Jeff Jarvis plädiert für mehr Kollaboration im neuen Journalismus-Ökosystem
Jeff Jarvis ist Buchautor (sein neues Buch “Mehr Transparenz wagen!” erscheint in Deutschland am 12. Oktober), Blogger, Podcaster und Journalismusprofessor. Er leitet an der City University of New York (CUNY) das Tow-Knight Center for Entrepreneurial Journalism. Dort können sich Journalismusstudenten auf die Gründung eigener Startups vorbereiten, zur Abschlussprüfung gehört ein ausgearbeitetes Konzept für ein eigenes Unternehmen. Jeff Jarvis interessiert sich vor allem für die Beziehungen zwischen Journalisten und Nutzern und für neue Businessmodelle für Journalismus in der digitalen Medienwelt. Dazu habe ich ihn am Rande der Onlinejournalismus-Konferenz ONA 12 in San Francisco befragt.

Journalismusprofessor Jeff Jarvis
Welche Trends entwickeln sich derzeit im Unternehmerjournalismus?
Ich glaube, das wissen wir noch nicht. Der erste Trend ist sicherlich, dass Journalisten überhaupt Unternehmer sein können. Lange Zeit ging das nämlich nicht. Man musste derjenige sein, der die Druckmaschine besitzt oder genug Kapital hatte, um damit zu arbeiten. Aber jetzt kann ich meinen Journalismusstudenten beibringen, dass sie ihre eigenen Unternehmen starten können, weil man dafür nur noch wenig Kapital benötigt. Ich glaube, wir versuchen gerade herauszufinden, wie man journalistische Formen und Inhalte neu denken kann und welche Rolle wir Journalisten einnehmen sollten. Ich argumentiere seit einiger Zeit, dass wir Medienmacher uns nicht auf dem Inhaltemarkt sondern auf dem Beziehungsmarkt sehen sollten.
Sollten Journalisten, vor allem in Start-ups, die Kunst der Kollaboration lernen?
Ja, natürlich. Journalisten sollten auf vielfältige Weise lernen, zusammen zu arbeiten. Kollaboration nimmt viele Formen an. Die Arbeit anderer kuratieren – tue das, was Du am besten kannst, und verlinke den Rest – das ist eine Form der Kollaboration. Crowdsourcing und Redistribution ebenfalls. Repost.us ist eine Plattform, die auf der Idee aufbaut, dass man die Inhalte anderer weiterverbreiten kann, und dabei dem Urheber die wirtschaftlichen Vorteile seiner Inhalte und Marke belassen kann, weil die Werbung und die Messmetriken mitwandern. Das ist auch eine Form der Kollaboration. Wenn man in einem Ökosystem von Plattformen und Startups arbeitet, muss man lernen, mit anderen Teilnehmern des Ökosystems zu kollaborieren und hoffen, dass sie im Gegenzug das ebenfalls tun. Was im übrigen Teil der derzeitigen Unmuts über Twitter ist – ist Twitter noch ein guter Kollaborateur? Wir wissen es nicht. Kollaboration bedeutet ja nicht nur, großzügig zu sein. Es geht auch darum, dass man darauf hoffen darf, dass auch andere großzügig sind und einem ermöglichen, innerhalb ihrer Strukturen zu arbeiten.
In traditionellen Medien gibt es eine Grundsatzdiskussion zwischen kostenfrei und werbefinanziert versus Bezahlmauer. Ist das auch für Startups eine wichtige Frage?
Für einige von ihnen, ja. Es gibt eine Reflexhaltung bei Journalisten und Leuten allgemein, dass wenn man ein neues Angebot auf den Markt bringt, die Umsätze von den zahlenden Nutzern kommen werden, aber in der Realität macht diese Denkweise bei Startups wenig Sinn, weil sie anders aufgestellt sind. Erstens ist ihre Kostenstruktur viel niedriger. Und zweitens müssen sie wachsen. Wenn sie von vornherein eine Bezahlmauer errichten, erhöhen sie damit nur ihre Marketingausgaben. Als ich für Magazine arbeitete, gab es die Faustregel, dass es 15 bis 30 Dollar Marketingausgaben kostet, um einen Abonnenten zu gewinnen. Und damit haben die zahlenden Leser noch nicht einmal die Kosten gedeckt, die größte Teil des Umsatzes waren Werbeeeinnahmen. Die Startups haben nicht das nötige Marketingbudget, um Nutzern zu erzählen, dass sie doch bitte hinter die Bezahlmauer schauen sollen, es sei dort nämlich ganz toll. Darauf zu wetten, wird sehr schwer.
Kann Crowdfunding ein gutes Modell für Journalismusfinanzierung sein? Eine Einnahmequelle, auf die Startups setzen können?

CUNY-Absolvent Noah Rosenberg finanzierte sein Projekt Narrative.ly über Kickstarter
Ich habe einen Absolventen meines Studiengangs, Noah Rosenberg, der für sein Projekt Narrative.ly gerade eine erfolgreiche Finanzierungskampagne bei Kickstarter abgeschlossen hat. Er hat mehr als 50.000 Dollar eingesammelt, um auf neuen Wegen sehr intensiv über New York zu berichten. Ich freu mich sehr, dass er das geschafft hat. Aber das kann man nur einmal machen. Rosenberg hat Crowdfunding für die Anschubfinanzierung genutzt, aber er kann das nicht im nächsten Monat wiederholen. In seinem Geschäftsplan sind Werbeeinnahmen und abgestufte Boni für Geldgeber vorgesehen, Letzteres geht aus dem Kickstarter-Modell hervor. Die FInanziers bekommen exklusiven Zugang zu bestimmten Inhalten, zu Events und so weiter. Das ist eine Form von Crowdfunding, Bezahlmauer, Mitgliedschaftsmodell, wie man es auch nennen mag. Er hofft auf Einnahmen von Nutzern in gewisser Höhe. Aber der einzige Weg, wie er das schaffen kann, ist mit einer Plattform, die offen ist, um neue Nutzer anzuziehen, ohne dass er dafür Marktingausgaben hat. Es muss also ein Mix sein.
Es kann sicher nicht jeder Journalist auf diese Weise Geld einsammeln?
Zum einen: Design und Games funktionieren als Fundraisingpojekte generell besser als Journalismus. Vor allem aber ist der wichtigste Punkt bei Kickstarter: Man muss seine Fangemeinde bereits mitbringen. Dabei geht es wieder um Beziehungen. Wenn niemand Sie kennt und keiner je von Ihnen gehört hat, könnte es Ihnen trotzdem gelingen, ein großartiges Designprodukt auf den Weg zu bringen. Aber bei Kickstarter als Unbekannter aufzutreten mit der Ankündigung, ein tolles journalistisches Projekt verwirklichen zu wollen und zu sagen, bitte bezahlt dafür – das wird nicht funktionieren. Wenn man aber eine Gemeinde um sich versammelt hat, die einen unterstützen möchte, dann ist Kickstarter ein Weg, um Geld einzusammeln.
Wie messen Sie Erfolg im Journalismus?
Ich glaube, dass wir bisher die falschen Dinge gemessen haben. Seitenaufrufe sind Gift. Sie haben uns dazu verleitet, uns mit generischen Inhalten an die breite Masse zu wenden. Das war eine Verlängerung des alten Medienmodells. Ich denke darüber nach, welche neuen Metriken wir stattdessen messen sollten. Ich glaube, dass es anstelle von bloßen Seitenaufrufen oder Besuchern ein Ansatz ist, Beziehungen und daraus gewonnene Daten zu messen. Was wissen wir über unsere Nutzer? Und dann auf der nächsten Ebene: Wie hoch ist die Qualität der Beziehungen? Wie tief geht das Engagment? Wieviel Zeit verbringen die Nutzer mit unseren Angeboten? Wie oft werden sie empfohlen? Wie werthaltig sind diese Beziehungen? Da müssen wir hin. Ich weiß noch nicht, wie wir das messen sollen, aber ich halte diese Fragen für sehr wichtig. Denn ich kenne Medienportale, die nur auf möglichst viele Seitenaufrufe erpicht waren, letztlich aber die falschen Nutzer angezogen haben, mit denen sie nichts Werthaltiges anfangen konnten. Das hat ihre Businessstrategien fehlgeleitet. Man bekommt, was man misst, und deshalb müssen wir überdenken, was wir messen.
Die Langfassung dieses Interviews, in der es unter anderem auch um den Wandel in der Journalismusausbildung geht, steht als Crossposting bei unserem Medienpartner Vocer.

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