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Weltempfang-Kolumne: “Things fall apart”. Eine Singularität in der Weltliteratur

Chinua Achebe spricht anlässlich des 50sten Jahrestags der Erstveröffentlichung seines epochalen Romans

Als Chinua Achebe seinen Roman Things fall apart 1958 veröffentlichte, setzte er, zumindest aus Sicht der westlichen Öffentlichkeit, einen ganz neuen Kontinent auf die literarische Landkarte. Dieses Buch war das, was die Physik eine Singularität nennt: ein Ereignis, das die Gesetze jener Zusammenhänge, in denen es stattfindet, für immer verändert. Und tatsächlich ist Things fall apart in seiner initialen Bedeutung ein singuläres, ein Welten verrückendes Buch.

Achebe hatte das Buch unter dem Eindruck der Lektüre von Romanen wie Joseph Conrads Heart of Darkness und Jocye Careys Mister Johnson geschrieben, in denen die Menschen seiner Heimat als Schatten von Menschen und kaum der Sprache mächtige „dunkle“ Zerrbilder der Weißen dargestellt wurden. Things fall apart spielt in der Igbo-Gesellschaft der 1890er Jahre und erzählt von der alten Stammeskultur, die durch die Berührung mit dem westlichen Kolonialismus in ihrer tradierten Struktur erschüttert wird. Achebe hatte mit diesem Buch der Kultur seiner Vorfahren eine Stimme im Medium der Literatur gegeben. Anders als die Négritude-Bewegung der 1930er Jahre, die sich schon sehr früh kritisch mit dem eurozentrischen Afrikabild auseinandergesetzt hat, fiel aber die Veröffentlichung dieses Buches ziemlich genau in den Anfang jenes Zeitraum, in dem sich innerhalb eines Jahrzehntes eine Vielzahl von afrikanischen Nationalstaaten von der Bevormundung der Kolonialmächte lösten und zu souveränen Staaten wurden. Die Koinzidenz dieser politischen Epochenschwelle und der Bewusstwerdung der (von den Kolonialmächten) verdrängten Kulturgeschichte in der Literatur ergaben den Hebel, der das Bestehende aus den Angeln hob.

Bezeichnend ist dabei jedoch, dass die mittlerweile etablierte Rezeption dieses Buches aus westlicher Sicht gerne mit den Worten Nelson Mandelas unterstrichen wird: „Achebe hat der Welt Afrika gebracht.“ Dies mag aus Sicht „der Welt“, die sich mit diesen Worten angesprochen fühlt, ein Effekt nach außen hin, eben auf die Öffentlichkeit „der (literarischen) Welt“ sein. Die wahren Adressaten von Things fall apart war aber eben nicht jene bestehende, nach gewissen Kriterien diskutierende, wertende, belobigende „Welt“ der europäischen Buchtradition, sondern die Menschen in Achebes Heimat. Achebe wollte seinen Mitmenschen vor Augen führen, dass ihre Vergangenheit „keine lange Nacht voller Brutalität gewesen war, aus der die ersten Europäer sie im Auftrag Gottes erlösten.“

Über Achebe hinaus? Die Neuübersetzung von Things fall apart

Der Kassiker engl./dt. in der hall of fame auf meinem Schreibtisch

Dieser Roman nun, der eine Strahlkraft wie wenige andere Werke der Weltliteratur vor ihm hatte, wurde in diesem Jahr von der fabelhaften Übersetzerin Uda Strätling für den S. Fischer Verlag neu übersetzt und mit einem Vorwort der jungen nigerianischen Autorin Chimamanda Ngozi Adichie versehen.  Im Weltempfang der Frankfurter Buchmesse wird eine Veranstaltung am 11. Oktober 2012 mit dem Anglistik-Professor Tobias Döring, Manfred Loimeier, einem ausgewiesenen Experten für afrikanische Literatur, und Uda Strätling gewissermaßen die Schwerpunktreihe zur afrikanischen Literatur innerhalb des Weltempfangs einleiten.

Doch wie liest sich dieser Gründungsroman des „Vaters“ der afrikanischen Literatur 50 Jahre nach dessen erstem Erscheinen, und welchen Aufgaben musste sich die Übersetzerin stellen? Das entscheidende Merkmal einer Singularität ist, dass sie sich nicht wiederholen lässt. Was also bedeutet Achebes Buch den Lesern (in Afrika oder Europa) heute?

Achebe selbst hat sich 2002 anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels zu der Intention seines Romanes hinsichtlich des europäischen Paternalismus geäußert. Er hat darin die Bevormundung seiner Mitmenschen durch Figuren wie Albert Schweitzer, immerhin der zweite Preisträger des Friedenspreises, kritisiert. Der hatte bekanntlich angegeben, die Afrikaner „wie kleine Brüder“ zu lieben. Diese Missachtung des Gegenübers, die durch einen karitativen Gestus mit einer naiv-wohlwollenden Form des Rassismus gezeichnet war, wollte Achebe den europäischen Lesern vor Augen halten. Doch das war nur ein Nebenschauplatz des von ihm angestoßenen Diskurses. Denn es waren nicht die europäischen Leser, für die er schrieb: Achebe war mit seiner Literatur dafür eingetreten, das Bild seiner Mitmenschen von ihrer eigenen Kultur zu ändern, und erst in der Folge dessen mussten es auch die Europäer. In der Laudatio zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Achebe spricht Theodor Bechem daher vom „Stachel im Fleisch des Lesers“, der Achebes Werk für den europäischen Leser sein soll, der die Geschichte des Kolonialismus aufzuarbeiten habe. Diese implizite Forderung Bechems hat natürlich ihre Berechtigung, doch klingt es schrecklich nach Schulmeisterei und einem (typisch deutschen?) moralisch überfrachteten Verständnis von Lektüre. Das Lesen scheint zu einer rein moralisch-bildenden Disziplin geworden zu sein. Wo bleibt da die Freude am Lesen? Und ist ein Klassiker der Weltliteratur ein Buch, über dessen belehrenden Gehalt wir uns aufklären lassen müssen, um es dann für immer in den Schrank zurückzustellen?

Wie macht man einen Klassiker der Weltliteratur?

Nein, meine lieben Bildungsbürger: Ein Klassiker der Weltliteratur ist das genaue Gegenteil eines eindeutigen Textes, selbst wenn die vom Autor intendierte Aussage gerechtfertigt ist: Ein Klassiker bleibt im Gespräch, er bleibt über die Grenzen von Ländern und sogar Sprachen hinweg lebendig.

Und genau aus diesem Grund kommt dem Projekt einer Wiedererschließung von Things fall apart durch die  Neuübersetzung von Frau Strätling eine besondere Legitimation zu. Um nicht in der Ecke der mit guten Willen abgehandelten Bücher zu verstauben, brauchte dieser Text nach 50 Jahren ein Update, einen neuen Fehdenhandschuh. Es ist daher ein geschickter Schachzug gewesen, dem “Vater” der afrikanischen Literatur in diesem Band eine Einführung durch eine junge Autorin vorwegzustellen. Chimamanda Ngozi Adichie äußert darin große Bewunderung für Achebes Literatur und erklärt, was für einen Eindruck die erste Lektüre auf sie als afrikanische Autorin gemacht hat. Gleichzeitig ist ihr aber etwa das Geschlechterverhältnis in der traditionellen Kultur ihrer Urgroßväter sehr fremd. Ihre eigenen Texte sind zwar Achebe stark verpflichtet, doch gleichzeitig entfernt sie sich auch weit von ihm. Wo Achebe die zerfallene Kultur der Großväter ins Gedächtnis rufen wollte, bewegt sich seine literarische Enkeltochter in einem hybriden Kulturraum, der weniger durch einen clash of cultures als die unmittelbare Gleichzeitigkeit von Kulturen an einem Ort geprägt ist. In der Weltliteratur wird es in Zukunft keine Label wie „afrikanische Literatur“ mehr geben müssen. Entscheidend wird allein die ästhetische Kraft, die Unumgänglichkeit einer bestimmten Geschichte und die Fähigkeit sein, immer wieder neu zum Lesen zu verleiten. Das ist der Fehdenhandschuh, der durch diese Neuübersetzung wieder aufgenommen wird.

Und so – und nur so – erweist sich Things fall apart in der nicht stillzustellenden Debatte um diesen Text als wirklicher Klassiker der Weltliteratur: Die Buchdeckel können nie ganz über ihm geschlossen werden.

 

Dieses Jahr widmet der “Weltempfang”, der Treffpunkt für politische und kulturelle Themen auf der Frankfurter Buchmesse in Halle 5.0, dem Thema “Subsahara-Afrika” einen Schwerpunkt. In einer kleinen Serie im Blog der Buchmesse stellt der Literaturwissenschaftler Achim Stanislawski die Höhepunkte des Programms vor.

Titel der vorgestellten Veranstaltung: Things fall apart – Der Klassiker des Nigerianers Chinua Achebe in neuer Übersetzung.

Ort: Halle 5.0 D949 (Salon)

Zeit: Donnerstag, der 11. Oktober 2012, 14.30-15.30 Uhr

Podiumsteilnehmer: Uda Strätling, Tobias Döring und Manfred Loimeier

 

  • Pingback: Weltempfang-Kolumne: Wie steht es um das afrikanische Verlagswesen? | Blog der Frankfurter Buchmesse

  • Hans Jürgen Balmes

    Achebe ist wirklich die Axt, die für den Rest der Welt Afrika zum Thema mache. Und zugleich ist er die Figur, an der sich die folgenden Generationen aufrichten und reiben. Chimamanda Ngozi Adichies Erzählungen “Heimsuchungen” erscheinen gleichzeitig mit der Neuübersetzung von “Things Fall Apart” – Adichie könnte in etwa Achebes Enkelin sein. Eine interessante Konstellation, die uns im Blick zurück nach vorn schauen lässt.