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“Die Story besser erzählen als mit jeder anderen Methode”

Aron Pilhofer ist Leiter der 16köpfigen Abteilung Interactive News in der Redaktion der “New York Times”. Zu den Kernaufgaben des Teams gehört es, komplexe Datensätze für die Webseite der “New York Times”, visuell attraktiv, leicht verständlich und auf vielfältige Weise nutzbar aufzubereiten. 2009 gründete Pilhofer die Gruppierung Hacks/Hackers mit, in der sich mittlerweile in mehreren Ländern Journalisten und Programmierer in Sachen Datenjournalismus austauschen. Pilhofer ist Co-Autor des “Data Journalism Handbook”. 2010 hielt der innovationspreisgekrönte Datenjournalist einen anschaulichen Vortrag beim Hamburger Scoopcamp und 2011 habe ich ihn gemeinsam mit dem Medienprofessor Stephan Weichert (s. Interview im Buchmesseblog) und dem Chefredakteur des deutschen “Wired”-Magazins Alexander von Streit im Rahmen einer Videoserie über journalistische Innovationen in seiner New Yorker Redaktion besucht. Diesmal wollte ich von Pilhofer vor allem wissen, wie sich die “New York Times” in puncto Datenjournalismus weiterentwickelt.

Ist die Fähigkeit jenseits traditioneller linearer Geschichten zu denken, essentiell für künftige Journalisten?

Aron Pilhofer von der New York Times

Sie ist jetzt essentiell, und zwar schon seit geraumer Zeit. Die meisten Journalisten möchten gerne neue Dinge ausprobieren und mit neuen Formen des Storytelling experimentieren. Die Frage ist nur: Wie sollen sie damit beginnen? An wen können Sie sich wenden, wenn sie Hilfe brauchen bei diesem Wirrwarr neuer Werkzeuge, Plattformen und Technologien, die uns heute zur Verfügung stehen. In den meisten Fällen heißt die Antwort: niemand. Deshalb passiert dann auch nicht viel. Ich weiß, dass ich das riesige Glück habe, in einer Redaktion zu arbeiten, die alle Resourcen hat, die man sich jemals wünschen könnte, um mit allen möglichen neuen Formen des Storytelling zu experimentieren – von animierten Grafiken über interaktive Games und tiefgründigen datengetriebenen interaktiven Anwendungen bis hin zu nutzergenierten Inhalten. Dafür sind wir momentan mit 16 Redakteuren zuständig. Bis zum Jahresende 2012 soll unser Ressort auf 20 klassische Journalisten und Datenjournalisten mit Programmierkenntnissen anwachsen.

Was können Redaktionen leisten, die solche Ressourcen nicht haben?

Man braucht keine Redaktion mit hunderten von Mitarbeitern, um großartige datenjournalistische Projekte zu betreiben. Für viele Anwendungen braucht man nur drei Mitarbeiter – einen Journalisten, einen Grafiker und einen Programmierer. Aber viele Medienhäuser sind nicht einmal bereit, sich diese Minimalinvestition zu leisten. Sie möchten alle diese coolen neuen Dinge gerne haben, aber sie wollen sie möglichst billig bekommen. Aber das funktioniert so nicht.

Sollte Datenjournalismus im Mittelpunkt journalistischer Ausbildung und Fördermaßnahmen stehen?

Ich glaube, dass “data literacy”, also die Fähigkeit, die journalistische Bedeutung von Datensätzen zu erkennen und sich mit Programmierern verständigen zu können, zu den Grundfähigkeiten gehören sollte, die man lernt. Von da an aufwärts hängt es von den einzelnen Journalisten ab. Ich glaube nicht, dass jeder Journalist Infografiken erstellen oder die Programmiersprache D3 beherrschen sollte. Ich glaube aber sehr wohl, dass Journalisten ein breiteres Verständnis davon haben sollten, wie man Daten als Recherchequelle nutzt und was das alles impliziert – von einfachen Computer-gestützten Reportagetechniken bis hin zu den ausgefeiltesten datengetriebenen Visualisierungen und interkativen Anwendungen. In diesem Zeitalter allgegenwärtiger Daten können sich Journalisten die Einstellung nicht mehr leisten, diese Fähigkeiten als zusätzlichen Luxus zu betrachten.

Verändert der Zugang zu großen Datensätzen den Journalismus?

Er erlaubt uns, Geschichten zu erzählen, die wir ansonsten nicht erzählen könnten und Werkzeuge zu nutzen, die wir früher nicht hatten. Wir können große Datensätze visualisieren und diese Visualisierungen im Netz präsentieren. Und zwar in einer Weise, wie das noch vor fünf oder zehn Jahren undenkbar war. Ich glaube aber nicht, er das Storytelling an sich verändert. Es ist immer noch der Journalist, der eine Geschichte erzählt.

Mit welchen datenjournalistischen Projekten hat die “New York Times” zuletzt von sich reden gemacht?

Die interaktive Anwendung illustriert olympische Zeiten im 100-Meter-Lauf.

Die Antwort hängt davon ab, wie eng oder weit man den Begriff Datenjournalismus definiert, aber ich finde, dass unsere interaktiven Anwendungen zu den Olympischen Spielen in London unglaublich gut waren. Unsere Anwendung zum 100-Meter-Lauf der Männer war eine der populärsten, die wir jemals produziert haben und wir konnten damit die Story – den unglaublichen Vorsprung von Usain Bolt – besser erzählen als mit jeder anderen Methode, die mir einfällt.

Vor gut einem Jahr hat die “New York Times” eine Bezahlschranke nach einigen kostenfreien Seitenaufrufen pro Monat vor ihrem Webangebot errichtet. Hat diese “”metered paywall” einen Einfluss auf die Reichweite und Sichtbarkeit von solchen Datenanwendungen gezeigt?

Bisher können wir keinen Einfluss feststellen.

Vermarktet die “New York Times” mittlerweile ihre datenjournalistischen Anwendungen?

Ja, während der letzten beiden olympischen Spiele haben wir unsere gesamten Olympia-Pakete an mehr als zwei Dutzend externe Kunden verkauft. Wir syndizieren außerdem gelegentlich weitere interaktive Anwendungen. Das geschieht allerdings nicht sehr häufig, weil die technischen Anforderungen für die Darstellung recht hoch sind.

 

  • http://twitter.com/NinaKlein Nina Klein

    Auf http://www.litflow.de trat am Wochenende Larry Birnbaum auf, der als Professor an der Northwestern University eine Software entwickelt hat, die Zahlen in Texte verwandelt. Wie erstaunlich gut das funktiniert, zeigt die Website “The Big Ten”, auf der kein einziger Text von einem Menschen verfasst ist…http://btn.com/