Frankfurter Buchmesse
Neues denken.

Diese Seite sharen:
buchmesse.de
English
Autoren
RSS
Impressum

Die Poetik der Begegnung (ab morgen auf dem Weltempfang)

In diesem Bild hat sich eine kleine “Politik der Identität” versteckt. Kannst Du sie finden?

Der hellsichtige Joseph Brodsky schrieb einmal in einem Aufsatz über seinen Dichterkollegen Derek Walcott: „Im Gegensatz zu einer weitverbreiteten Auffassung endet die Welt in den Randgebieten nicht – vielmehr franst sie genau dort aus. Die Sprache wird davon nicht weniger beeinflusst als das Auge.“ Das wunderbar krude Englisch des auf St. Lucia geborenen Poeten habe, so Brodsky, gleichsam von den Randgebieten des Imperiums dieser Sprache aus, einen eigenen Archipel in ihm gebildet. Dieser Archipel scheint nur auf den ersten Blick ähnlich weit außerhalb vom Zentrum dieser Sprache zu liegen wie die Inseln der Karibik selbst, die Kolumbus einst als eine ›Neue Welt‹ entdeckte. Denn dort, in dieser neuen Welt der Fransen, in der sich die Geschichten von afrikanischen Sklaven, europäischen Kolonisatoren, verdrängten Indigenen und emigrierten Indern ineinander verknäulten, war etwas in Gang geraten. Brodsky, der mit seiner Liebeserklärung an die Dichtung Walcotts dafür etwas zu früh kam, hatte diesen Prozess beschrieben, noch bevor die einschlägige Losung den Weg in die Sprache des vermeintlichen Zentrums gefunden hatte: Die Kultur der ›Neuen Welt‹ hatte sich kreolisiert. Uns vor Augen zu führen, was diese Kreolisierung beinhalte, war einem anderen Dichter und Philosophen aus der Karibik aufgegeben: Édouard Glissant.

 

Der Kreole ist einer, der die Bäume nicht liebt.

YouTube Preview ImageDer auf Martinique geborene (und leider 2010 verstorbene) Glissant hatte mit seinem 1990 erschienenen Werk „Poétique de la Relation“ der Welt die Augen für die Kreolisierung geöffnet. Die Kultur des Kreolischen lässt sich exemplarisch anhand ihrer Sprache beschreiben, die sich auf Martinique aus einer Mischform verschiedener westafrikanischer Grammatiken und einem französischen Vokabular zusammensetzt. Diese Bastardsprache war aus einem beispiellosen Akt der Gewalt entstanden. Die afrikanische Diaspora in der Karibik bestand nämlich aus Menschen, die nicht nur aus ihrer Heimat gekidnappt, auf wahren Höllenschiffen in eine fremde Welt verbracht und zu lebenslanger Sklavenarbeit gezwungen wurden. Man hatte ihnen zudem, um Aufruhr zu verhindern, durch Separation und Verbote sogar die eigene Sprache genommen. Auf diese Weise im totalitären Sinne aufs nackte Leben reduziert, entwurzelt und verschleppt, entwickelten diese Menschen die hybride Sprache und Kultur der Kreolisierung. Eine Kultur der Vermischung entstand, in der die Spuren und Versatzstücke der alten Welten zu etwas völlig Neuem amalgamisiert wurden. Die von Brodsky beschriebene Verfransung der Neuen Welt, wurde zum lebhaften Flickenteppich eines Denkens, das von Exil und Exzentrizität bestimmt ist. Denn die notgedrungene und hingebungsvolle Weltoffenheit der Kreolisierung – in einem Akt reinster Poesie aus der Luft gegriffen und gleichzeitig von schrecklicher Gewalt gezeichnet – hatte sich in mehrfacher Hinsicht von der Idee eines Zentrums entfernt. Während in Europa, dem vermeintlichen Zentrum der Welt, der Nationalismus, Rassismus und Chauvinismus herrschte, entwickelten die verfransten Kulturen der Karibik und Lateinamerikas ein spontanes, assoziatives Selbstverständnis, das offen war für das, was Glissant eine „Poetik der Begegnung“ nannte. Diese veranschaulicht Glissant an einem Beispiel: Während das Systemdenken der Alten Welt von jeher die Metapher des Baums und seiner Wurzel anführte, um auf der scheinbaren Einheit von Volk-Boden-Kultur zu pochen, bildeten die Setzlingskulturen der Kreolisierung ein Wurzelgeflecht (Rhizom). Am fransigen Rand der Welt konnten die „Politiken der Identität“, die nur Selbstbewusstsein stiften konnten, indem sie alles Nicht-Identische ausstießen und vergifteten, endlich abgelegt werden. Statt der einen Wurzeln, die allem Umliegenden die Nahrung entziehen muss, um zu gedeihen, übertrug Glissant Brodskys Fransenmetaphorik in das Bild des Rhizoms, dessen unzählige Wurzeln sich spontan und unsystemisch verbinden, ständig in Relation zueinander treten. Die besondere Kraft der kreolen Kulturen liegt daher in ihrer fundamentalen Exzentrik, die die Poetik der Begegnung und Relation zur Quelle ihres Selbstverständnisses macht.  Auf diese Weise haben Derek Walcott und Édouard Glissant, ähnlich wie die anthropophage Bewegung in Brasilien, auf die andere Moderne der Spontaneität und Offenheit am vermeintlichen Rand der Welt hingewiesen, die dem Zentrum mit seiner „Politik der Identität“ um Lichtjahre voraus war. Indem die Kreolisierung trotz (aber gerade auch wegen) dem Erbe der Sklaverei einen Weg fand, durch Poesie und Flickschusterei eine Kultur der Toleranz und offenen Begegnung zu etablieren, bewies sie eindrucksvoll die Gültigkeit eines weiteren Satzes Brodskys: “Lyrik ist die am meisten demokratische Kunst – sie beginnt immer mit dem, was sie am Nullpunkt zusammenkratzen kann.”  Sie kann, so Glissant, auch eine politische Kunst sein.

Was uns ab morgen noch alles erwartet…

Der Weltempfang der Frankfurter Buchmesse, der sich als Forum der Weltoffenheit durchaus als ein Teil der „Poetik der Begegnung“ Glissants und seiner Vorstellung einer Tout-Monde  fühlt, startet sein Programm morgen mit der Verleihung der Übersetzerbarke und einer Vielzahl von Veranstaltung, nicht zuletzt der zu der Anthologie „Despoten dichten“ ab 13.30 Uhr. Die offizielle Eröffnung wird ab 16.30 gefeiert. (Ich blogge auch von dort. Verpassen Sie auch auf  keinen Fall das Gespräch zwischen Alain Lance und Volker Braun am Freitag um 12 Uhr, den Gläsernen Übersetzer, aufstrebende Indipendent-Verlage aus den USA und und und.) Die Veranstaltung zu Édouard Glissants „Poetik der Begegnung“ (in Kooperation mit dem Institut français d’Allemange) mit dem Schriftsteller Patrick Chamoiseau und dem Übersetzer Hans Thill am kommenden Sonntag ab 15 Uhr verspricht ein weiterer wunderbarer Höhepunkt dieses einzigartig weltoffenen Programms zu werden.

 

Dieses Jahr widmet der “Weltempfang”, der Treffpunkt für politische und kulturelle Themen auf der Frankfurter Buchmesse in Halle 5.0, dem Thema “Subsahara-Afrika” einen Schwerpunkt. In einer kleinen Serie im Blog der Buchmesse stellt der Literaturwissenschaftler Achim Stanislawski die Höhepunkte des Programms vor.

Titel der vorgestellten Veranstaltung: Poetik der Begegnung: Patrick Chamoiseau und Hans Thill

Ort: Halle 5.0 D949

Zeit: Sonntag, der 14. Oktober 2012, 15.00-16.00 Uhr

Kategorien:
Frankfurter Buchmesse

Tags:
, ,

Kommentarfunktion geschlossen.

Kommentarfunktion geschlossen.