State of the arts: Als Kunstkritikerin zum ersten Mal auf der Buchmesse. Ein Vergleich mit der Art Basel. | Blog der Frankfurter Buchmesse

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State of the arts: Als Kunstkritikerin zum ersten Mal auf der Buchmesse. Ein Vergleich mit der Art Basel.

Am Sonntag ging die Frankfurter Buchmesse zu Ende. Ich war zum ersten Mal dabei. Als ich am 10. Oktober hier eintraf, hat mich schon allein die Größe der Messe überwältigt, ihre Bandbreite; Hunderte, Tausende von Büchern und Hunderte, Tausende von Menschen. Die Besuchergruppen aus China oder Indien oder Amerika, die sich auf Laufbändern fortbewegten, ließen mich an den Istanbuler Flughafen denken – außer, dass man sich hier nicht beeilte, um einen Flug zu erwischen, sondern um ein Meeting, eine interessante Podiumsdiskussion oder ein Glas Wein auf einer 17-Uhr-Standparty nicht zu verpassen.

Obwohl ich für meinen Zeitschriftenjob (ich bin Berlin-Korrespondentin für die in London ansässige Zeitschrift Monocle) über alles Mögliche schreibe und für diesen Blog mehrere Interviews verschriftlicht habe, bin ich keine Autorin, sondern hauptsächlich Kunstkritikerin. Das hatte zur Konsequenz, dass ich, besonders, weil es mein erster Besuch hier war, die Frankfurter Buchmesse (FBM) vor allem mit ihrem Pendant in der Kunstwelt verglich: der Art Basel (AB).

Schauen wir uns doch zum Spaß mal die auffälligsten Unterschiede an: Die AB hat viel größere Dinge zu verkaufen – Skulpturen, Gemälde, Konzeptkunst. Es gibt dort viel mehr Damen, die High Heels und Leopardenmuster tragen und ganz offensichtlich mit plastischer Chirurgie nachgeholfen haben. Die AB hat ein mehrstufiges VIP-System sowie Bereiche, die für manche Leute erst zu einer bestimmten Zeit geöffnet sind (oder gar nicht, was von der Farbe der Eintrittskarte abhängt). Das ist ärgerlich, aber vermutlich notwendig.

Die FBM ist mindestens viermal so groß. Hier gibt es Annehmlichkeiten wie Mini-Supermärkte, nett aussehende Cafés, Eisstände (!) und eine Menge Toiletten (AB, merk dir das mal). Die FBM fühlt sich gar nicht nach VIP an. Sie ist demokratischer, vielleicht sogar ein wenig utopisch – eben ein Ereignis, zu dem sich die Welt unter dem Banner des Friedens, des Lesens und einer höheren Erkenntnis zu versammeln scheint (und natürlich, um sich Auslandsrechte zu sichern und solche Dinge, aber dazu kommen wir später).

Die Atmosphäre der Offenheit und Zugänglichkeit auf der Buchmesse ist eigentlich nur folgerichtig: Wie schon der Hauptredner der StoryDrive-Konferenz, Jonathan Gottschall, hervorhob, sind Geschichten in unsere Gehirne fest einprogrammiert. Geschichten bringen Menschen zusammen – vielleicht noch mehr als Bilder. Auf der finanziellen Ebene ist ein Buch außerdem etwas, das sich fast jeder leisten kann, während auf einer Kunstmesse nur ganz wenige Auserwählte in der Lage sind, Millionen für ein Gemälde des Papstes Innozenz X. von Francis Bacon auszugeben, oder etwas weniger für eine große, runde Skulptur der jungen Berliner Künstlerin Alicja Kwade.

Über diese Dinge dachte ich nach, als ich über die Buchmesse ging, und auch jetzt beschäftigen sie mich noch – denn dieser Teil des Buchmesse-Blogs dreht sich um „Geld und Leidenschaft“. Als ich mich mit unserer „Blog Mom“ und Initiatorin der Idee, Nina Klein, unterhielt, stellte ich fest, dass eine Buch- und eine Kunstmesse trotz aller Unterschiede etwas gemeinsam haben: Gespräche, in denen es um Geld geht, werden unter einem diskreten Schleier verborgen, obwohl jeder weiß, dass sie zu den Hauptgründen gehören, aus denen wir alle hier sind (Frankfurt ist schließlich der Hauptumschlagplatz für Auslandsrechte und Vieles mehr). Doch der Grad der Diskretion macht es fast unmöglich, über einige der Kräfte, die die Branche antreiben, zu sprechen. Nina erzählte mir, dass man, wenn man in die Datenbank der Buchmesse mit ihren mehr als 7.000 Aussteller-Einträgen das Wort „Geld“ bzw. „money“ eingibt, nur sieben Ergebnisse erhält und für den Begriff „Leidenschaft“ bzw. „passion“ nur 14.

Ich frage mich, wie die Suchergebnisse ausfallen würden, wenn man euphemistischere Wörter wie „sales“ oder „Inspiration“ eingäbe. Aber ich frage mich noch mehr, warum es – in einer Zeit, in der sich die Verdienstmodelle für Bücher, E-Books und anderes geistiges Eigentum so rapide und dramatisch verändern – nicht viel mehr transparente Diskussionen darüber gibt, wie Autoren und Verleger jetzt und in Zukunft Geld verdienen werden. Wie werden es die Autoren schaffen, mit ihrer Leidenschaft und ihrem Antrieb, die sie ja besitzen müssen, um ihr Werk zu kreieren – das Feuer, das sie antreibt, die große Idee, der Glaube, die Disziplin und der Wille, Hindernisse zu überwinden, um die Geschichten aus ihrem Kopf auf die Seite oder den Bildschirm zu bannen – ausreichend Geld zu verdienen? Jahrelang habe ich darüber nachgedacht, wie das bei bildenden Künstlern funktioniert (der Kunstmarkt brummt gerade mehr denn je trotz der andauernden Rezession, was einiges aussagt), und nun bin ich fasziniert davon, es auch mal in Bezug auf eine Branche zu betrachten, die ich viel weniger gut kenne.

In Ninas Briefing zu diesem Blog hieß es als Denkanstoß, wir sollten uns doch einmal aus zwei Perspektiven anschauen, wie die verschiedenen Mitwirkenden der Lieferkette der Buchbranche mit Inhalten, mit „content“, umgehen: Bei der einen Perspektive liegt der Schwerpunkt auf dem Schreiben und der Geschichte selbst; darauf, wie man die Arbeit des Autors (Leidenschaft) unterstützen und fördern kann. Die zweite konzentriert sich auf neue, funktionierende Möglichkeiten bei Marketing, Verpackung/Aufmachung und Verkauf (Geld).

Die beiden Bereiche zu trennen, ist allerdings schwieriger, als es aussieht, und wenn man darüber nachdenkt, kommt eine Flut an Folgefragen hinterher: Werden manche Leute heutzutage Autor, weil sie eine Story haben, oder wegen des Geldes, das sie durch eine Veröffentlichung verdienen könnten? (Ich persönlich kenne ein paar Autoren, die definitiv auf Letzteres aus sind). Was können Autoren angesichts immer kleiner werdender Vorschüsse tun? Was ist ein guter Text wert in einer Zeit, in der so viele Inhalte über das Internet gratis ausgetauscht werden? Müssen neue Autoren gleichzeitig Unternehmer sein, um überhaupt auf einen grünen Zweig zu kommen? Wird das digitale Publizieren nicht nur die Art und Weise verändern, wie Autoren ihre Werke veröffentlichen, sondern auch von vornherein ihre Art zu schreiben (in der Kunstwelt kann das Medium übrigens einen großen Unterschied machen)? Welche Rolle spielen Mäzenatentum oder Crowdfunding? Werden die Grenzen zwischen PR und kreativer Arbeit (weiterhin) verschwimmen? Wird man die Autoren und Verleger, die nichts Digitales vorzuweisen haben, in Zukunft noch ernst nehmen? Wird Kreativität zum Luxus, den sich nur noch durch Reichtum Unabhängige leisten können? Puuuh. All das macht einen ganz wirr im Kopf (viele dieser Fragen kommen von Nina – gepriesen sei sie, denn sie bieten den ultimativen Stoff zum Nachdenken).

Auch, als ich für den Blog verschiedene Leute interviewte, schwirrten mir diese Fragen durch den Kopf – was zunächst dazu führte, dass ich mich überfordert und pessimistisch fühlte. Aber gleich darauf führte ich Gespräche mit Autoren wie Gottschall (der akademisch, old-school und ganz auf die Geschichte konzentriert ist), Evan Ratliff von Atavist (einer Multimediaplattform, auf der Journalisten längere Reportagen veröffentlichen können, ohne ihre Rechte komplett an Zeitschriften abzutreten – auf der sie vielmehr jedes Mal, wenn sich ihre Story verkauft, die Hälfte des Gewinns erhalten) oder Matt Costello, einem Pionier des crossmedia-Schreibens – und ich stellte fest, dass es keinen Grund gibt, skeptisch zu sein. Inspirationen für Autoren gibt es immer noch, und anstatt über die Veränderungen in der Buchbranche zu jammern, führen viele dieser Autoren die Bewegung an, die Geschichten in jeder Form hochhält und vermarktet.

Als es um die Seite der Verleger ging, war mein Gespräch mit Sharmaine Lovegrove– die ich bisher hauptsächlich von Kindergeburtstagen in Berlin kannte – ebenso optimistisch. Lovegrove ist die neue „E-Agentin“ für International Author Relations bei epubli – ihr erster Schritt in die digitale Verlagswelt, nachdem sie zuvor in gänzlich analogen Buchläden Bücher verkauft hat (im Buchladen der London Review in London und in ihrem eigenen Shop Dialogue Books in Berlin). Sie sieht die neuen Veröffentlichungsmodelle als Chance für Autoren, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen, wie es auch schon Musiker (oder, wiederum, bildende Künstler) getan haben. E. L. James’ Riesenerfolg mit der Fifty-Shades-Trilogie ist der Beweis dafür, dass ein Autor mit genug Leidenschaft, Köpfchen und etwas Glück nicht unbedingt Teil der traditionellen Maschinerie sein muss, um seine oder ihre Geschichte hinaus in die Welt zu tragen. James hat natürlich ihr größtes Publikum erreicht, als sie schon von den traditionellen Kanälen aufgegriffen worden war, aber die Entstehung ihres Erfolgs zeigt, welche Möglichkeiten neue Modelle eröffnen können.

Es ist unglaublich aufregend, sich klarzumachen, dass es noch nie eine Zeit gab, in der so etwas möglicher war als heute. Und anstatt davor Angst zu haben, oder zu kritisieren, wie ein Buch daherkommt (Insiderwitz: Auch die hochgeistige Literatur [„Literature with a capital L“] kann auf einem E-Reader gelesen werden!), sollten wir das, was in der Branche passiert, willkommen heißen – als Chance für mehr Menschen voller Leidenschaft; Autoren, die sich vielleicht, aus welchen Gründen auch immer, von der Branche ausgeschlossen fühlen, ihre Geschichten herauszubringen.

Ich fühlte mich von den StoryDrive-Sprechern inspiriert – hinsichtlich all der Möglichkeiten, alldem, was mit einer guten Story passieren kann. Auch wenn die Deutschen noch nicht wirklich auf den E-Reader-Zug aufgesprungen sind, war ich doch beeindruckt zu sehen, dass das Digitale auf der Messe selbst durch Events und anderes in den Fokus gerückt wurde. So mancher argumentiert, dass diese neuen Möglichkeiten die Welt mit schlechten Texten überschwemmen werden (à la: der „Abgelehnt“-Stapel eines jeden Agenten wird nun zu einem Stapel grauenvoller, im Eigenverlag herausgebrachter Bücher), aber wir sollten nicht vergessen, dass sich Qualität meist durchsetzt und, in den Worten Costellos, dass Menschen für etwas bezahlen werden, für das sie sich begeistern.

Kommen wir zurück zu meinem ursprünglichen Vergleich mit der Kunstwelt. Trotz all der „Türsteher“ in der Kunstindustrie haben bildende Künstler sich stets eine gewisse Macht durch Eigenproduktionen bewahrt: Sie generieren ihr eigenes Publikum durch Projekträume, von Künstlern geleitete Galerien, Interventionen, Performances im öffentlichen Raum usw. Manche Künstler sieht man hauptsächlich in Museen; andere sind bei Galerien und Sammlern beliebt, aber viele von ihnen schaffen beides (hier eine Anmerkung: Nicht alles ist toll, nur weil der Kunstmarkt gerade stark ist; siehe dazu den Wutausbruch des exzellenten Kunstjournalisten Jerry Saltz zum Thema „Kommerzialisierung der Kunstwelt“ kürzlich auf Facebook: https://www.facebook.com/jerry.saltz/posts/10151201480949267)

Autoren sind heute in einer Position, etwas Ähnliches tun zu können. Sie können ihre eigene Macht in einer Weise behaupten, die weit von einem Henry Miller entfernt ist, der an einer Straßenecke in Brooklyn für ein paar Cent seine Kurzgeschichten verkaufte, um sich etwas Geld für Essen zu verdienen. Es gibt für Geschichten, die mit Leidenschaft geschrieben wurden, mehr Möglichkeiten denn je, gelesen, gehört, abgespielt, gesehen zu werden – und ihre Autoren können damit auf traditionelle Art Geld verdienen, oder sie im Eigenverlag, bezahlt durch Crowdfunding, veröffentlichen, oder sich erst per Self-Publishing einen Namen machen und dann zu einem großen Verlag gehen, oder die Bücher an eine Computerspielfirma lizenzieren, anstelle von oder zusätzlich zu Filmrechten. Verleger bauen heute eher Abteilungen für, sagen wir, Filmproduktionen auf, als dass sie die Rechte lizenzieren. Gleichzeitig wird es noch lange Bücher geben. Das Alte und das Neue schließen sich nicht gegenseitig aus. Es dürfte auch jetzt noch genauso schwierig sein, einen Bestseller zu landen oder ein großer Star zu werden, aber die Eintrittsstellen sind mehr geworden, und das kann nur gut sein.

Also – mein erster Besuch in Frankfurt, und ich merkte, dass ich erleichtert war, hier zu sein und nicht bei der Frieze Art Fair (einer Mega-Kunstmesse, die so groß ist wie die in Basel und zur gleichen Zeit wie die Buchmesse in London stattfand). Überhaupt nicht vermisst habe ich den Hype, die VIP-Bereiche, die wunden Füße und das ganze Botox. In Frankfurt hatte ich den Eindruck einer Branche in Bewegung und mit einem Riesenstrauß neuer Möglichkeiten. In den Worten Arnold Schwarzeneggers (der übrigens am Mittwoch, dem 10. Oktober, auf der Messe war, um seine Autobiografie Total Recall vorzustellen): I’ll be back.

(„Alles in Ordnung“: Ein schamloser Hinweis auf den Fotografen Andreas Meichsner, mit dem ich schon journalistisch gearbeitet habe. Freue mich, dass er die Silbermedaille beim deutschen Fotobuchpreis gewonnen hat!)

Kategorien:
Geld und Leidenschaft

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