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Dichterlegende und Menschenfresser

Der Blick ist unbezahlbar: Bill Manhire in seinem Büro

Während der Messewoche wurde Hinemoana Baker von mehreren Fernsehreportern interviewt. Einer bat die Dichterin, dass sie doch mal erklären soll, was die Maori auszeichne. Aber bitte schön in 25 Sekunden! Später erzählte sie Bill Manhire davon. Der schüttelte den Kopf und sagte, Hinemoana hätte einfach kurz und knapp antworten können: “Wir essen Menschen.”

Der heute 65-Jährige unterrichtete Hinemoana einst im Kreativen Schreiben am International Institute of Modern Letters (IIML) der Victoria University in Wellington. Seit 1973 führt er die Klasse, die meist nur noch Bill-Manhire-Kurs genannt wird. Etliche neuseeländische Autoren, die auf der diesjährigen Buchmesse waren, bildete er aus: neben Hinemoana zum Beispiel auch Paula Morris, Elizabeth Knox, Jenny Borcholdt, Chris Price, Sarah Quigley und Kate Camp.

Sein ironischer Kommentar bezieht sich darauf, dass es in Neuseeland anfangs Kannibalismus gab, der den Maori einst einen brutalen Ruf einbrachte, die Kriegstänze (Haka) taten ihr Übriges. “Dabei sind wir Autoren die größten Menschenfresser auf der Welt”, sagt Manhire und meint dies nicht ironisch. “Wir benutzen echte Menschen sowie deren Geschichten und verarbeiten sie in unseren Romanen, Kurzgeschichten oder Gedichten.” Er selbst habe das ebenfalls gemacht.

Im Eingangsbereich steht der Schreibtisch einer anderen Legende – von Janet Frame

Manhire ist ein preisgekrönter Lyriker und Autor von Kurzgeschichten. Der Neuseeländer brachte schon diverse Anthologien heraus, eine davon ist gerade auf Deutsch bei dtv erschienen: “Ein anderes Land”  präsentiert Short Storys aus seiner Heimat. In Neuseeland ist das Werk in mehreren Auflagen erschienen, stets mit einem szenischen Naturcover. So auch bei der deutschen Fassung, das Titelbild zeigt einen Abschnitt des 90 Miles Beach auf der Nordinsel. “Ich mag, dass das Covermotiv so viele Schichten hat – vom Strand über das Meer bis hin zum Himmel.” So vielschichtig wie das Bild, sind auch die Geschichten der 18 Autoren. Short Storys haben in Neuseeland eine große Tradition: “Kleine Inseln mögen kleine Dinge”, sagt er. Bill Mahire findet, dass seine Landsleute einen Blick für Details haben, und dieser intime Blick auf die Welt lasse sich gut im Genre Short Storys wiedergeben.

Neben international bekannten Kollegen wie Witi Ihimaera und Keri Hulme, beinhaltet das Buch auch eine Story von Damien Wilkins. “Die Welt der Kinderbücher” erzählt von einem Ausflug mehrerer Autoren zum Leuchtturm in Cape Reinga, nicht sehr weit von jener Stelle entfernt, die auch das Buchcover zeigt. Einige der Teilnehmer überlegen, im Pazifik schwimmen zu gehen. Gavin verschätzt sich dabei und ertrinkt fast, wird aber von Carl gerettet. Die Story beruht auf einer wahren Geschichte – die Rede ist von Carl Nixon, der Gavin Bishop aus dem Meer fischte. Natürlich hat Wilkins das Erlebnis verändert und zugespitzt, aber der Text macht ihn zum “Menschenfresser”. Der 49-Jährige unterrichtet ebenfalls seit einigen Jahren am IILM in Wellington. Wenn Manhire nächstes Jahr seinen Posten abgibt, wird Wilkins die Leitung übernehmen.

Von solchen Bäumen kann Island nur träumen: Kauri-Baum auf der Nordinsel Neuseelands

In Neuseeland besuchte ich die beiden im Institut, das etwas versteckt auf einem Berg in Wellington liegt. Im Eingangsbereich steht der alte Schreibtisch von Janet Frame, einige Zimmer weiter befindet sich Manhires Büro. In den prall gefüllten Regalen stehen auch isländische Sagas, der Dozent studierte nordische Literatur. Er kennt sich also gut aus mit den Klassikern des vorherigen Ehrengastes. Bei der Übergabe der GastRolle an Neuseeland zählte der isländische Projektleiter Halldór Guðmundsson scherzhaft die Parallelen der beiden Inselvölker auf, was den Slogan “Neuseeland – Island mit Bäumen” prägte.

Von seinem Wellingtoner Büro aus hat der Lyriker einen fantastischen Blick auf die Stadt, die Bucht und das Meer. Diesen Panoramablick werde er ganz sicher vermissen, ansonsten sieht er seinen bevorstehenden Abschied eher gelassen. “Dann habe ich wieder mehr Zeit für meine eigenen Gedichte und Geschichten”, sagt er. “Außerdem wollte ich noch einige Klassiker der russischen Literatur aus dem 19. Jahrhundert lesen.” Sicherlich werde er auch mal im Institut vorbeigehen, aber “ich möchte nicht der Geist in der Ecke sein”. Seine Leser wird es freuen, dass er in Zukunft an weiteren Werke arbeitet.

Zurück zur Buchmesse: Wie findet er es, all seine Schützlinge in Frankfurt auf der Bühne zu sehen? Ist er stolz, sie ausgebildet zu haben? “Es macht mich recht glücklich, dass der Glanz auch auf mich abstrahlt”, sagt er in seiner bescheidenen Art. Denn natürlich war der stille Poet selbst einer der größten Stars des diesjährigen Ehrengast-Auftritts.

 

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