»Eigentlich gibt es zwei Neuseelands«
In Neuseeland  ist die Welt der Maori und der Einwanderer eindrucksvoll natürlich zusammen gewachsen, meint Anthony McCarten. Dennoch prägen, so der international bekannte Autor, zwei  grundverschiedene Temperamente seine Heimat: unruhiges Abenteurertum und friedlicher Gemeinsinn. McCarten wurde 1961 im neuseeländischen New Plymouth geboren und schaffte es schon in jungen Jahren, weltweit als Autor und Filmemacher bekannt zu werden. Er lebt heute vor allem in London.  Wie sehr sich McCarten Neuseeland verbunden fühlt, erläutert er in einem Gespräch.

Anthony McCarten
Anthony McCarten, Sie sind in Neuseeland geboren und aufgewachsen, leben aber jetzt in England. Wie stark empfinden Sie sich als ein neuseeländischer Schriftsteller?
Ich begreife mich als Autor Neuseelands,  meine Themen sind jedoch nicht exklusiv auf Neuseeland bezogen. Meine Phantasie vagabundiert und ich folge ihr, wohin sie mich führt. Das frustriert allerdings oft meine Verleger, weil meine Bücher auf diese Weise sehr unterschiedlich werden. Ich habe historische Geschichten  geschrieben, einen zeitgenössischen Roman, der in London spielt und einen anderen, der in New York verortet ist. Immer vermische ich Charaktere, manchmal sogar Stilformen. Die Geschichte diktiert den Stil.
Wie lange lebten Sie in Neuseeland und warum haben Sie Ihre Heimat verlassen?Â
Bis ich 24 Jahre war lebte ich in Neuseeland, dann hatte ich das Glück, dass mein Theaterstück “Ladies Night” unerwartet erfolgreich war und in London gezeigt wurde. Ich zog also für eine Zeit dorthin und bekam daraufhin die Gelegenheit, als Regisseur einen Film über mein Theaterstück in Neuseeland zu machen. Ich kehrte also nach Neuseeland zurück, realisierte den Film, der ebenfalls international bedeutsam wurde. Ich ging zum Filmfestival nach Cannes und erhielt erneut Angebote, Filme zu machen, die wiederum in anderen Ländern spielten. So begann ich, ein Leben außerhalb von Neuseeland aufzubauen. Dieser Schritt erfolgte jedoch zufällig und  war nicht geplant.
Übrigens lebt jeder vierte Neuseeländer nicht in Neuseeland. Das Land ist so weit weg, dass viele von uns ihrer Neigung und Neugier folgen und in ein anderes Land ziehen. Dennoch sind wir sehr patriotisch, die meisten gehen an irgendeinem Punkt ihres Weges wieder dauerhaft zurück oder kehren, wie ich, regelmäßig heim. Ich selbst gehe jährlich zurück, habe ein Strandhaus in Wellington, und halte so starke Verbindungen, meine Familie in Neuseeland ist sehr groß.
Was, denken Sie, ist spezifisch für Neuseeland und kann unsere Welt bereichern?Â
Eigentlich gibt es zwei Neuseelands. Neuseeland existierte bereits, bevor die Europäer dort ankamen. Dies geschah erst vor kurzer Zeit, in großer Zahl vor rund 150 Jahren. Vor diesem Zeitpunkt lebten dort die indigenen Völker, die Maori.  Sie haben eine eigene, sonnig-polynesische Lebensart, sind sehr ruhig, auf die Familie und ihren Stamm bezogen und besitzen viel Sinn für Humor. In diese Kultur drangen die Europäer ein. Es war eine Art soziales Experiment. Jene, die die erste Welle der Kolonisierung bildeten, wollten nicht die Fehler wiederholen, die zuvor in Amerika gemacht worden waren. Damals hatte man sich nach Utopia gesehnt, doch das Experiment scheiterte und wurde zu einer Art kolonialem Albtraum.
Als die Europäer nach Neuseeland kamen, hatten sie darum einige neue Regeln im Gepäck. Sie sagten: Wenn du hier hinkommen und ein neues Leben aufbauen willst, musst du jung sein, darfst nicht als Einzelperson kommen, sondern musst verheiratet sein. Aus diesem Grund kam nur eine ausgewählte Minderheit diesen langen Weg, wissend, dass der Rückweg äußerst schwer werden würde.
Wenn man ein psychologisches Profil erstellt, das beschreibt, welcher Personentyp auf ein solches Angebot reagiert, entsteht das Bild von Menschen, die nach viel Anregung suchen, keine Herausforderung scheuen, das Abenteuer lieben und – in der Sprache der Psychologen formuliert – möglicherweise an einem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom leiden. Wir hatten Wellen adrenalinreicher,  abenteuerlustiger Pioniere. Sie kamen und vereinigten sich mit der friedliebenden, indigenen Bevölkerung, die manchmal allerdings auch nicht so friedliebend war, es gab etliche Kriege im Streit um Landnahmen.
Neuseeland verbindet heute diese beiden Aspekte,  im Lauf der Zeit haben sich beide Lebensarten verwoben. Es gibt den gelassenen Stil und den des Abenteurers. Es gibt Leute, die “chillen” und “cool” sind, außerdem gibt es diejenigen, die von Klippen springen und für Abenteuertourismus stehen. In Neuseeland leben also weiterhin Menschen, die verrückte Sachen machen und auf ihre Art noch heute den Geist der Pioniere verkörpern. Ich denke, ich habe ein wenig davon in mir.  Wir wollen wie unsere Vorfahren sehen, was es jenseits des Horizonts zu entdecken gibt.
Wie präsent ist die Kultur der Maori im neuseeländischen Alltag?Â
Gewiss gibt es Probleme mit Alkohol, häuslicher Gewalt, doch gilt das für alle Länder. Es gibt noch zu viele Maori, die den Anschluss an die Bildung verpassen, aber dafür gibt es auch kulturelle Gründe. Die Philosophie der Maori ist nicht auf das eigene Selbst gerichtet, sie zielt nicht auf individuellen Ehrgeiz, sondern vor allem auf die Idee des Teilens. Das ist eine schöne Eigenschaft, aber sie passt nicht unbedingt in das westliche System.
Haben Sie in Ihrer Familie Verwandte, die zu den Maori gehören?Â
Nein.
Wie stark ist Ihr Leben dennoch von der Kultur der Maori geprägt?Â
Mein Leben war in keiner Weise auf Maori bezogen. Es brauchte Alan Duff und seinen Film, um mir deutlich zu machen, was vor sich ging. Ich lebte in einer überschaubaren Welt, die Maori, die ich in der Schule traf, waren sympathische, wohlmeinende, liebenswerte Menschen. Sie waren immer größer als ich, ich musste mich vor ihnen in Acht nehmen, sie waren frühreif und wirkten schon mit zwölf wie Männer. Bis zu meinem 17. Lebensjahr war ich selbst eher schmächtig.  Ich zollte ihnen Respekt, sie waren immer Teil des Rugby Teams, hatten als erste Freundinnen.
Wie stark vermischen sich beide Kulturen?Â
Die Vermischung ist bereits erfolgt und setzt sich bis heute fort.  Sie können das die Pazifizierung der europäischen Pionierkultur nennen. Sie verwandelt sich ganz allmählich in eine erheblich harmonischere, einheitliche Kultur. Als ich jung war, waren die Kulturen jedoch noch erheblich mehr voneinander getrennt. Die Assimilierung ist jedoch vorangeschritten. Es gab alte Klagen, die sich auf die Landnahme bezogen und die Art betrafen, wie man die Maori um ihr Land betrogen hatte.  Inzwischen sind Reparationszahlungen geleistet und Ländereien zurück gegeben worden. Die Trauer, die möglicherweise noch immer besteht, hat ihren Biss verloren.  Ich, der ich die meiste Zeit im Ausland verbringe, erlebe diese gesellschaftlichen Veränderungen, wenn ich heim komme, als eines der erfolgreichsten Experimente.  Die Aborigines in Australien haben eine viel traumatischere Situation erlebt, auch die Erfahrung, die Indien mit den Briten gemacht hat, war ein totaler Reinfall. Natürliche Assimilierung, denke ich, ist wirklich ein positives Kennzeichen unserer Kultur.
Ist die Sprache der Maori im Alltag aller Neuseeländer präsent?Â
Ich kann einige Lieder der Maori singen. Einige meiner Freunde sind jedoch weiter gegangen. Sie sprechen selbst fließend Maori, inzwischen gibt es einige Maori-Sprachschulen. Einige meiner weißen neuseeländischen Freund haben ihre Kinder in diese Schulen geschickt, sie entdecken von Grund auf ihre Kultur, die reich und beeindruckend ist.
Warum war Neuseeland im Umgang mit der Kultur der Maori so relativ erfolgreich?Â
Die Regierung hatte nicht unendlich viel Geld. Die Rückzahlungen, die an die Stämme der Maori zu leisten waren, wirkten wie ein Albtraum. Die neuseeländische Regierung weigert sich zunächst, zu zahlen. Sie rief das höchste Gericht des Commonwealth an, das seinen Sitz in London hat. Man durchforstete die alten Verträge, die besagten, welche Leistungen damals zusagt worden waren. Auf der Basis dieser legalen Dokumente wurden die Regelungen deutlich, denen die Regierung zu folgen hatte. Man begann ein System der Rückzahlung. Doch wie in allen zwischenmenschlichen Streitfällen, in denen Entschuldigung und Kompensation vereinbart wird:  unterschiedliche Interpretationen können zu neuen Streitigkeiten führen. Der eine sagt, “ich habe der Friedensvereinbarung nicht zugestimmt”,  der andere sagt, “ich habe dieser Geldsumme nicht zugestimmt”. Doch kann ich mir vorstellen, dass die Streitigkeiten allmählich abnehmen. Neuseeland ist kein Land, das sich in einer kulturellen Krise befindet.
Die Fragen stellte Andrea Pollmeier, Faust-Kultur

www.faust-kultur.de
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