Die Lehre der drei F – family, friends and fools

Mit einem Klick zum Untersützer werden: Crowdfunding hilft Kreativen, ihre Ideen zu verwirklichen.
Seit einigen Jahren schon wabert der Begriff „Crowdfunding“ durch die Kreativbranche, die meisten wissen noch immer nicht, was eigentlich dahinter steckt, beziehungsweise wie sich ein Projekt über diesen Kanal am besten finanzieren lässt. Auf der Frankfurter Buchmesse diskutierten im Rahmen des StoryDrive Festivals unter anderem Marija Popovic vom European Design Centre, der neuseeländische Autor Mark Staufer sowie (Film-) Produzent Sven Schnell und Konstantin Georgiou (Autor und Produzent) über dieses Thema.
Bei der Schwarmfinanzierung geben auf Internetportalen wie Kickstarter oder Startnext viele Menschen kleine Beträge, damit eine Idee realisierbar wird. Wo Künstler früher auf das Wohlwollen von einigen Mäzenen angewiesen waren, lassen sie sich heute von der interessierten Masse des Internets tragen. Die Herausforderung: Nur wenn die gewünschte Summe zustande kommt, erhält der Künstler auch die finanzielle Unterstützung. Falls nicht, gehen die Beträge zurück an die Geldgeber.
Die Kampagnen von Schnell, ein Kinderbuch über Florian Feuerwehrmann, und von Georgiou, eine Comedy-Webserie namens „Jäger und Sammler“, laufen noch oder starten in wenigen Tagen. Mark Staufer, der seit acht Jahren in Los Angeles lebt, hat den Sammel-Marathon schon hinter sich. Er erzählt, dass die 30 Tage, die sein Projekt „The Numinous Place“ lief, für ihn die Hölle waren. „Du musst wirklich für die Idee brennen und deine ganze Energie hineinstecken“, sagt er, „aber das Hochgefühl des Erfolgs ist es auf jeden Fall wert.“
Dank Kickstarter gelang es dem Autor, in den letzten Stunden die nötige Summe zu sammeln: 75.000 US-Dollar brauchte er, um einen Prototypen seines Multimedia-Projektes zu erstellen, das später auch über Smartphones oder Tablet-Computer nicht nur gelesen, sondern „erlebt“ werden kann. Es soll das weltweit erste wirklich multidimensionale Fiction-Werk werden. (Mehr können Sie auch im Interview erfahren, das wir Anfang Oktober mit ihm führten.)

Kreativ waren auch etliche Stände auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse.
Was braucht eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne? Alle Diskutanten waren sich an diesem Mittag einig, dass man seine Zielgruppe genau kennen muss und am besten vorher schon testet, ob es überhaupt einen Markt für die Idee gibt. Außerdem müsse das Projekt schon weitgehend finanziert sein, das Crowdfunding-Geld könne lediglich den Rest erzielen. „Und die Macher sollten eine beträchtliche Gruppe von Fans haben, bevor sie ihre Idee online stellen“, sagt Marija Popovic vom European Design Center. Dann heißt es, das Projekt durch diverse Kanäle – etwa Internet, Rundmails und Werbung – zu promoten. Die Formel für den Erfolg: „Es braucht die drei F – family, friends and fools“, so Popovic.
Die Expertin vom European Design Center analysiert die verschiedenen Plattformen, die es gibt. Zudem hat ihr Institut mit „How to Grow“ ein virtuellen Treffpunkt initiiert, der Kreative und Crowdfunding-Plattformen in Europa miteinander vernetzt. Viele Plattformen betrachten ihr Angebot nicht als ein neues Geschäftsmodell, sagt Popovic, sie stellen lediglich eine neue Technologie zur Verfügung.
„Feuerwehrmann“ Schnell und Web-Comedy-Produzent Georgiou müssen noch bangen, ob sie die notwendige Summe zusammen bekommen. Staufer ist da schon weiter und gibt Tipps für Interessierte, etwa zum Aspekt Belohnungen, also dem jeweiligen Dankeschön für die finanzielle Unterstützung. Jeder sollte darauf achten, dass er sich damit nicht noch zu viel zusätzliche Mühe macht, sagt der Neuseeländer. „Wir schicken zum Beispiel keine Puppe nach Lettland“, berichtet er, „alle Belohnungen sind digital.“ Rund ein Drittel des erschwärmten Betrags geht für die Dankeschön-Aktionen drauf.
Mit 75.000 US-Dollar hat Mark Staufer durch Kickstarter eine beachtliche Summen erhalten. Die US-Plattform verfügt über das größte Netzwerk und ist in der Branche bisher am bekanntesten. Kickstarter gehört zu Amazon und die Bezahlung funktioniert (zumindest in den USA) wie beim E-Commerce-Versandhaus selbst. In Europa ist der Bezahlmodus teilweise etwas komplizierter. Bei der gemeinnützigen Plattform Startnext aus Deutschland etwa, die auch Schnell und Georgidou gewählt haben, muss man sich zunächst registrieren. Dann werden die Beträge direkt an Startnext überwiesen – per Sofortüberweisung, Vorkasse oder Paypal. So manchen ungeübten User schreckt das ab. Vermutlich wird sich das System noch etwas ändern oder Crowdfunding mit der Zeit etablierter, sodass die essenziell wichtige Zahlung nicht mehr als Hürde angesehen wird. Dies ist zumindest die Hoffnung der Kreativen.

Kickstarter ist bisher die erfolgreichste und bekannteste Plattform – es entstehen aber weiterhin neue.
In Europa denken Initiatoren eher in kleinen Summen – viele Projekte versuchen gerade mal 3.000 bis 7.000 Euro zu erreichen. Wirkliche Gewinne lassen sich damit nicht erzielen. In den USA werden die meisten Ideen höher angesetzt, hier gibt es ohnehin eine stärkere Tradition des Mäzenatentums und der privaten Förderung als in Europa. Außerdem haben englischsprachige Ideen es einfacher, da sie sich weltweit verbreiten lassen.
Auch wenn an diesem Tag mit rund 40 Zuhörern eine relativ kleine Crowd zusammen kam, so war diese doch sehr interessiert – und im Anschluss wurde noch weiter diskutiert. Einige Zuschauer planen ebenfalls, über die neuen Plattformen ihre Projekte zu realisieren. Zum Beispiel Peter Koudstaal. Der Niederländer aus Den Haag hat drei Jahre an seinem Fotobuch „Music Brings Us Together“ gearbeitet. Es featured große Musikfestivals wie Roskilde und Lowlands, neben seinen Fotos werden auch Reportagen von internationalen Musikredakteuren und Illustrationen vorkommen.
Was hat ihm die Diskussion gebracht? „Am meisten sind mir die drei F in Erinnerung geblieben“, sagt der Niederländer. „Außerdem habe ich gelernt, dass wenn man eine etwas größere Summe braucht, Kickstarter die beste – und vielleicht sogar die einzige – Plattform ist, die uns hilft.“ Koudstaal hat schon einen Verleger, möchte nun aber noch 15.000 US-Dollar sammeln, um sein Herzensprojekt fertigstellen zu können. Nach Gesprächen mit weiteren Teilnehmern, überlegt er zudem, den Zeitpunkt seiner Kampagne etwas zu verschieben. Eigentlich sollte seine Kickstarter-Kampagne schon jetzt starten, doch nun möchte Koudstaal bis Ende Januar warten. „Die Festival-Saison beginnt im April 2013, die Tickets dafür sind meist schon Mitte Januar verkauft.“ Danach sind also alle Musikfans schon im Festivalfieber. Von dem, was Koudstaal erzählt, scheint er ähnlich zu brennen wie Mark Staufer.
Via Kickstarter und Startnext können Sie in den kommenden Monaten verfolgen, ob die hier erwähnten Kreativen genügend Freunde, Familienmitglieder und Verrückte gefunden haben, die die jeweilige Idee zum Erfolg führen. Vielleicht planen Sie ja auch ein Projekt? Dann lassen Sie es uns wissen.
Pingback: Crowdpublishing auf der Buchmesse und rings herum | Kraut Publishers