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“Es ist immens wichtig, mit Ebook-Preisen zu experimentieren”

Laura Hazard Owen schreibt als Expertin für die Bereiche Ebooks und Publishing-Geschäftsmodelle für die Medien- und Tech-Plattform GigaOm und betrieb zuvor mit “Publishing Trends” eine Website mit Newsletter für die Buchverlagsbranche. Sie ist Sprecherin bei der Tools of Change (TOC) Konferenz in Frankfurt.

Laura Hazard Owen ist Expertin für den Ebook-Markt

Werden Ebooks im Journalismus zukünftig eine große Rolle spielen?

Zeitungen und Magazine werden Storytelling auf neue Weise betreiben müssen. Ebooks können Verlagen dabei helfen, Erlösströme für Inhalte zu schaffen, die vorher im Netz verschenkt wurden. Die US-Zeitung Minneapolis Star Tribune hat beispielsweise eine ausführlich recherchierte Serie über den Krieg der amerikanischen Regierung gegen die Dakota Indianer im Jahr 1862 im damals noch jungen Bundestaat Minnesota auf ihrer Webseite veröffentlicht, dann die Geschichten gebündelt und als Ebook für 2,99 Dollar verkauft. Das Ebook stand auf der New York Times Ebook Bestsellerliste. Viele amerikanische Zeitungen experimentieren mit Ebooks.

Sind Ebooks mehr ein Geschäftsmodell für Verlage oder für unternehmerisch denkende freie Journalisten?  

Für freie Journalisten stellt sich die Frage, wie sie die Recherche und das Schreiben von Ebooks finanzieren wollen. Wenn wir über Nonfiction sprechen, hängt das natürlich vom Thema ab, aber wahrscheinlich fallen dabei Kosten an. Nicht nur die Zeit, die man als Autor in eine Reportage steckt, sondern auch Recherche- und Reisekosten. Autoren, die im Auftrag einer Redaktion schreiben, können die Kosten wahrscheinlich über Spesenzahlungen verrechnen, aber wenn sie Projekte auf eigene Rechnung durchführen, müssen sie diese Kosten selbst tragen. Das ist ein Punkt, über den freie Autoren als erstes nachdenken sollten.

Müssen Autoren zukünftig ebenso gute Vermarkter wie Storyteller sein?

Auf jeden Fall! Sogar Autoren, die über herkömmliche Verlage und nicht im Selbstverlag veröffentlichen, müssen mittlerweile eine Menge Marketing und Promotion selbst leisten. Ich glaube wirklich, dass das heutzutage ein Teil der Jobbeschreibung von Autoren ist, egal, wie man dazu stehen mag.

Gibt es dabei ein Generationengefälle zwischen Digital Natives und Digital Immigrants oder ist es mehr eine Frage der eigenen Haltung?

Ich glaube, es ist vor allem eine Frage der Haltung. Leuten, die mit digitaler Technologie aufgewachsen sind, mag zwar der Umgang damit leichter fallen, aber ich glaube, man kann das in jedem Alter lernen, wenn man willig und experimentierfreudig ist. Es ist auch keine Schande, sich dabei helfen zu lassen.

Welche Autoren und Unternehmen sehen Sie als beispielhaft erfolgreich auf dem Ebook-Sektor an?

Die Selfpublishing-Plattform Byliner

Ich beobachte Unternehmen wie Byliner und Atavist sehr genau. Das sind zwei Unternehmen, die zuvor unveröffentlichte E-Singles verkaufen – bei Byliner handelt es sich   dabei sowohl um Fiction als auch um Non-Fiction. Sie wagen interessante Experimente mit Abonnements, Serien, usw.

Ist es schwieriger, Journalismus auf Download-Plattformen zu verkaufen, als Musik oder Filme (die man mehrfach nutzt)?

Es ist wirklich noch zu früh, um das zu beurteilen. Es hängt auch davon ab, was man unter Journalismus versteht. Nur Nonfiction oder auch alle anderen Arten von Ebooks bis hin zu Romanen? Ein weiterer Unterschied ist das Konzept des Streamings. Ich kann so ziemlich alle Musik, die ich mag, kostenfrei über Spotify hören (oder ein paar Dollar im Monat für ein Premiumkonto bezahlen). Und Netflix und Amazon liefern mir tonnenweise Filme gegen eine Monatsgebühr (Netflix) oder gegen eine Jahresgebühr, die mir weitere Vorteile bietet (Amazon Prime).

Gibt es eine goldene Regel bei der Preisfestlegung für Ebooks? Und wieviel sollten Autoren und Verlage verschenken, um im Sinne des “Freemium”-Konzepts Interesse beim Publikum zu wecken?

Atavist ermöglicht refinanzierbares multmediales Storytelling

Dafür gibt es keine Regel oder Formel, aber es immens wichtig, mit Ebook-Preisen zu experimentieren. Autoren, die Selfpublishing betreiben, experimentieren sehr viel. Sie bieten Ebooks für eine beschränkte Zeit kostenlos oder mit starken Preisnachlässen an. Sie starten Sonderverkäufe und Promotions über Kindle Daily Deal usw. Man kann wirklich beobachten, dass niedrige Preise und Promotionaktionen Ebooks in den Bestsellerlisten nach oben treiben können. Das ist eine große Chance für Verlage, die ihre älteren Bestandstitel besser abverkaufen wollen.

Wo sehen Sie sich selbst in der Publishing-Zukunft?

Das ist eine gute Frage. Ich liebe es, über diese Themen zu schreiben und Lesern zu helfen, komplizierte Rechtsfälle wie beispielsweise das Gerichtsverfahren des Justizministeriums gegen Apple und Verlage in den USA besser zu verstehen. Ich schreibe über die Startup-Szene und neue Technologien. Ich könnte mir aber auch gut vorstellen, in einem Startup in der Verlagsbranche zu arbeiten.

  • http://twitter.com/irene_muc Irene

    In Deutschland steht der Börsenverein auf dem Standpunkt, dass die Buchpreisbindung auch für E-Books gilt. Wer davon schon mal gehört hat, bezieht das in die Preisgestaltung ein.

  • ulrikelanger

    Richtig, die Buchmärkte in den USA und in Deutschland unterscheiden sich in diesem Punkt. Dennoch ist es natürlich für deutsche Autoren ebenso wichtig, sich über die Preisgestaltung, kostenfreie Teaser etc. Gedanken zu machen, denn Buchpreisbindung bedeutet ja nicht festgelegte, sondern einheitliche Preise.

  • Andrea Schober

    Ein lesenswertes Interview! Wir betreiben die Self-Publishing- und
    Distributionsplattform XinXii, die von Indie-Autoren und Selbstverlegern
    genutzt wird. Laura’s Aussagen hinsichtlich “Preistests” und
    Buchmarketing möchten wir unterstreichen und auch jeden Autor dazu motivieren!

  • http://www.facebook.com/susanne.gerdom Susanne Gerdom

    Die Buchpreisbindung beinhaltet auch, dass man sich für einen Zeitraum von (so weit ich mich erinnere) 18 Monaten an einen einmal gesetzten Preis zu halten hat. Viel Experiment geht da leider nicht.