Von Maori-Storys und Schweinshaxen

Das internationale literaturfestival geht noch bis zum 16. September
Als ich heute früh um 1.30 Uhr von der „Langen Nacht der Maori-Literatur“ nach Hause kam, ging nicht nur eine wirklich lange Nacht zu Ende, mein Kopf war auch voller Eindrücke – von all den Geschichten, die die acht Autoren beim internationalen literaturfestival auf der Bühne erzählten und von den vielen Gesprächen im Anschluss an die Berliner Veranstaltung. Es war ein Rausch der Sinne, der bis jetzt anhält und sich ständig vermischt: Auf Walen reitende Mädchen treffen da auf alkoholisierte und sich prügelnde Gang-Mitglieder, Männer mit beeindruckenden Gesichtstätowierungen singen gefühlvoll Maori-Lieder und Literaturstars verspeisen beglückt deutsche Hausmannskost.
Wo soll ich nur anfangen? Wie kann man einen solchen Abend zutreffend wiedergeben? Vielleicht beginne ich einfach mit den Fakten: Rund 300 Zuschauer kamen gestern zur Veranstaltung ins Haus der Berliner Festspiele. Schnell wurde klar, dass es die eine Maori-Geschichte nicht gibt. So klein die Gesellschaft mit ihren 4,4 Millionen Einwohnern im Vergleich zu Deutschland auch sein mag, alle Autoren sind sehr unterschiedlich geprägt und berichten mal von traurigen, mal von amüsanten Erlebnissen.
„Te Huihui o Matariki: Vom Whale Rider bis zum Ethnografen“ lautete der Titel des Events. Der Maori-Spruch ist eine Anspielung auf Erzähler, die kommen, um ihre Geschichten mit dem Publikum zu teilen. Die Neuseeländer teilten in ihren geplant acht-minütigen Beträgen, die natürlich von den meisten locker überzogen wurden, nicht nur fiktiven Storys und Legenden, sie berichteten auch aus ihrem eigenen Leben und von dem ihren Vorfahren.
Paula Morris etwa, die ebenfalls für diese Ehrengast-Seite bloggt, beschrieb eindrucksvoll einzelne Episoden aus ihrem gerade auf Deutsch erschienenen Roman „Rangatira“ (Walde + Graf), der die wahren Abenteuer des Maori-Häuptlings Paratene Te Manu wiedergibt. 1863 reiste der nach England, wo er unter anderem Queen Victoria traf und die für ihn fremde Welt erkundet. Zum Beispiel möchte er gegen Löwen kämpfen, um seine Stärke zu beweisen. Die Königin lässt die Tiere dann aber doch lieber im Londoner Zoo. Der Maori-Häuptling verbindet viele schöne Erinnerungen mit dieser Reise, beklagt sich jedoch auch darüber, dass manche Engländer in ihm nicht den Menschen, sondern einen Wilden sehen. Denn Paratene trug ein ta moko, eine kunstvoll verzierte Gesichtstätowierung. Waren sie zu Lebzeiten von Morris’ Vorfahren ein Statussymbol, galten sie Ende des 20. Jahrhunderts eher als Zeichen einer Gang-Zugehörigkeit.
Alan Duff erzählt davon in seinem Roman „Once Were Warriors“, eine Geschichte über Armut und häusliche Gewalt in einer Maori-Familie. Sie ist inspiriert von seiner eigenen Kindheit. Der Schriftsteller wuchs bei einer gewalttätigen Maori-Mutter auf, kam schon als Teenager ins Gefängnis. Detailreich schildert er auch an diesem Abend davon. Als sein Roman 1990 veröffentlicht wurde, sei er von vielen Landsleuten angefeindet worden. „Ich war der unbeliebteste Maori in Neuseeland. Man drohte mir, meine Bücher zu verbrennen“, sagt er. Mitglieder der indigenen Bevölkerung beschuldigten ihn, die Kultur schlecht zu machen. Als jedoch vier Jahre später der Film in die Kinos kam, habe sich die Stimmung geändert. „Die Maori sagten: ‘Stimmt, das ist richtig.’“ Sie hatten das Buch einfach nicht gelesen, meint er.

Joe Harawira
Duff, der seit einigen Jahren in Frankreich lebt, kann sperrig sein, aber auch zugänglich und warmherzig. Im Gespräch mit den beiden Moderatoren blitzte gestern etwas von allem hervor. „Es hängt von meiner Stimmung ab, was ich auf der Bühne erzähle“, sagt Duff. „Das entscheide ich immer spontan.“ Ähnlich wie bei Witi Ihimaera mit „Whale Rider“, waren sowohl das Buch als auch die Verfilmung ein internationaler Erfolg.
Für Geschichtenerzähler Joe Harawira ist es eine Ehre, gemeinsam mit den beiden Autoren auf einer Veranstaltung zu sein. Als kleiner Junge ging Harawira oft zum Versammlungshaus und lauschte den Ältesten, wie sie alte Legenden weitergaben. Die mündliche Überlieferung hat bei den Maori eine lange Tradition; bis die Europäer kamen, gab es in ihrer Sprache keine Schriftkultur. Heute hält Harawira die Legenden mit seinen Erzählungen lebendig. Gestern berichtete er von einer Story, bei der ein Junge für seinen verstorbenen Vater das schönste waka (Kanu) bauen möchte, das die Menschheit je gesehen hat. Seine Performance erinnert gelegentlich an einen Tanz. „Jeder hat eine Geschichte zu erzählen“, sagt er später zum Publikum, „auch ihr“. Harawiras Lebensweg ist ebenfalls in seinem Gesicht verewigt. Seit vier Jahren trägt der Neuseeländer ein ta moko, das seit einiger Zeit wieder ein Revival erlebt. (Nächste Woche berichte ich im Blog noch ausführlich über die Tätowierungskunst der Maori.)

Alan Duff beim Abendessen
Ein Großteil der gestrigen Veranstaltung findet auf Englisch statt, nur vereinzelt streuen die Gäste Maori-Wörter ein. Ein Gefühl für die Sprache bekommt das Publikum dann aber doch noch, als Hararwira zur Gitarre greift und ein traditionelles Lied auf Maori vorträgt. „Wenn du einen Song kennst, solltest du zumindest das erste Lied mitsingen“, erzählte mir Alan Duff am Vortrag bei einem Empfang in der Residenz des neuseeländischen Botschafters. Auch seine lebhafte Kollegin Cathie Dunsford stimmt sofort mit ein. Und sogar in der Reihe hinter mir summen ein paar neuseeländische Besucher leise mit.
Nach der dreistündigen Veranstaltung versammeln sich die Autoren und einige Gäste in einem Restaurant. Die berlinernden Kellner nehmen die Bestellung der Gäste auf, die einander noch bis in den nächsten Morgen hinein weitere Geschichten erzählen werden. Schon am Vorabend sagte Alan Duff: „Ich möchte unbedingt eine Schweinshaxe essen.“ Hier wird ihm der Wunsch erfüllt – und ich finde, sein Gesichtsausdruck auf diesem Foto sagt mehr als tausend Worte.
Hier ist ein Bericht von NZ@Frankfurt über den Abend, bei dem auch all die anderen Autoren vorgestellt werden.
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