»Ganz normale Helden«

Anthony McCarten
Anthony McCarten wurde 1961 im neuseeländischen New Plymouth geboren und schaffte es schon in jungen Jahren, weltweit als Autor und Filmemacher bekannt zu werden. Seine zusammen mit Stephen Sinclair 1987 verfasste Arbeitslosen-Revue „Ladies Night“ wurde weltweit ein Erfolg und 2004/05 auch auf Bühnen des deutschsprachigen Raums nach „Faust“ am zweithäufigsten inszeniert. Bis heute ist die Komödie international gefragt und sichert dem Autor eine Art Grundeinkommen, von dem viele Kreative träumen mögen. Zudem hat Anthony McCarten, der heute vor allem in London lebt, auch als Schriftsteller und Drehbuch-Autor internationalen Erfolg. Sein Buch „Superhero“ (2006), das die Geschichte eines todkranken Jungen parallel aus jugendlicher und erwachsener Perspektive beschreibt, funktioniert generationenübergreifend und ist in der Regie von Ian FitzGibbon verfilmt worden. Unter dem Titel „Am Ende eines viel zu kurzen Tages“ ist es nun auch in deutschen Kinos zu sehen. Im neu auf Deutsch erschienenen Buch „Ganz normale Helden“ entwickelt McCarten diese familiäre Tragödie weiter und spürt Gefahren nach, die die moderne Computerwelt nicht nur für Jugendliche, sondern auch für seelisch instabile Erwachsene birgt. Den Autor kennzeichnet seine besondere Vielseitigkeit. Er schreibt nicht nur in unterschiedlichen Medien, sondern kombiniert die verschiedenen Schreibstile auch in seinen Texten. Comic-Dynamik, drehbuchartige Schnittfolgen und Passagen ruhiger, emotional intensiver Erzählung werden in „Superhero“ beispielsweise zusammengeführt. Dieses vielschichtige Interesse an gesellschaftlichen Entwicklungen, das sich in den Werken und in seinem guten Gespür für Themen zeigt, treibt McCarten an. Es ermöglicht ihm zudem, wendig auf die Herausforderungen der digitalen Welt zu reagieren.
INTERVIEW MIT ANTHONY McCARTEN
Die digitale Revolution macht auch vor dem Buchmarkt nicht halt. Welche Bedeutung hat diese Entwicklung für Sie als Autor?
Wenn Sie von einem Verleger gefragt werden, ob er ihre E-book-Rechte übernehmen kann, klären sie zunächst, was das für ein Geschäft für sie ist. Das Geschäft scheint für den Autor immer schrecklich zu sein, es ist furchterregend und bedrohlich. Ich weiß von meinem zehnjährigen Sohn, sobald etwas im digitalen Netz verfügbar ist, ist es frei gestellt, es wird kopiert und geteilt. Obgleich Romane verschlüsselt werden, wenn sie einmal im digitalen Format erscheinen, ist es doch nur Software, die für immer besteht und frei zugänglich ist.
Mit welchen Strategien haben Sie sich als Autor ökonomisch bisher abgesichert, wie hat sich diese Lage im digitalen Zeitalter verändert?
Als ich begann, Romane zu schreiben, war in meinen Verträgen immer eine Klausel enthalten, die besagt, dass dann, wenn der Verleger das Buch nicht mehr in seinen Beständen verfügbar hat, die Rechte an mich zurück gehen und ich sie weiter verkaufen kann. So konnte ich sicher stellen, dass ich bei einem trägen Verleger, und solche hatte ich früher, einfach sagen kann, ich nehme das Buch und suche mir einen Verleger, der das Buch im Druck verfügbar hält.
In den neuen Vertragsvereinbarungen unterzeichnet man ein Stück Papier, mit dem man auch die elektronische Version des eigenen Buches veräußert. Normalerweise gibt es hierfür keine zeitliche Begrenzung, es sei denn, man schaffte, dieses durchzusetzen, das allerdings ist nicht einfach. In den meisten Fällen ist die Übertragung der E-book-Rechte für immer, unendlich. Es stellen sich also sehr viele Fragen, wie man als Autor auf diese Herausforderung reagieren soll. Soll man bei dem Spiel, das sich gerade als wichtigstes Spiel der Stadt erweist: die Digitalisierung von Büchern, mitmachen oder nicht. Du musst nur losgehen und versuchen, den bestmöglichen Handel zu erzielen. Es gibt allerlei „rotten deals“, unakzeptable Verträge und die meisten Autoren würden froh sein, wenn das alles nicht existieren würde.
Wir haben beobachtet, wie es Musikern ergeht. Musiker haben einen großen Teil ihres Einkommens abgegeben und verdienen nun ihr Geld weniger mit Hilfe von Alben sondern durch Tourneen. Wer aber möchte Tag um Tag in eine Konzerthalle kommen, um einen Autor zu sehen? Diese Kultur gibt es noch hier in Deutschland, aber ich versichere ihnen, in England oder Amerika stehen den Autoren keine Lesungen als Einkommensquelle zur Verfügung. Das digitale Geschäft ist für alle Autoren außer für die Bestseller-Autoren eine Bedrohung ihres Einkommensflusses.
Welche Lösungsansätze sehen Sie?
Es gibt einige wegweisende Autoren, deren Arbeit ich verfolge. Diese Autoren haben ihre e-book-Rechte über Jahre hinweg zurückgehalten und handeln jetzt selbst mit ihrer zurückgehaltenen Backliste. Einigen ist es gelungen, von bestimmten neuen E-book-Verlegern 50 Prozent vom Preis des Internet-Verkaufs zu bekommen. Von E-books entstehen, Diese realisierten, dass einige Einsparungen, die durch die geringeren Versandkosten von E-books entstehen, mit dem Autor geteilt werden sollten. 50 Prozent halte ich für fair. Das ist erheblich besser als die 25 Prozent, die in diesem Geschäft zur Zeit üblich sind. Ich bin mir bewusst, dass der Verkauf von Backlist-Titeln, die bereits ediert und produziert sind, weit weniger Kosten verursacht als die Herstellung eines neuen, noch nicht publizierten Buches, doch in Zukunft denke ich Verleger werden gezwungen sein, den Autoren für die Vergabe der E-book-Rechte einen höheren Prozentsatz zu geben als für die Druckrechte. Sie werden durch das Aufkommen vermehrter Konkurrenz dazu gezwungen werden. Es gibt neue, ausschließliche E-book-Verleger unter ihnen. Ein Verleger kam zu mir und fragte, ob er meine Backliste elektronisch verkaufen dürfe. Wir würden das einzelne Buch für 99 Pence, (etwa € 1,20) verkaufen. Alles, was er mir garantieren konnte, war, dass, wenn wir Glück haben, wir viel davon verkaufen. Man muss jedoch Millionen von den elektronischen Titeln verkaufen, um davon leben zu können und um auch einmal etwas so Besonderes wie Urlaub oder einen Autokauf davon finanzieren zu können. Das heißt, mit der neuen Ökonomie umzugehen, ist etwas ganz Neues. Ich habe die E-book-Rechte einiger meiner Bücher in bestimmten Sprachen verkauft, ich halte jedoch fast alle meine E-book-Rechte in englischer Sprache für die Backliste zurück, einige davon waren Bestseller, und ich denke ich würde nur dann in Versuchung geraten, sie zu verkaufen, wenn mir der Verleger ein faires Geschäft anbietet
Leben Sie ausschließlich von ihrem Schreiben?
Ja, das tue ich.
Ist das schon lange Zeit so möglich?
Schon von Anfang an ist das so, ich hatte sehr viel Glück. Doch arbeite ich in verschiedenen Medien, ich mache beispielsweise Theaterstücke, die für mich arbeiten, kleine literarische Sklaven die in dem Moment, in dem wir miteinander sprechen, an unterschiedlichen Orten auf der Welt gerade arbeiten, sie werden heute Nacht aufgeführt und ich bekomme einen Anteil der Aufführungsrechte. Außerdem schreibe ich auch für den Film, das Geld, dass du als Drehbuchautor verdienen kannst, reicht zum Leben und indem ich für diese verschiedenen Bereiche – Theater, Kino und Roman -schreibe, kann ich meine Kinder versorgen und unser tägliches Brot auf den Tisch bringen. Wenn ich jedoch ausschließlich Romane schreiben würde, dann müsste ich, wie viele meiner Kollegen, in einer Universität arbeiten, als Lektor tätig sein, eine Schreibwerkstatt leiten oder irgendeine andere Tätigkeit finden.
Man wäre eine Art cross-professionelle Person?
Ja, man könnte auch als Unterwäsche-Modell arbeiten. Man muss tun, was auch immer der eigenen Person entspricht, um sich über Wasser zu halten. Bisher, klopfen wir auf Holz, bin ich in der Lage, allein von meinem Schreiben zu leben.
Das Interview führte Andrea Pollmeier, Faust-Kultur

www.faust-kultur.de
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