Kia Tika, Kia Maori

Die Werte von Maori Television
Haunui Royal und sein fünfjähriger Sohn sind an diesem Tag sehr früh aufgestanden. Es ist fünf Uhr morgens, draußen ist es stockdunkel, auch im Foyer des Fernsehsenders Maori Television sehen die Mitarbeiter am Empfang noch ein wenig müde aus. Programmdirektor Royal hat sich mit ein paar Freunden verabredet. Heute ist ANZAC Day, ein besonderer Tag – für die Neuseeländer und den kleinen Sender. ANZAC steht für „Australian and Zew Zealand Army Corps“; an diesem Nationalfeiertag gedenken die Neuseeländer der Opfer des Ersten Weltkriegs. 100.000 Landsleute, fast ein Zehntel der damaligen Bevölkerung, zogen einst in den Krieg. 40.000 kehrten verwundet heim, rund 18.000 starben. Unter den Opfern waren auch viele Maori.
Royals Kollegen senden live vom War Memorial Museum in Auckland, wo ab 5.45 Uhr in der Morgendämmerung eine feierliche Zeremonie abgehalten wird. 18 Stunden berichtet der Sender heute über den Nationalfeiertag. „Durch unsere intensive Berichterstattung haben wir in den vergangenen Jahren mitgeholfen, dass es wieder so ein großes Interesse am ANZAC Day gibt“, sagt er. Gemeinsam spazieren sie nun zum nahe gelegenen Museum. Tausende Menschen haben sich dort bereits versammelt, kurz vor der Zeremonie wird es seltsam still. Royals Sohn sitzt auf den Schultern seines Vaters, irgendwann schläft er ein. Am Ende des sogenannten Dawn Service singen die Anwesende die Nationalhymne – in Englisch und Maori.
Rund 15 Prozent der Bevölkerung sind Maori, aber nur noch vier bis fünf Prozent der Neuseeländer sprechen fließend te reo Maori, die Sprache der ersten Inselbewohner. Damit sich das ändert, wurde 2004 der staatliche Fernsehsender Maori Television gegründet. Zum Programm zählen neben Sprachunterricht im Soap-Format, den tägliche Nachrichten und Dokumentationen auch viele Unterhaltungsformate: Kochshows, Spielfilme und die Übertragung des Rugby World Cups. Rugby ist in Neuseeland Nationalsport und die Kiwis seit 2011 Weltmeister. Zuletzt lief bei Maori TV die Doku-Reihe „Songs From the Inside“, in der Gefängnisinsaßen mithilfe von Musikprofis einen Song schreiben und produzieren konnten.
Der Auftrag des Senders ist, neben der Sprache auch die Maori-Kultur in allen Bereichen zu zeigen und zu fördern. „Zwei Drittel unserer Zuschauer sind Pakeha“, sagt Carol Hirschfeld, die Produktionschefin von Maori TV. Pakeha werden die von Europäern abstammenden Hellhäutigen genannt. Obwohl die 49-Jährige beim ANZAC Day mehrere Stunden live vor dem Museum moderierte, sitzt sie am nächsten Tag strahlend und entspannt im großen Aufenthaltsraum. Die Neuseeländerin ist ein Profi, seit fast 25 Jahren arbeitet sie im Fernsehgeschäft, sie moderierte beim Privatsender TV3 verschiedene Formate, präsentierte jahrelang die Nachrichten, war Produzentin etlicher Shows. Die Zuschauer schätzen die schöne und intelligente Journalistin mit der herzlichen Ausstrahlung, die seit 2009 hauptsächlich hinter der Kamera tätig ist. Hirschfeld stammt aus einer gemischten Familie: Ihr Vater ist Australier, ihre Mutter war eine Maori. Sie starb als Carol zehn Jahre alt war, so kam diese Familienseite viel zu kurz. Der Nachname ist übrigens ein Erbe ihres Urgroßvaters väterlicherseits, der Deutscher war.

Produktionschefin mit deutschen Wurzeln: Carol Hirschfeld
Die Neuseeländerin führt durch den Sender, der im Aucklander Viertel Newmarket liegt. An den Wänden hängen kunstvolle Holzschnitzereien und Sprüche in Maori: „Kia Tika – Kia Pono – Kia Aroha – Kia Maori“ heißt es auf einem mit Ornamenten verzierten Bild. „Das sind die grundlegenden Werte unseres Senders“, erklärt sie. Hirschfeld versteht Maori, spricht es aber noch nicht fließend. Deshalb lässt sie sich bei der genauen Übersetzung sicherheitshalber von einer Kollegin helfen, die gerade vorbeikommt. „Be true to who we are, believe in who we are, lots of love and be a Maori, aye“, übersetzt diese die Philosophie eher frei. (Die genaue Übersetzung gibt es hier.) Einige Mitarbeiter lernen, genau wie Carol Hirschfeld, noch die Sprache ihrer Vorfahren. Täglich üben sie fleißig neue Vokabeln.
Früher wurde die Sprache der indigenen Bevölkerung unterdrückt, lange war es sogar verboten, sie in der Schule zu sprechen. Erst in den 1980er Jahren wandelte sich das Bewusstsein; heute gibt es in etlichen Schulen Maori-Kurse. Englisch und te reo Maori sind offizielle Landessprachen. Und natürlich leistet auch der Sender einen wichtigen Beitrag dabei, das kulturelle Erbe lebendig zu halten. „Unsere täglichen Nachrichten Te Kaea senden wir ausschließlich in te reo, in der Wiederholung dann auch mit englischen Untertiteln“, sagt Hirschfeld, als sie weiter durch die Redaktion führt. Derzeit wird mehr als die Hälfte des Programms in der Maori-Sprache gesendet, beim zweiten Kanal Te Reo sogar hundert Prozent. Der Senderchef nannte Maori TV kürzlich „das größte virtuelle Klassenzimmer des Landes“.
Hirschfelds Büro ist klein und fensterlos, umso weitläufiger ist dagegen der Aufenthaltsraum mit der großräumigen Küche. Von dort aus gelangt man schnell ins nächste Studio, wo die Kulissen für eine beliebte Karaoke-Show stehen. Bei „Homai Te Pakipaki“ kann jeder mitmachen. „Es gibt keine zynische Jury, die sich über die Kandidaten lustig macht“, erzählt die Produktionschefin, „wer weiterkommt, bestimmt allein das Fernsehpublikum.“ Es gehe eben um das gemeinschaftliche Erlebnis und den Spaß. Die Gemeinschaft und die Familie spielen bei den Maori eine sehr wichtige Rolle, es wird gerne gegessen und viel gesungen. Hat Carol Hirschfeld durch in ihrem neuen Job eine stärkere Verbindung zu ihren Maori-Wurzeln gewonnen? „Ja, auf jeden Fall. Ich fühle mich als Person in jeder Hinsicht wohler.“
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