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Designer-Blutwursttorten zu elektronischen Beats

Das neue Konzert- und Konferenzhaus am Hafen von Reykjavík wurde im Mai 2011 eröffnet. Foto: Bára Kristinsdóttir

Schon der Austragungsort ist ein Symbol für turbulente Zeiten – in der Kulturbranche und in Island. Geplant wurde das Reykjavíker Konzert- und Konferenzhaus Harpa in den Boomjahren. Die Fassade des glitzernden Gebäudes am Hafen entwarf der dänisch-isländische Künstler Olafur Eliasson. 2007 begannen die Bauarbeiten – im Oktober 2008 dann traf die Krise das kleine Inselvolk mit voller Wucht. Anfangs wusste keiner, ob das Haus jemals fertiggestellt würde. Die riesige Baustelle lag brach, Harpa wurde zur Ikone der Krise und für den Größenwahn einiger reicher Isländer. Im Mai 2011 schließlich, mit zweijähriger Verspätung, fand die feierliche Eröffnung statt.

Anfang November trafen sich hier Kreative und Experten aus Europa und Amerika zur dreitägigen Konferenz „You are in Control“ (YAIC), die 2008 von der Organisation Iceland Music Export initiiert wurde und mittlerweile in Zusammenarbeit mit der gesamten kreativen Industrie des Landes veranstaltet wird. Es ist die fünfte Konferenz dieser Art – jede steht unter einem anderen Motto. „Anfangs hieß sie übrigens noch ‘Who is in Control?’“, erzählt Anna Hildur Hildibrandsdóttir, die einst die Idee für die Veranstaltung hatte. „Der neue Titel ‘You are in Control’ drückt viel aus, er ist auch ein mutiges Statement.“

Im ersten Jahr diskutierten die Teilnehmer über neue Geschäftsmodelle in der sich rasant verändernden Musikindustrie, zeitgleich beschallte das internationale Musikfestival Iceland Airwaves die isländische Hauptstadt. Für fünf Tage verwandelt sich Reykjavíks Zentrum im Spätherbst stets in eine Konzertmeile mit vielen überraschenden Off-Venues. In diesem Jahr war auch Harpa Teil des Happenings; 40.000 Besucher tummelten sich hier innerhalb dieser Woche.

Am Montag darauf kehrte wieder etwas Ruhe ein, rund 100 Interessierte nahmen im Kaldalón-Auditorium am aktuellen YAIC-Event teil. Das Themenspektrum ist mittlerweile größer, so trafen sich Experten aus vielen Branchen – neben Musikern, Künstlern, Mode-Designern, Games-Experten und Unternehmern auch Food Designer. Unter dem Titel „Creatives into the future“ diskutieren sie über die großen Herausforderungen, Projekte in Zeiten von ökonomischen Krisen, Umweltzerstörungen und technischen Umbrüchen umzusetzen.

Die Konferenz begann mit Vorträgen des Autors und Unternehmers Peter Dreyer von Fokuscope. Der Däne sprach über das generelle Konzept von Kreativität und betonte, dass es so etwas wie „eine kreative Gesellschaftsschicht“ nicht gebe. „Alleine sind wir nicht besonders, aber in der Crowd können wir es sein“, sagt Dreyer. Er glaubt, dass die Idee der kreativen Schicht von der Masse, also der Crowd, und deren Weisheit ersetzt wird.

Freenerd heißt die Website von Johan Uhle, der Deutsche berichtete vom Music Hack Day. Foto: YAIC

Auf die Crowd setzt auch der Music Hack Day, der sich wenige Tage zuvor in Reykjavík abspielte. „Ich lebe in Deutschland und im Internet“, stellte Johan Uhle sich bei seiner Präsentation vor. Seit 2009 gab es rund um den Globus zahlreiche Hack-Events, bei denen Designer, Künstler und Programmierer innerhalb von 24 Stunden Neues entwickelten – sei es nun eine Software oder Instrumente. „Dieses Mal baute ein Team zum Beispiel aus drei iPhones und Klebeband eine Ukulele“, sagt der 25-jährige Mitorganisator des Events. Der Music Hack Day ist für die Teilnehmer kostenlos und wird durch Sponsoren finanziert. Die Rechte an den Erfindungen bleiben bei den Kreativen. Sicherlich kann man sich fragen, welchen Wert diese Ukulele hat. Für Uhle ist der kreative Prozess selbst aber das größte Glücksgefühl, alle Teilnehmer helfen einander.

Am Ende seines Vortrags weist er noch mal darauf hin, dass online heute viel schneller etwas geschaffen werden kann. „2007 brauchte es noch ein Wochenende, um eine Website einzurichten. Heute kann ich das innerhalb von einer Stunde machen.“ Sicherlich würde ich länger dafür brauchen, aber es ist dennoch interessant, daran erinnert zu werden, wie leicht in digitalen Zeiten neue Plattformen oder Produkte realisierbar sind. Der „Trial and Error“-Prozess verläuft oft schneller.

Blutwursttorten und Skyr-Konfekt: das Buffet im Rahmen der Konferenz “You are in Control”

Bei den YAIC-Vorträgen fiel auf, dass immer wieder der Wert der Zusammenarbeit betont wurde. Dass manchmal ungewöhnliche Kooperationen zu einzigartigen Produkten führen können, zeigt auch das isländische Projekt „Designers and Farmers United“. Die Designer besuchten dabei zunächst ausgewählte Bauern, um deren Arbeit und Erzeugnisse besser kennenzulernen. Anfangs waren einige Farmer skeptisch, doch dann fanden sie schnell Gefallen an der Idee – in Kollaboration mit den Designern entstanden unter anderem eine sláturterta, Blutwursttorte, Rhabarber-Süßigkeiten und Skyr-Konfekt. Skyr ist eine Art Quark und ein beliebtes Milchprodukt auf der Insel. Der „Trial and Error“-Prozess beim Konfekt dauerte allerdings eine Weile, erzählt Brynhildur Pálsdóttir, eine der Designerinnen.

Bevor die Konferenz-Teilnehmer das Essen probieren konnten, hielt Steingrímur Sigfússon, der Industrie- und Innovationsminister Islands, eine kleine Ansprache: „Ich werde fast jede Woche zu einer Veranstaltung der kreativen Industrie oder von Designern oder so etwas eingeladen“, sagte er etwas flapsig. Der Minister ist bekannt für seine unkonventionellen Reden. Doch bei aller Ironie betonte Sigfússon auch den Wert der kulturellen Branche. „Zuerst dachten wir, die Fischindustrie würde uns aus der Krise bringen. Doch nun wird die Kreativbranche immer wichtiger für unsere Wirtschaft, es ist eine schnell wachsende und dynamische Gruppe.“

In der Pause wagten sich die Besucher, begleitet von elektronischen Klängen der Gruppe Kiasmos (auch dies ist übrigens eine Kollaboration von zwei Musikern, die weitere eigene Projekte haben), an die Blutwursttorte und andere schmackhafte Gerichte. In einem Podiumsgespräch am Nachmittag stellte Andri Snær Magnason, den wir zuletzt auch hier im Blog vorstellten, einige seiner Arbeiten vor. Der Autor und Umweltaktivist ist ebenfalls Teil einer Grassroot-Initiative: In Toppstöðin, einem stillgelegten Elektrizitätswerk, entwerfen Designer und Mechaniker neue Dinge – von Unterwäsche bis hin zu elektronischen Rennautos. Durch die Krise hätten zwar einige Bürger ihren Job verloren, aber nicht ihre Ideen. Das sei vielleicht das isländische Modell: anstatt zu Hause zu sitzen und gelangweilt arbeitslos zu sein, mache man eben erstmal unbezahlt etwas anderes. Und manchmal entwickeln sich daraus dann neue Jobs. Die Toppstöðin-Managerin wurde gerade erst von einer großen Firma abgeworben, erzählt Magnason.

Die Modeexpertin Áslaug Magnúsdóttir vergleicht die Suche nach Investoren mit dem Dating. Foto: YAIC

Am nächsten Tag der YAIC stand die Finanzierung von kreativen Projekten im Vordergrund. Wie überall gilt auch hier meist das marktwirtschaftliche Prinzip: Du musst deine Marke und deinen Markt finden. In Investment Workshops wurde unter anderem darüber diskutiert, wer zu welchem Zeitpunkt der ideale Geldgeber und Unterstützer sein kann. Áslaug Magnúsdóttir ist Geschäftsführerin von Moda Operandi, einem hochwertigen Online-Modevertrieb. In ihrem Vortrag gab sie praktische Tipps für alle, die nach Investoren suchen. Die Basis sei natürlich ein guter Business Plan, geordnete Finanzen und man müsse sich im Klaren darüber sein, welcher Investor welche Interessen habe. Manches kann ein Vorteil, aber auch ein Nachteil sein: Freunde und Familie etwa wollen kaum Einfluss nehmen, sind dafür aber auch nicht so gut in der Branche vernetzt. Der strategische Investor hingegen, will langfristig Geld verdienen und wird Einfluss nehmen wollen; er verfügt vermutlich über wichtige Netzwerke und kann zugleich Ratgeber sein. Außerdem sagte die Managerin, dass es wichtig sei, den Investor zum richtigen Zeitpunkt anzusprechen, am besten in einer guten Geschäftsperiode. „Es ist wie beim Dating – man darf nicht zu begierig wirken und sollte vorsichtig sein, wen man sich aussucht“, sagte Magnúsdóttir. „Denn oft wird man mit diesem Investor für viele Jahre verbunden sein.“

So ist es für die Isländer auch mit dem architektonisch ansprechenden Konzert- und Konferenzhaus. Langsam wandelt es sich in den Augen zahlreicher Bürger von der Ikone der Krise zum Symbol des Neuanfangs. Harpa bedeutet übrigens „Harfe“ und ist zugleich ein beliebter isländischer Frauenname. Um im Dating-Bild zu bleiben: Die Isländer flirten mit Harpa, besuchen sie oft, doch ob eine große Liebe daraus wird, das wird die Zeit zeigen.

 

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