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Mit China durch den Schwarzwald

Eine der größten Schwierigkeiten, die deutsche Verlage in der Zusammenarbeit mit dem chinesischen Markt sehen, ist die große Entfernung.

Geographisch, sprachlich, kulturell. Um diesen Probleme zu begegnen, organisiert das Buchinformationszentrum Peking regelmäßig Lektorenreisen. Gleich zwei Delegationen hatten wir diesen Herbst im Gepäck: 20 Verlagsmenschen aus dem Kinderbuchbereich und neun Journalisten renommierter chinesischer Branchen-Zeitungen, Kulturmagazine und Medienplattformen.

Unterwegs durch Deutschland – zehn Tage lang: Von München über Ravensburg und den Schwarzwald nach Frankfurt. Dabei waren es meist die ganz persönlichen Momente und unerwarteten Gespräche, oft bis tief in die Nacht, die mich ganz besonders überraschten und beeindruckten.

v.l.: Huang Jiwei (Jieli Publishing); Claudia Kaiser (Frankfurter Buchmesse) und Zhang Qiulin (21st Century)

Zum Beispiel waren da die Mitarbeiter von 21st Century, dem führenden chinesischen Kinderbuchverlag, der auch erstmals mit eigenem Stand auf der Messe vertreten war. Vom ersten Tag an zeigten sie sich in mehr als nur einer Hinsicht als besonders aufgeweckt. Bereits um fünf Uhr früh hatten sie sich am Tag nach unserer Ankunft auf den Weg gemacht, die Umgebung zu erkunden: Während ich verschlafen in den Bus zu unserer ersten Besuchsstation (der kreative Kinderbuchverlag mixtvision) steigen wollte, hatten Geschäftsführer Zhang Qiulin und Editorial Director Xie Yongguan schon allerlei Eindrücke vom verschlafenen München-Rosenheim gesammelt. Die Energie der Mitarbeiter dieses 1985 gegründeten Verlags aus der Jiangxi Provinz ist beeindruckend – genauso wie der Jahresumsatz: 670 Mio. RMB bei etwa 1500 jährlich erscheinenden Titeln. Damit war 21st Century so etwas wie der kleine Star unserer Reisegruppe, verfügt es doch derzeit über den größten Marktanteil im chinesischen Kinderbuchbereich.

 

Fan Xiaohong vor dem Ravensburger Verlagsgebäude

„Sieh mal!“ zupfte Fan Xiaohong, stellvertretende Geschäftsführerin der Foreign Language Teaching and Research Press, aufgeregt an meinem Arm. Sie machte mich auf die wunderschöne herbstliche Landschaft aufmerksam, die auf unserem Weg in München zum Termin bei Random House an uns vorbeizieht. Frau Fan arbeitet für den größten Verlag im Bereich „English Language Teaching“, den China zu bieten hat; zwischen ihr und Zhang Yichao, Bibliothekarin der Shenzhen Children’s Library, entspann sich schnell eine Diskussion über die hiesige Landwirtschaft, Kühe und darüber, wie Kinder in der heutigen Welt aufwachsen: „Zum Beispiel – was eine Rose ist, lernen Kinder wohl zuerst auf einem iPad anstatt tatsächlich danach greifen zu können“ meinte Frau Zhang und erntete dafür Nicken und nachdenkliche Blicke.

 

Anna Dong von Jieli Publishing

Huang Jiwei, Schriftsteller und Vize-Chefredakteur der Beijing Jieli Culture and Art Company, hat es wohl nicht nur wegen der unzähligen Termine, die ihn auf der Messe erwarten, auf dieser Reise gut getroffen: Er wird auf der Reise von Anna Dong begleitet, der Foreign Rights Managerin von Jieli, die über ausgezeichnete Deutschkenntnisse verfügt. Auch Jieli ist ein großer Name im Bereich Kinder- und Jugendbuch und als jemand wissen möchte, ob Herr Huang auch an Werken für die erwachsene Lesergruppe Interesse hätte, gibt er lachend zur Antwort: „Ein bisschen Interesse haben wir schon, aber unsere Stärke ist der Kinderbuchbereich und unser Zielpublikum ist eigentlich sehr einfach und in ein paar Worten zu bestimmen: Noch nicht verheiratet“. Tatsächlich hat Jieli in China unter anderem mit mehr als drei Millionen verkauften Exemplaren von Stephenie Meyers The Twilight Saga allen Grund zur Fröhlichkeit.

 

Hinterließ tiefen Eindruck: Die herbstliche Landschaft im Schwarzwald

Weiter standen ein Besuch bei Gräfe und Unzer auf dem Plan, sowie eine lange Fahrt nach Ravensburg – dafür betrachteten dann alle mit ein bisschen Ehrfurcht die Lastwagen, die brav in einer Reihe darauf warten, Ravensburger Bücher und Spielwaren in die Welt hinauszufahren. Freundlich und herzlich empfing man uns trotz Vormesse-Aufregung, so war auch Liu Tao, General Manager von Hangzhou Brown Education Consulting, ganz begeistert vom Programm des Traditionsverlages Ravensburger. „Man sieht, dass diese Bücher von Menschen mit Herz gemacht werden“ ließ er mich im Gespräch mit der Rightsmanagerin übersetzen und lief gleich eine Runde durch den Museumsshop – auf der Suche nach passenden Titeln für die drei bis sechs Jahre alten Vorschulkinder im Englisch-Trainingsprogramm von Hangzhou Brown Education.

 

Und dann – Regenfäden zogen sich das Busfenster entlang, während die Schwarzwälder Landschaft langsam an uns vorbeitröpfelte. In den vorangegangenen Tagen hatte ich während des Wochenend-Programms meinen Wortschatz um eine Vielzahl mehr oder weniger nützlicher Vokabel erweitern dürfen: Kuckucksuhr (布谷鸟钟), Wasserfall (瀑布), Schwarzwälder Schinken (黑森林火腿肉).

Wasserfälle in Triberg

Auf dem Weg vom Titisee nach Frankfurt fühlten wir uns dann aber beinahe wieder wie in Peking: Hier herrschte ganz plötzlich Stau. Heiterkeit breitete sich aus, als der Reiseführer ansetzte, die Geschichte von „Schneewittchen und ihren fünf Männern“ zu erzählen. Bestimmt hat er anlässlich des 200-jährigen Jubiläums der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm auf der Buchmesse dieses Wochenende einiges dazulernen können! Und Ao Deguang, Verlagsleiter von King-in Culture, brachte die Busfahrt nach Frankfurt zu einem krönenden Abschluss. King-in Culture ist ein Teil der Dipper Gruppe und dabei, sich vor allem im Bereich Bilderbücher einen großartigen Ruf zu erwerben, aber wie ich hautnah miterleben durfte, haben chinesische Verlagsmitarbeiter meist noch allerlei zusätzliche Vorzüge und Stärken. Kurz vor unserem Reiseendziel in Darmstadt, von wo aus alle Delegationsmitglieder täglich den Weg zur Buchmesse antraten, baute Ao Deguang sich mit dem Mikrofon des Reiseleiters am Kopf des Busses auf, trug mit klarer Stimme eine Ballade aus seiner Heimat vor, sang vom mongolischen Grasland und der Liebe. Kulturelle Unterschiede mag es geben, aber wenn man sich die Zeit zum gegenseitigen Kennenlernen nimmt – dann werden diese Eigenheiten die Zusammenarbeit reicher, tiefer und schöner machen, das wurde auch auf dieser Reise wieder einmal deutlich.

  • Edwin Walter

    also toll zusammengefaßt und geschrieben. bin beeindruckt, lg edwin

  • Markus Braun

    wann bist Du wieder in Wien bzw. wo bist Du gerade unterwegs? Danke für den schönen Artikel – Kinderbücher ja genau so was sollte ich kaufen!

  • Leonie

    vielen dank :)

  • Leonie

    Weihnachten kommt ja bald und Advent ist auch eine gute Ausrede für exzessiven Kinderbuch-Konsum … ;) Ganz knapp hast du mich verpasst, nach dieser schönen Reise und einer tollen Buchmesse bin ich nun wieder zu Hause. Beim nächsten Mal!