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Ich bin ein Roman

 

Das Foto zum Thema ist von Harald Schröder

Guido Rohm wurde 1970 in Fulda geboren, wo er heute auch lebt und arbeitet. Er schreibt u.a. Buchrezensionen für verschiedene Onlinemagazine.  Mehrere Romane und Erzählungen von ihm sind u.a. im  Seeling-Verlag erschienen. Der Roman Blutschneise wurde beim Krimi-Blitz 2011 auf den 2. Platz gewählt. Auf die Fragen zur Finanzierungsmodellen von Kreativität hat er mit einem Prosatext geantwortet, der so einsetzt: „Ich bin das, was sich teilt. Ich gebe mich her. Ich drücke mich in viele Hände. Ich verkaufe mich. Ich verschenke mich. Öfter. Meist. Ich bin ein Fortsetzungsroman.“

 

DAS IST ES

Ich bin das, was sich teilt. Ich gebe mich her. Ich drücke mich in viele Hände. Ich verkaufe mich. Ich verschenke mich. Öfter. Meist. Ich bin ein Fortsetzungsroman. Stück für Stück schiebe ich mich in virtuelle Briefkästen. Ich bin ein gedrucktes Buch. Ich bin ein Vogel. Ich zwitschere es von den Ästen, die meine Arme sind. Meine Arme bewegen sich auf und ab, stets dem Takt des Schreibens verpflichtet. Das Schreiben erschafft mich. Ich bin überall. Kann jeder sein. Papst. Ulrike Meinhof. Guido Rohm. Leopold Bloom.

Ich scheine auf, sprieße aus dem Pixelboden. Ich nagele mich an ein Kreuz. Ich bin der Sohn Gottes, der in den Hallen eines sozialen Netzwerkes vom Kommenden kündet. Ich bin ein Satz auf einer Pinnwand bei Facebook. Beurteilt. Verurteilt. Geteilt. Mit einem Daumen versehen. Geschnitten. Überscrollt. Ich bin Mark Zuckerberg. Eine Geschichte könnte dies beweisen; noch steht sie aus. Ich bin ein Avatar. Ich bin ein Gesicht, in dem man die Geschichte seiner Sichtungen lesen kann. Alles wächst auf dem Gesicht: Kitsch, Trash, Bach, Pynchon, Maier.

Es gibt mich nicht. Es gab mich noch nie. Es gab nur es, denn es ist es, das mich zu einer Romanfigur macht. Es erfindet mich, und indem es mich erfindet, finde ich den Text, der mich beschreibt. Ich lese mich, ich vertiefe mich in mich.

Ich bin es. Und es ist ein Roman.

Es ist Schriftsteller. Es erwacht am Morgen, es schleppt und ächzt sich aus dem Bett, dem Kahn, der durch die Nacht schipperte, entlang der Grenzen des Bewusstseins, das weiß: Ich bin es nicht, der schreibt, sondern es beschreibt unaufhörlich mich. Es schreibt mein Leben, es baut mich Zellstein für Zellstein, die in Moria geschlagen wurden. Es zeichnet mich mit Buchstaben. Es liebt und fickt und atmet. Es lacht, es weint. Es trinkt Wein, speit ihn aus. Es geht einem Broterwerb nach, weil dies ein Teil seiner Geschichte ist. Es ist Literatur, die verhungern würde, wenn es seine Schreibhände nicht anbieten würde. So ist es. Es ist eine Fiktion im Gewand eines realistischen Romans. Es ist ein Roman, der Buchstabe für Buchstabe wächst, während ich beständig zerfalle, um es zu werden. Ich zerreibe mich. Unaufhörlich. Ich wird es. Ein zerbrochener Spiegel. Scherben, in denen sich mein Gesicht spiegelt. Wieder und wieder. Tausendfach. Treibend im Fluss der Elektrizität. Das ist es. Gefangen in den unendlichen Straßen des Internet. Dort taumelt es von Bar zu Bar. Dort kann es alles sein, von dem bisher nur seine Träume, später das Papier wussten. Es erhebt sich in die Lüfte. Stürzt sich von Türmen. Weiß nichts von Geld, gar von finanziellen Nöten, weil es alles tun kann, dort in dieser Megastadt, die zerfurcht ist von Gedanken, Albträumen, Hoffnungen, Ängsten.

Dort kann es alles sein. (Es kann dort auch mich sein.) Es kann einen Roman schreiben. Es kann ihn hochladen. Es kann das Geschriebene in Sekunden scharf machen. Kann die Literatur detonieren lassen. Hier. Dort. An vielen Straßenecken dieser Stadt. Es kann die Stadt in Schutt und Asche legen. Es kann sie aufbauen.
Es kann zu einem Attentäter werden, einem Weltenretter, einem Flüchtling, einem Schriftsteller, der nicht von dem, was er ins virtuelle Nirwana schleudert, leben kann. Das Leben ist jener mysteriöse Ort geworden, den es außerhalb der Bildschirme geben soll.

Das Leben ist angefüllt mit Handlungsorten. Das Leben besteht aus Schauplätzen. Aus Tragödien. Aus Tod. Aus Liebe. All dies schleifen die Schriftstellerhände, die stets auch Jägerhände sind, in die Seiten des Romans, des größten vielleicht, der je geschrieben wird: Das Internet.

Im Netz literarisiert man sich, man wird es, das sich einschreibt, das sich einträgt, das sich löscht, das sich neu erfindet, das sich gebärt, das sich entführt, das sich auf Schultern trägt, das sich twittert, das sich e-bookt, das sich hochfährt und runterlädt.

Ich bin es. Ich bin ein Roman.

 

Guido Rohm, Faust-Kultur

Foto: Harald Schröder

www.faust-kultur.de

 

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