Der Kiez-Verleger

Philipp Schwörbel vor dem Hinterhof-Büro der “Prenzlauer Berg Nachrichten”
Seine früheren Büros waren sicherlich größer und schicker, doch Philipp Schwörbel fühlt sich wohl an seinem neuen Arbeitsplatz. Die Redaktion der „Prenzlauer Berg Nachrichten“ liegt etwas versteckt in einem Hinterhof der Marienburger Straße 8. Auch wenn die Fenster vergittert sind, kommt genügend Licht in die funktional eingerichtete Parterre-Wohnung, den Rest besorgen Deckenlampen. Die beide Redakteure tippen gerade die neuesten Geschichten für die Online-Zeitung in ihre Laptops, nebenan ist Schwörbels Büro. Er könnte auch hier seine Besprechungen abhalten, doch an diesem sommerlichen Tag bevorzugt der 40-Jährige dann doch lieber, wie die meisten Prenzlberger, eines der nahe gelegenen Cafés.
Die Marienburger ist eine belebte Wohnstraße und die Außentür der Hausnummer 8 mit Graffiti bespickt, nebenan befindet sich ein Blumenladen und gegenüber die „Marie“, ein großflächiger Spielplatz. Seit 2003 lebt Philipp Schwörbel gemeinsam mit seiner Frau und inzwischen zwei Kindern im Ost-Berliner Bezirk. „Prenzlauer Berg ist unsere neue Heimat geworden“, sagt er beim Spaziergang zum Kollwitzplatz. Sein Sohn geht dort um die Ecke in die Kita. „So viel wir heutzutage auch beruflich unterwegs sind oder die Welt bereisen, am meisten interessiert uns doch, was direkt vor unserer Haustür passiert“, sagt er. So entstand einst auch die Idee für das neue Internet-Portal.
Hyperlokalismus gilt als ein Trend im Journalismus. Da viele Tageszeitungen aus finanziellen Gründe ihre Lokalteile verkleinern müssen, wird oft nur noch über das berichtet, was für die ganze Stadt oder die Region relevant ist. Diese Lücke füllen nun neue journalistische News-Portale. Seit einer Weile schon gibt es beispielsweise den Heddesheimblog, auf den auch Schwörbel einst beim Lesen eines Artikels über die Zukunft des Journalismus stieß. Er fragte sich, ob es so etwas auch für sein Kiez gäbe und die Antwort war: Nein.
Der gebürtige Hamburger ist Diplom-Kaufmann, in München absolvierte er einen Aufbaustudiengang zum TV-Producer. Er arbeitete in der Bertelsmann Stiftung als Leiter des Kernteams Medienwirtschaft, war bei der UFA Film & TV Produktion angestellt, danach als selbständiger Unternehmensberater tätig, um schließlich als Persönlicher Referent und Büroleiter für Gesine Schwan zu arbeiten. 2009 plante er ihre Kampagne für das Amt der Bundespräsidentin. Danach wollte Schwörbel etwas ganz Neues ausprobieren, die Idee einer lokalen Online-Zeitung für sein Viertel zu machen, ging ihm nicht mehr aus dem Kopf.
Also gründete er 2010 eine GmbH und suchte nach Journalisten, die Lust haben, für ihn zu schreiben. Schwörbel finanzierte das Projekt von seinem eigenen Geld, die Familie hatte etwas zurückgelegt. Am 2. Dezember 2010 ging die Website dann online. Nach und nach konnte er mehr Anzeigen akquirieren, inzwischen haben die Prenzlauer Berg Nachrichten einen kleinen, aber festen Stamm von freien Redakteuren, die für das tägliche Grundrauschen sorgen, wie er es nennt. Die weiteren Beiträge sind von freien Journalisten, die momentan noch ehrenamtlich für ihn schreiben. Sie wohnen ebenfalls in dem bundesweit berühmten Kiez mit seinen rund 145.000 Einwohnern, das die ZEIT vor fünf Jahren in einem Artikel als das „Experimentierfeld des neuen Deutschlands“ bezeichnete. Die Geschichte trug den Titel „Bionade-Biedermeier“.

Mitarbeiter der Redaktion
Schwörbels Team berichtet unter anderem über die Landtagswahlen, den Umbau der Kastanienallee, die Zukunft des Mauerparks und die Gentrifizierung des Helmholtzplatzes. Alles Themen, die auch mich unmittelbar betreffen. Denn ich wohne nur wenige Minuten von der Kastanienallee und dem Mauerpark entfernt, und gründete vor rund neun Jahren gemeinsam mit Kollegen ein Journalistenbüro am Helmholtzplatz. Aus dem Fenster unseres Erdgeschoss-Büros, einer ehemaligen Zahnarztpraxis, konnten wird die schleichende Veränderung des Viertels täglich miterleben. Wo einst Ost-Berliner Arbeiter und schrullige Künstler lebten, schieben nun mehr oder weniger junge Mütter ihre schicken Kinderwagen entlang, relaxen schwedische Hipster auf der Wiese und shoppen Brad Pitt und Angelina Jolie, wenn sie mal wieder in der Stadt sind, im Spielzeugladen “Ratzekatz”. Einige der wenigen, die noch immer am Helmholtzplatz bei den Tischtennisplatten verweilen, sind ein paar Alkoholiker und Obdachlose. Der lautesten unter ihnen wurde sogar auf dem Edeka-Laden in der Raumerstraße mit einem gemalten Porträt verewigt.
Auch wenn man Berlin immer als eine große, anonyme Stadt bezeichnet, das Leben in meinem Viertel fühlt sich an, als würde ich in einem Dorf wohnen. Berlin besteht eben aus mehreren Dörfer nebeneinander. Seit 16 Jahren ist Prenzlauer Berg meine Wahlheimat, auch ich bin eine der vielen Zugezogenen, die nach dem Studium einfach geblieben ist, und somit zum langsamen Wandel des Kiezes beitrug. Ähnlich wie Philipp Schwörbel, der sich dem Prenzlauer Berg ebenfalls verbunden fühlt. Für ihn hat die Online-Zeitung noch eine andere Funktion: „Es mag kitschig klingen, aber ein gutes Zusammenleben im Viertel klappt nur, wenn es eine lebendige Öffentlichkeit gibt. Und dazu wollen wir unseren Teil beitragen“, sagt er im Café Kollberg.
Die Prenzlauer Berg Nachrichten sind eigentlich eine reine Online-Zeitung, es gab aber seit der Gründung schon drei Printausgaben, die kostenlos an die Bürger verteilt wurden, um das neue Portal bekannter zu machen. Bis zu 22.000 unterschiedliche Nutzer hat die Website monatlich. Philipp Schwörbel ist sehr zufrieden mit der derzeitigen Entwicklung seines Projektes. „Seit einem halben Jahr sind wir soweit, dass ich nicht mehr draufzahlen muss“, sagt er. Ein Gehalt kann er sich zwar noch nicht auszahlen, aber seine Frau arbeitet seit kurzem wieder Vollzeit. Die ganze Familie glaubt an die Idee.
Und wie viel Zeit will sich Diplom-Kaufmann Schwörbel noch geben, bis er damit Gewinne erzielt? „Ich habe mir eine Frist gesetzt“, sagt er und lächelt, „doch die verrate ich nicht“. In naher Zukunft ist jedenfalls kein Ende in Sicht. Das Interesse an seinem Portal steigt stetig, er ist in den nächsten Monaten auf mehrere Konferenzen eingeladen worden, um über seine Erfahrungen zu berichten. Mit hundertprozentiger Leidenschaft widmet sich der Verleger also weiterhin seiner Idee. Und wo könnte man die besser ausleben als im Prenzlauer Berg, wo zumindest laut Klischee alle Kreative sind.
“Journalist”-Interview mit Philipp Schwörbel und dem Lokalchef der “Berliner Zeitung” über Graswurzeljournalismus und die Zukunft des Lokalen.
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