Tausche Hängematte gegen Messetrubel

Hinemoana zu Hause an der Kapiti Coast
In ihrer Heimat spricht man schon von einer „crowd“, von einer Menge, wenn am weitläufigen Strand gerade mal zwei Personen zeitgleich entlang spazieren. Die Dichterin Hinemoana Baker lebt in einer kleinen Gemeinde an der Kapiti Coast, rund 30 Autominuten außerhalb von Wellington. Ihr Holzhaus, das sie mit ihrer Lebenspartnerin Chris und einer Mitbewohnerin teilt, liegt schön eingerahmt von Palmen und meterhohen Flachsgewächsen in einem Waldstück. Wie vielerorts in Neuseeland ist das Meer natürlich nicht weit entfernt.Als ich sie dort an einem Wochenende besuche, liegt sie morgens in der Hängematte und genießt die Herbstsonne, während ihre Freundin Chris ein herzhaftes Frühstück vorbereitet. Am Vortag waren sie in Canons Creek für die dort ansässige Maori-Gemeinde Flachs schneiden – beziehungsweise wurden die Gewächse vom Unkraut befreit. Das Flachs selbst durften nur Experte mit der Machete bearbeiten. Flachs ist für die Maori ein wichtiger Rohstoff, sie weben aus den robusten Fasern zum Beispiel traditionelle Kleider, Matten und flechten Paneelen für Maraes.

Nichts fürs Weicheier: Flachs schneiden mit der Community
Als Neuseeländerin mit Maori-Wurzeln war es Hinemoana Baker wichtig, der Gemeinschaft zu helfen. Baker besuchte – wie viele Autoren der heutigen Generation – den Bill-Manhire-Kurs, wie der Lehrgang für Creative Writing am International Institute of Modern Letters (IIML) der Victoria University genannt wird.
Viggo Mortensen, der Aragorn in den „Herr der Ringe“-Verfilmungen spielte, ist ein großer Fan des berühmten neuseeländischen Dichters Bill Manhire. Gemeinsam mit dem Filmstar organisierte das Institut einen Literaturabend, an dem auch die damalige Studentin Hinemoana teilnahm. Der Saal war an jenem Tag voll, vor allem die Frauen seufzten beglückt, als sie den berühmten und nicht gerade schlecht aussehenden Schauspieler live erlebten konnten. Gleichzeitig fanden die junge Poeten so ein neues Publikum.
Mortensen wiederum war so begeistert von Hinemoanas Gedichten, dass sein Verlag Perceval Press Co-Herausgeber ihres Debüts wurden: „mātuhi | needle“ erschien 2004. Seitdem folgten weitere Arbeiten, die Poetin ist zudem Songschreiberin und Musikerin. Dieses Jahr nimmt sie außerdem am internationalen „Transit of Venus“-Projekt teil.

Eine ganze andere Welt – Hinemoana beim ZDF-Interview
Seit zwei Wochen nun ist Hinemoana in Deutschland – sie hat ihren Zeitzonenkater überwunden, einige Lesungen in Hamburg und Berlin absolviert. Auf der Frankfurter Buchmesse absolvierte sie einige Fernsehinterviews und wird heute Abend bei „Das Blaue Sofa“ im ZDF zu sehen sein.
Wie ist es nun, diese „crowd“ zu erleben? Immerhin kommen an den fünf Messetagen rund 280.000 Besucher auf das Gelände. „Es fühlt sich an, als wäre ich in Wellington. Dort leben ja insgesamt rund 350.000 Einwohnern“, sagt sie. Auch wenn Hinemoana sonst nicht gerade die Menschenmengen sucht, hier genießt sie den Trubel für den Moment – sie ist bis Sonntag auf mehreren Veranstaltungen. Der Messekomplex ist größer als gedacht, aber wenn es ihr dann doch mal zu viel wird, geht sie einfach in den Pavillon. Beim ersten Rundgang durch das Herzstück des Ehrengastauftritts war sie zu Tränen gerührt. Und die Poetin fügt hinzu: „Der Pavillon ist eine dunkle, friedliche Oase auf einer großen, neon-fluoreszierenden Literaturmesse.“