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Weltempfang-Kolumne: Wie steht es um das afrikanische Verlagswesen?

Ein prall gefüllter Bücherschrank beim Verlag Femrite (Uganda)

Der Grund, weshalb nur die wenigsten Buchhandlungen hierzulande eine eigene Abteilung für Literatur aus Subsahara-Afrika führen, ist schnell benannt. Es liegt nicht an einem Mangel an Qualität, nicht an der „Sprachbarriere“ – die meisten Autoren und Autorinnen schreiben ohnehin in einer europäischen Sprache – und auch nicht an einem zu Unrecht unterstellten Desinteresse der lesenden Öffentlichkeit. Nein, der einzige  schwerwiegende Grund, warum es vergleichsweise wenige Bücher aus Afrika selbst in den weltweit wohl diversifiziertesten (den deutschen) Buchmarkt schaffen, ist ein ganz banaler: Es fehlt in vielen Ländern Afrikas ganz einfach an einem etablierten Verlagswesen und den dafür nötigen Distributionskanälen. Wenn uns Bücher afrikanischer Autoren erreichen, dann über europäische Verlage (Chinua Achebes Meisterwerk Things Fall Apart ist das beste Beispiel), was letztlich bedeutet, dass nicht nur die Deutung und Selektion dieser Literatur in Europa stattfindet, sondern dass auch die Wertschöpfung aus diesen Produkten in Paris, London und Lissabon geschieht. Dies offenbart eine Studie, die das Goethe-Institut Johannesburg und die Frankfurter Buchmesse zu acht afrikanischen Buchmärkten durchgeführt haben. Im Weltempfang der Frankfurter Buchmesse wird diese Studie nun im Rahmen einer Podiumsdiskussion vorgestellt, die die Möglichkeiten ausloten will, welche sich afrikanischen Verlagen durch die digitalen Medien auftun könnten.

Und tatsächlich scheint die Idee auf den ersten Blick dem weltläufigen Leser doch bestechend: Das Emanzipationsmedium Internet setzt für alle Teilnehmer im globalen Markt der digitalen „Inhalte“ die Voraussetzungen auf Null. Eine neue, faire Chance für alle. Der Leser der Zukunft wird noch freier wählen können, ob er sich ein E-Book direkt aus dem Shop eines Verlages in Kapstadt oder Kopenhagen runterladen will. Für die afrikanischen Verlage scheint dies eine ungeahnte Chance zu sein, die letztlich dazu führen könnte, dass mehr Autorinnen und Autoren aus Subsahara-Afrika sich auf dem internationalen Markt werden behaupten können. Wie immer machen das hippe Internet und die coolen Gadgets von Smartphone bis iPad alles besser.

Aber ist das wirklich so?

 

Ein Literaturwissenschaftler bemüht sich um die Empirie

Ein Blogger zu Besuch in der Realität.

Um dieser Frage nachzugehen, habe ich – oh wunderbares Zeitalter der digitalen Medien, in dem man in Afrika sitzen und gleichzeitig für die Frankfurter Buchmesse arbeiten kann – den von Literaturwissenschaftlern so heißgeliebten Ohrensessel verlassen und ein bisschen Feldforschung in Uganda betrieben. Dabei bin ich auf Femrite gestoßen. Femrite ist ein in Kampala beheimateter Verlag und gleichzeitig ein Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Schriftstellerinnen durch Workshops, Öffentlichkeitsarbeit und nicht zuletzt Zuspruch gezielt zu fördern. Dieses engagierte Konzept  hat Femrite im Rahmen des Einladungsprogramms der Frankfurter Buchmesse auch schon in Deutschland vorgestellt, was sich auch positiv auf den Lizenzverkauf des Verlags ausgewirkt hat.

Hilda Twongyeirwe empfängt mich mit warmen Lächeln und afrikanischem Tee in den Räumen des Verlags, der in einem hutscheligen Häuschen an einer Ausfallstraße in der ugandischen Hauptstadt liegt . Selbst an diesem verregneten Montagvormittag sitzen in den anderen Zimmern schon zwei junge Schriftstellerinnen und nutzen die Computer, um an ihren Manuskripten zu arbeiten. Hier kann ich mir ein Bild davon machen, mit welchen Voraussetzungen ein Verlag in einem Land, das zu den zwanzig ärmsten der Welt gezählt wird, zu kämpfen hat. Die ugandische Buchindustrie, erzählt mir Hilda, produziert fast ausschließlich Lehrbücher für Schule und Weiterbildung, was bei einer Analphabetenquote von 68% und einem Altersdurchschnitt von 15 Jahren nicht sehr verwunderlich ist. Die größten Verlage in Uganda veröffentlichen vielleicht einen belletristischen Titel im Jahr, Femrite kommt, inklusive eines alljährlichen Sammelbandes, mittlerweile auf drei belletristische Titel. Allerdings sind diese Bücher in Uganda, da es an großen Buchhandelsketten fehlt, außer durch fliegende Händler nur in zwei größeren Städten zu erwerben. Das sind Voraussetzungen, bei denen sich bei wohl jedem europäischen Verlagsleiter die Nackenhaare aufstellen werden. Doch während ich mich frage, wie zermürbend ein jahrlanger Kampf gegen derart monströse Hindernisse wohl sein muss, nickt Hilda nur und schenkt uns noch etwas Tee nach. Sie arbeite, erklärt sie ruhig, eben unter etwas anderen Bedingungen.

Um bei einer solch schwierigen „Absatzlage“ bestehen zu können, muss Femrite mehr sein als ein Verlag. Femrite ist eine vom puren Idealismus zusammengehaltene Gruppe von Schriftstellerinnen, die nicht nur oft genug gegen eine patriarchale Gesellschaft anschreibt. Der Verlag muss gleichzeitig dort aktiv werden, wo es der ugandische Staat nicht ist. Er muss durch Konferenzen, Leseabende und Symposien das Leseverhalten der Ugander aktiv ändern und sich sein Publikum selbst heranziehen. Angesichts dieser Lage setzt die Ernüchterung bei mir schnell ein und der Zweifel zieht auf:

Denn wenn Femrite alle Hände voll zu tun hat, überhaupt erst einmal eine Lesekultur im eigenen Land zu befördern, wie soll der Verlag da im internationalen Kampf um Aufmerksamkeit auf dem E-Pub-Markt bestehen? Mit welchem Budget für virales Marketing? Mit welcher Verhandlungsposition gegenüber den zwei dominanten Webshops für „digital content“? Mit welchen technischen Voraussetzungen, wenn es in großen Teilen Ugandas keinen Breitbandanschluss gibt? Und zuletzt: Mit welcher Herstellungsabteilung für digitale Produkte in einem Verlag, in dem die meiste Arbeit von den Schriftstellerinnen selbst erledigt werden muss?

Nein, liebe Netz-Enthusiasten, das Internet allein wird es nicht richten. Vielleicht können Verlage aus Kenia, Nigeria oder Südafrika sich ein wenig auf dem digitalen Buchmarkt umtun. Für Länder wie Uganda jedoch, für so bewundernswerte Initiativen wie Femrite, wird auf absehbare Zeit die einzige Möglichkeit, Titel auf dem internationalen Markt zu platzieren,  der Verkauf der Rechte an europäische Großverlage sein. Das Geld mit dem Buch werden dann andere machen.

 

Dieses Jahr widmet der “Weltempfang”, der Treffpunkt für politische und kulturelle Themen auf der Frankfurter Buchmesse in Halle 5.0, dem Thema “Subsahara-Afrika” einen Schwerpunkt. In einer kleinen Serie im Blog der Buchmesse stellt der Literaturwissenschaftler Achim Stanislawski die Höhepunkte des Programms vor.

Titel: Verlagswesen und E-Publishing in Subsahara-Afrika

Ort: Halle 5.0 D949 (Bühne)

Zeit: Freitag, 12. Oktober 2012, 13.30-14.30 Uhr

Teilnehmer: Yasmin Issaka-Coubageat (Togo), Ben Williams (Südafrika), Katharina Ewald (Frankfurter Buchmesse), Holger Ehling (Moderation)

  • GI Joburg

    Hallo Achim,
    schön geschriebener Artikel! Die Studie ging allerdings vom Goethe-Institut Johannesburg aus, nicht vom Goethe-Zentrum Kapstadt.
    Herzliche Grüße aus Johannesburg!

  • Paul aus H.

    Hallo Achim, vielen Dank für die ehrlichen Worte! Die neuen Freiheiten und vor allen Dingen Möglichkeiten im digitalen Zeitalter sind nicht allen verwehrt, auch hier kann der digitale Raum nicht die Barrieren des physischen, geographischen abbauen. Ich muss gestehen, deine Sichtweise hier zu teilen, nicht zu vorschnell euphorisch zu werden, wenn es um E-Pub im Kontext peripherer Länder geht. Deine Behauptung jedoch, das Geld mit dem Buch machten dann nur doch wieder Verlage im globalen Norden, finde ich ein wenig kurz gefasst. Die Verbreitung des Internets geht auch in Afrika deutlich schneller voran, als wir es hier mitbekommen (oder wahrhaben wollen). Zudem werden die Probleme wie wenig ausgeprägter Lesekultur (http://www.monitor.co.ug/News/Education/NiE+promotes+independent+reading/-/688336/1508948/-/93s0qcz/-/index.html) und schlechte Publikationsmöglichkeiten von Autoren (http://www.monitor.co.ug/Magazines/ThoughtIdeas/Challenges+facing+the+African+novel/-/689844/1459946/-/item/1/-/91ku31z/-/index.html) auch in Uganda wahrgenommen – was ein wichtiger Schritt darstellt in Richtung Veränderung! Auch wenn viele Autoren aus Subsahara-Afrika nicht gleich von den neuen (und auch im Norden noch begrenzten!) E-Pub-Möglichkeiten profitieren werden, sehe ich im digitalen Raum (auch wenn nicht gleich und erst in einigen Jahren) neue Möglichkeiten für Autoren aus der globalen Peripherie dass auch ihre Werke wahrgenommen, gelesen und gekauft werden können!

  • Achim Stanislawski

    Liebe/r Gi,
    was in der Presseagentur der Fact-Checker ist im Netz die Schwarmintelligenz. Vielen Dank für den Hinweis. Das schöne an einem Blog ist ja, dass man Fehler noch nachträglich korrigieren kann und keine Errata braucht.
    Viele Grüße nach Johannesburg

  • Achim Stanislawski

    Lieber Paul,
    vielen Dank für Deinen Beitrag.
    Wahrscheinlich hast Du recht, wenn Du auf den schnellen Ausbau des Mobilfunknetzes in Afrika anspielst. Da haben Länder wie Uganda (soweit ich es einschätzen kann), die Chance genutzt und einfach das Festnetz übersprungen. Und nur weil ich mir noch nicht vorstellen kann, dass demnächst mehr Menschen in Subsahara-Afrika mit Ipads herumlaufen und darauf E-Books lesen, heißt das natürlich nicht, dass es nicht so kommen kann. Es würde mich freuen, wenn sich Deine optimistische Sicht der Dinge durchsetzt.
    Mir schien nur – vielleicht kommt das in dem Artikel nicht klar genug rüber – dass es für Verlage wie Femrite schwer wird, die zusätzlich Arbeit zu stemmen, die auch bei digitale Produkten anfällt. Aus meinen Erfahrungen kann ich sagen, dass ein Ebook nicht einfach so nebenbei “rausgehauen” werden kann, weil der Text ja schon als Buch vorliegt. Eine Veröffentlichung als Ebook ist vom Arbeitsaufwand her fast genauso umfangreich, wie eine Neuauflage. Und dafür muss man erst einmal Kapazitäten und das nötige Know-How haben.
    Ein weiterer Punkt ist, dass viele Autoren auch einfach die einschlägigen Self-Publishing-Angebote wahrnehmen werden, und dann nicht lektorierte Texte auf den Markt schmeißen, worunter wiederum die Qualität leidet…
    Du siehst, es gibt da eine Menge Punkte noch zu bereden. Vielleicht sieht man sich ja auf der Buchmesse? Würde mich freuen.
    In jedem Fall nochmals danke für deinen qualifizierten Kommentar.