Von schlafenden Autoren und Beyoncé-Haka-Tänzen

Drei Neuseeländer und ein Kiwi-Freund: Kevin Chapman, Emily Perkins, Juergen Boos und Tanea Heke
Tanea Heke, Projektleiterin des Ehrengast-Auftritts, war bereits am Samstag den Tränen nahe, als sie darüber nachdachte, dass sie bald in ein Flugzeug in Richtung Neuseeland steigt. Einerseits freut sie sich, nach drei Monaten endlich wieder in die Heimat zu reisen, andererseits weiß sie, “dass ich all diese wunderbaren Menschen, die ich hier kennengelernt habe, eine ganze Weile nicht mehr sehen werde”. Die Aufgabe habe ihr Leben verändert und sie ist glücklich, dafür ausgewählt worden zu sein.
In T-Shirt, mit kurzem Rock und Flip Flops wirbelte Tanea über das Messegelände, bezauberte die Besucher der Agora und des Pavillons mit ihren charmanten Ansprachen. An einem Nachmittag lud sie gleich alle rund 150 Pavillon-Besucher nach Neuseeland ein und sagte: “Wenn ihr da seid, meldet euch bei mir, ich gehe dann gerne einen Latte oder Flat White mit euch trinken.” Sie würde das wirklich tun. Wie schon gestern berichtet, pflegt die Kulturfrau mit den Maori-Wurzeln meist das typisch neuseeländische Understatement. Und doch spürte man und sie sagte es dann auch, dass sie stolz ist, was ihr Team, die Künstler und Autoren geleistet haben.
Im Vorfeld wurde diskutiert, ob das Gleichgewicht stimme: Wird die Maori-Kultur überrepräsentiert, weil dies nun mal der Exotenbonus ist? Wie viel Tamtam wird um den “Hobbit” gemacht? Kann der Pavillon so schön werden, wie der im Vorjahr von den Isländern? “Es war auf jeden Fall der nasseste Pavillon”, sagt Juergen Boos, der Direktor der Frankfurter Buchmesse. Während der Messetage stapften einige Besucher ins “Meer” und stellten so fest, dass die sich spiegelnde Fläche tatsächlich Wasser ist. Obwohl die Helfer am Eingang in ihren “Kia ora”-T-Shirts auch stets darauf hinwiesen.

Am Montag reisten die meisten Autoren zurück nach Neuseeland
Juergen Boos trug am Sonntag bei der Übergabe der GastRolle unter seinem Anzug ebenfalls eines dieser Shirts. Als er die Bühne betrat, war er den Tränen nahe, denn Moderator Thomas Böhm hatte gerade eine für Boos unerwartete Lobrede auf ihn gehalten. Auch war er traurig, die Neuseeländer wieder ans andere Welt reisen zu lassen. Im Publikum kullerten (wie im vergangenen Jahr) einige Tränen. Die feierliche Übergabe scheint wohl jedes Jahr ein Tränenmeer zu sein.
Für mich war der Pavillon am schönsten, wenn der große Vorhang aufgezogen wurde. Dann hatte man einen freien Blick auf das Gewässer, die Bühne und die großen Projektionsflächen, über die die Dichter oder Musiker flimmerten. Sonst wurde dort ein 20-minütiger Film gezeigt, der unter anderem einen Einblick in die neuseeländische Literatur, die Filme und Comics gab. Manchen Zuschauern war dies zu wenig, sie hätten sich mehr Literatur zum Anfassen gewünscht. Und kritisierten, dass wenn der Vorhang geschlossen war und der Film weiter lief, die Geräuschkulisse die Gesprächsrunden mit den Autoren störten. Doch abgesehen davon, mochten viele Besucher die Stimmung in der Dämmerung.
“Einen Nachmittag habe ich mich an den Vorhang gesetzt und bin kurz eingeschlafen”, erinnert sich Lloyd Jones und lächelt. Dabei hatte der Autor, der nun rund drei Monate in Deutschland war, noch nicht mal mit dem Zeitzonenkater zu kämpfen, wie viele seiner erst kurz vorher angereisten Kollegen. Jones war zum ersten Mal auf der Buchmesse und ist angetan vom professionellen und schönen Gelände, er hatte sich eher eine altbackene Messe vorgestellt.

Bibliothek voller Preisen: Die Schriftstellerin Elizabeth Knox gemeinsam mit ihrem Mann Fergus Barrowman
Alan Duff, der nicht leicht zu begeistern ist, war überwältigt “wie sehr die Deutschen Bücher lieben.” Der 62-Jährige lebt seit einigen Jahren in Frankreich. “Die Franzosen lieben schon Bücher, aber die Deutschen toppen das noch. Es ist fantastisch.” Der Verleger Fergus Barrowman von Victoria University Press konnte sich über ein großes Interesse an seinen Autoren freuen. Da Neuseeland erst kurzfristig zum Ehrengast ernannt wurde, war die Zeit, Bücher an deutsche Verlage zu verkaufen, recht knapp. “Ich habe schon einige Deals gemacht, zum Beispiel werden bald Bill Manhires Gedichte auf Deutsch erscheinen”, erzählt er am Rande der feierlichen Übergabe der GastRolle an Brasilien.
Verleger Kevin Chapman, der zugleich auch Präsident der Publishers Association of New Zealand ist, kommentiere die Zeit auf der Messe scherzhaft mit “Frankfurt Book Fair on steroids”. 68 Autoren kamen dieses Jahr nach Deutschland. Ist überhaupt noch jemand zu Hause, witzelten manche. Eine der Schriftstellerinnen ist Emily Perkins. “Ich bin froh, dass wir uns hier repräsentieren und auch mehr als die Klischeevorstellungen über Neuseeland zeigen konnten”, sagt sie. Zu denen gehören die zahlreichen Schafe, die schönen Landschaften, die Hobbits und die augenrollende Kriegstänze. Wurde die Maori-Kultur überrepräsentiert und als Exotenbonus genutzt? “Nein”, sagt Perkins,”die Maori-Kultur ist ein wichtiger Teil von Neuseeland, ein Teil unserer Identität.”
Fernab der klassischen Literatur und den traditionellen Haka-Tänzen, gab es eine polynesische Männergruppe  mit beeindruckend großen Tattoos, die täglich auf dem Messegelände im Freien performten – sie mischten klassische Tänze und Lieder mit modernen Songs. Anfangs wusste ich nicht, was ich davon halten sollte. Bis ich sah, wie sie zu Beyoncés “Single Ladies” performten. Leider habe ich dazu kein Video gefunden, aber seht euch das Originalvideo an und stellt euch dann vor, wie muskulöse und beleibte, halbnackte Männer dazu leidenschaftlich tanzen.
Die Buchmesse-Woche ging wieder schnell herum und auch ich kann mir noch nicht wirklich vorstellen, dass die Kiwis jetzt alle im Flieger nach Neuseeland sitzen. Bei einer Reisezeit von 35 Stunden werden sie in wenigen Stunden in ihrer Heimat ankommen. Der diesjährige Ehrengast hat uns viele Geschichten erzählt und schöne Momente erleben lassen  – und ich werde sicherlich nächstes Jahr noch mal dort hinfliegen und den einen oder anderen Flat White trinken. Hoffentlich ist mir bis dahin die Melodie zu Beyoncés Song aus dem Kopf gegangen.
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