medienmacher glaubten, das Apps uns die Fähigkeit gäben, die Kontrolle wieder zu erlangen über die Bündelung und Präsentation unserer Inhalte, aber das war ein Irrtum. Wenn wir darüber nachgedacht hätten, was Apps wirklich tun – sie sammeln Informationen, sie kalkulieren, sie geben uns personalisierte Informationen – ja, dann sollten wir Apps bauen. Aber nicht bloß, um Inhalte zu präsentieren.

Immer mehr Nutzer gewöhnen sich an personalisierte Nachrichtenströme und sind deshalb nicht mehr einem Generalangebot für alle zufrieden. Wie kann Personalisierung auf Service-Journalismus angewendet werden?

Wenn man Journalismus als Dienstleistung begreift, dann sieht man sich nicht mehr als Inhalteproduzent, sondern als Vermittler von Beziehungen. Um jemanden einen relevanten Service zu geben, muss man ihn gut genug kennen, um zu wissen, was relevant für ihn ist. Das ist der einzige Grund, warum Nutzer einer Plattform ihre Daten mitteilen. Und das ist der Beginn einer Beziehung. Wir Medienmacher berauschen uns derzeit an der Idee von Big Data, dass es eine magische Fähigkeit sei, mit Big Data umzugehen, und das wir dafür Spezialisten brauchen. Ich versuche Medienunternehmen davon zu überzeugen, dass sie vor allem Small Data verstehen sollten, nämlich die Beziehungen zu ihren Nutzern. Wenn Sie eine Beziehung zu einem Nutzer aufbauen können und wissen, ob er oder sie im lokalen Makrt wohnt und arbeitet, ob Mann oder Frau, mit Kindern oder ohne und wenn Sie einige ihrer Interessen kennen, dann werden Sie dieser Person mehr als allgemeinen Service liefern können. Damit wird dieser Nutzer auch für Anzeigenkunden wertvoller. Aber das bedeutet, dass wir neue Fähigkeiten erwerben müssen. Wir müssen Dienstleistungen und Nutzerprofile erstellen, mit denen sich etwas anfangen lässt.

Sollte Journalismus als Service über Plattformen hinausgehen und anwaltschaftlich handeln oder zum Handeln aufrufen?

Das ist eine sehr gute Frage, weil sie uns sehr schnell auf kontroverses Terrain führt. Sollen wir Gemeinschaften versammeln, sie zum Handeln aufrufen und sie dabei unterstützen? Ich glaube, dass wir das tun sollten. Das führt uns auch rasch zur Frage, ob Journalismus objektiv ist. Ich meine aber, dass Journalismus schon immer anwaltschaftlich gewesen ist. Wir treffen jede redaktionelle Entscheidung anwaltschaftlich. Wir beschließen, über Verbrechen in diesem Stadtteil zu bereichten, aber nicht in jenem. Wir lenken damit Aufmerksamkeit auf den ersten Stadtteil. Wenn wir, wie das im amerikanischen Fernsehen geschieht, über den größten neuen Lotterie-Jackpot berichten, aber niemals über die sozialen Kosten einer Lotterie als Steuer für die Armen, dann nehmen wir ebenfalls eine anwaltschaftliche Position ein. Wir müssen lernen, der Gemeinschaft zu zu hören, um zu erfahren, was die Bürger wollen. Und dann müssen wir ihnen helfen, dieses Ziel zu erreichen.

Sollten wir Instanzen haben, die den Einfluss von Journalismus bewerten? Bericht A wurde von 10.000 Nutzern gelesen, hat aber nichts bewirkt. Bericht B wurde von 5.000 Leuten gelesen, führte aber zu einem Beschluss des Stadtrats, der den Alltag der Bürger verbessert hat. Welcher Bericht war erfolgreicher?

Wie man den Einfluss von Journalismus misst, diskutieren wir häufig in meinem Institut an der CUNY. Es wird auch bei ProPublica diskutiert, weil Stiftungen nach der Wirkung schauen, die sie erzielen. Das ist eine aufkeimende Kontroverse, weil niemand weiß, wie man Wirkung misst und bemisst. Viele Medien-Websites veröffentlichen mehrere hundert Beitrage täglich, aber nur die wenigsten werden von vielen Leuten gelesen. Es ist zwar riskant, zum alten massenmedialen Modell zurück zu kehren, bei dem nur das Wert hat, was die Massen erreicht. Aber wir produzieren eine Menge Inhalte, die keine Wirkung erzielen können, weil sie niemand liest. Journalismus als Service muss sich an seiner Wirkung messen lassen. Haben wir einen Einfluss auf das Leben der Menschen? Was erwarten sie von uns? Wie bringen wir Politiker dazu, den Menschen wirklich zu zu hören? Das ist etwas ganz ganz anderes als das, was wir jetzt machen. Wir fragen: Wo ist etwas passiert? Wir müssen darüber berichten. Wir sind die Augen und Ohren derer, die nicht dabei sein können. Aber das ist nicht mehr das einzig Wichtige. Es gibt jetzt ein Kontinuum von Journalismus als Berichten über Journalismus als Service bis zu Journalismus als Anwaltschaft der Nutzer.

Jeff Jarvis ist BuchautorBloggerPodcaster und Journalismusprofessor. Er leitet an der City University of New York (CUNY) das Tow-Knight Center for Entrepreneurial Journalism. Dort können sich Journalismusstudenten auf die Gründung eigener Start-Ups vorbereiten, zur Abschlussprüfung gehört ein ausgearbeitetes Konzept für ein eigenes Unternehmen.

Fotos von Jeff Jarvis: (1) Daniel Seiffert, Wikipedia,CC BY 2.0, (2) Stefan Nitsche, Flickr, Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0

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