“In Zukunft wird sich der Journalismus nicht mehr am Markt alleine behaupten können.”

Medienwissenschaftler Stephan Weichert
Der Mediensoziologe und Kommunikationswissenschaftler Stephan Weichert ist seit 2008 Professor für Journalistik an der privaten Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation (MHMK) in Hamburg. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählt unter anderem die Zukunft des Qualitätsjournalismus und der Strukturwandel der digitalen Öffentlichkeit. Zudem ist er Herausgeber der Internet-Plattform VOCER, die kontroverse Medien-Debatten anregen will. Zuletzt erschien von ihm der „Innovationsreport Journalismus“ (gemeinsam mit Leif Kramp).
Herr Weichert, welche neuen Geschäftsmodelle gibt es im Journalismus?
Der Ansatz mit der Bezahlschranke im Internet funktioniert ja bisher nur bedingt. Neben klassischen Modellen wie Vertrieb und Werbung diskutiert man daher unterschiedliche Alternativen, die Zivilgesellschaft mit einzubinden, unter anderem Kleinst- und Kleinspenden von Usern. Außerdem erscheinen Stiftungsmodelle, Crowdfunding, Mäzenatentum vielversprechend oder der Ansatz, eine kooperative Vernetzung bestehender öffentlicher Einrichtungen – etwa der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), Instituten und Hochschulen – zu schaffen. Sicher ist allerdings nur: In Zukunft wird sich der Journalismus nicht mehr am Markt alleine behaupten können.
Das heißt also neue Geschäftsmodelle sind überlebenswichtig für einen qualitativ hochwertigen Journalismus?
Unbedingt! Ich finde zum Beispiel auch, dass das Modell der Kultur-Flatrate noch nicht zu Ende gedacht ist. Hier würde ja eine Gebühr fällig, die an technische Datenträger oder Übertragungswege gekoppelt ist, also einer Art Kopfpauschale auf Internetanschlüsse – vergleichbar mit dem Prinzip der Gema oder der VG Wort. Auch halte ich es prinzipiell für denkbar, die Idee einer geräteunabhängigen Haushaltsabgabe, wie sie in Deutschland ab 2013 als Alternative zur GEZ-Gebühr neu eingeführt wird, auf die gesamte Presse auszuweiten. Wenn von dieser Haushaltspauschale nur zwei Euro pro Monat abgeführt würden, stünden Gelder in Höhe von fast einer Milliarde Euro pro Jahr zur Förderung des Qualitätsjournalismus zur Verfügung. Bereits vor drei Jahren habe ich in der „Zeit“ vorgeschlagen, dass diese Pauschale in einen deutschlandweiten „Nationalfonds zur Förderung des Qualitätsjournalismus“ fließen sollte.
Wie hat man sich den vorzustellen?
Das könnte eine privatrechtliche Stiftung sein, die ähnlich wie der schweizerische Nationalfonds im Bereich wissenschaftlicher Forschung und speziell der Nachwuchsförderung dafür verantwortlich wäre, diese Gelder gerecht, unabhängig und kompetent an besonders bedürftige oder eben besonders innovative journalistische Medien zu verteilen. Was ich dagegen prinzipiell ablehne, ist eine direkte staatliche Subventionierung bestimmter journalistischer Märkte nach dem Gießkannenprinzip. Eine generell durch Steuergelder alimentierte Presse hielte ich für fatal: Denn dann wäre keine Unabhängigkeit mehr gewährleistet.
Kritiker sagen, dass bei den meisten dieser Modelle die Verlage aus der Verantwortung genommen würden. Diese sollten eher dafür sorgen, dass sich die Blätter selbst finanzieren und damit auch die Autoren angemessen bezahlen werden können.
Wie gesagt: Es kann nicht darum gehen, einzelne journalistische Angebote, die jahrzehntelang erfolgreich gewirtschaftet haben, plötzlich mit Steuergeldern zu alimentieren, das würde langfristig auch zu einer gefährlichen Marktverzerrung führen. Um aber einem generellen Marktversagen des Qualitätsjournalismus vorzubeugen, müssen wir über Alternativen nachdenken. Im Streit um die Verantwortung der Verlage geht es auch noch um etwas anderes: Bei Verlagsmanagern und Journalisten prallen auch immer zwei Denkschablonen aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten – der kommerzielle Markt, der die meisten Verleger in der Vergangenheit reich gemacht hat und die Bildungskultur, also die Auffassung vom Journalismus als Allgemeingut der Gesellschaft.
Etliche Journalisten geraten zunehmend in eine prekäre Lage, weil Stellen eingespart werden, die Gehälter und Honorare sinken.
Ich kann die Sorgen vieler freier Journalisten sehr gut nachvollziehen, denn sie stehen meist am unteren Ende der Nahrungskette. Beim Springer Verlag ist diese Bigotterie in letzter Zeit besonders gut nachzuvollziehen: Auf der einen Seite werden Rekordgewinne verkündet, und Verlegerin Friede Springer protzt öffentlich mit einem Aktiengeschenk im Wert von 73 Millionen Euro für Vorstandschef Mathias Döpfner. Auf der anderen Seite wird Personal freigesetzt, zuletzt wurden über 40 Kündigungen an die Redaktion von „Computer Bild“ und „Audio Video Foto Bild“ verschickt. Das digitale Geschäft vieler Presseverlage konzentriert sich zudem zunehmend auf kommerzielle Web-Angebote wie Online-Immobilienportale und Datingsites. Für das Modell einer Stiftung für Qualitätsjournalismus wäre also sehr genau zu prüfen, wer davon eigentlich profitieren soll und darf. Für meine Begriffe geht es also eher um den Erhalt beziehungsweise den Schutz kostenintensiver journalistischer Tätigkeitsbereiche wie die investigative Recherche, Auslandsberichterstattung oder schwer gegenzufinanzierende Orchideenfächer wie die kritische Medienpublizistik und der Wissenschaftsjournalismus.
Wie sieht es im internationalen Bereich aus?
Die USA sind uns in vielem voraus. Hier finden einige der Ideen wie die des Mäzenatentums schon längst erfolgreich Anwendung. In jeder Hinsicht vorbildlich ist zum Beispiel Pro Publica, eine stiftungsfinanzierte Redaktion für investigative Recherche in New York City, die vorrangig von dem kalifornischen Ehepaar Marion und Herbert Sandler jedes Jahr mit rund zehn Millionen Dollar unterstützt wird. Das Team von ProPublica macht immer wieder durch aufsehenerregende Investigativrecherchen von sich reden, setzt aber auch spannende Akzente bei innovativen Darstellungsformen wie News Apps und Datenvisualisierungen.
Wo sind diese Texte dann zu lesen?
Die aufwändigeren Beiträge von Pro Publica erscheinen in der Regel in Kooperation mit etablierten Redaktionen wie der „New York Times“, „Newsweek“, „CBS“ oder der „Los Angeles Times“ – auch das ist ein interessantes Modell im Hinblick auf die Verwertungsmöglichkeiten eines so verstandenen Journalismus, der im öffentlichen Interesse handelt. Allerdings muss man auch hier genau aufpassen, dass damit kein Einfluss durch die Geldgeber verbunden ist, das sollte in den Statuten oder Satzungen der jeweiligen Geldempfänger kategorisch ausgeschlossen sein. Ein aktuelles Negativbeispiel für Einflussnahme ist, laut einem Bericht in der gedruckten Ausgabe der Vanity Fair, die „Washington Post“, durch die an ihr beteiligte Kaplan Incorporation, einem privaten Weiterbildungsunternehmen: Kaplan hat offenbar nicht nur mit dem Wissen, sondern auch mit publizistischer Unterstützung der „Washington Post“ auf dubiose Weise Studenten angeworben und sie in den finanziellen Ruin gestürzt.
Eine Verwischung der Grenzen zwischen PR und Journalismus existiert ja auch in Deutschland. Immer mehr freie Journalisten finanzieren sich parallel durch Aufträge aus der PR-Branche. Ist das nicht bedenklich?
Pauschal ist das schwer zu sagen. Es gibt einige positive Beispiele, wo freie Autoren, die bekannt und anerkannt sind, trotzdem ein Standbein im Bereich PR haben. Diejenigen, die ich kenne, achten zumindest peinlich darauf, beide Bereiche zu trennen: Da berät einer etwa eine Automobilfirma, und schreibt aber ausschließlich über Kultur- und Wissenschaftsthemen. Er wird also nie in die Verlegenheit kommen, über die Automarke zu schreiben. Es existieren aber auch Gegenbeispiele, wo Regionalzeitungen nur noch Pressemitteilungen abtippen und diese wie gewöhnliche Artikel abdrucken. Das passiert, weil die Zeit und das Geld in Form von Personal fehlen, um eigene Geschichten zu machen.
Man sagt, dass Journalisten und Autoren eine hohe Identifikation mit ihrem Beruf haben. Welche Rolle spielt die Leidenschaft im Journalismus?
Sie ist unverzichtbar. Wer diesem Beruf nicht mit Leidenschaft nachgeht, wer damit also nur seinen Lebensunterhalt bestreiten will, der sollte etwas anderes machen – zum Beispiel Jurist oder Banker werden. Denn richtig reich werden im Journalismus nur ganz wenige.
Na, das macht ja nicht sehr viel Mut. Gibt es Ihrer Meinung nach überhaupt noch einen Grund Journalist zu werden?
Ich sage meinen Studenten immer, dass ein unschätzbarer Wert auch in der Vielseitigkeit des Journalistenberufs liegt. Es gibt kaum einen Beruf, der so abwechslungsreich ist und bei dem man die Chance hat, sich in so viele Themen einzuarbeiten.
Heutzutage ist dank des Internets so gut wie jeder ein Autor. Welche Rolle spielt für Blogger das Schreiben? Ist es nur eine Form der Selbstvermarktung?
Das gedruckte Wort steht vor einem gravierenden Wandel. Durch das Internet findet ein Perzeptionswandel statt, auch für den Blogger sind Texte wichtig, aber ein Online-Beitrag lebt regelrecht. Er verändert sich, weil man Fehler korrigieren und der Leser mit dem Autor in Interaktion treten kann. Das Bloggen ist jedoch eine vollkommen andere Herangehensweise als bei einem journalistischen Artikel, der idealerweise noch drei Mal gegengelesen wird, bevor er in den Druck geht oder online gestellt wird. Dass Informationen flüchtiger werden, ist leider nicht zu ändern. Trotzdem gibt es natürlich auch qualitativ hochwertigen Journalismus im Netz, der zu Unrecht noch immer einen schlechten Ruf hat. Trotz der großen Bedeutung des Internets und der Online-Medien, glaube ich an die Zukunft des gedruckten Wortes, gerade bei Wochenzeitungen und Magazinen.
Wie sieht es im Buchmarkt aus?
So toll all diese elektronischen Geräte auch sind: Ich glaube, dass viele Leser in Zukunft noch ein Buch in der Hand halten wollen. Bei den Printmedien ist es ähnlich wie bei Fotoabzügen auf Papier: Sie haben, anders als digitale Informationen, einen Souvenircharakter, und das schätzen eben immer noch überaus viele Leute.
Und doch ist VOCER eine reine Internet-Plattform. Wie viel Leidenschaft steckt in diesem Projekt?

Das Gießkannenprinzip: VOCER-Illustration von Rita Kohel zum Thema “Über das schwierige Geschäft des Journalismus”
VOCER ist zu hundert Prozent Leidenschaft – ohne Herzblut hätte es den Anstoß für dieses Projekt nie gegeben. Bis auf unsere Redaktionsleiterin Caro Neumann arbeiten und schreiben wir alle ehrenamtlich für das Projekt, hinter dem ein gemeinnütziger Verein steht und das ausschließlich durch Stiftungsgelder, Spenden und die bpb finanziert wird. VOCER hat sich in der Branche inzwischen einen Namen gemacht, zu unseren Medienpartnern gehören die Süddeutsche Zeitung, ZEIT Online und das Deutschlandradio. Nach dem Vorbild der Slow Media Bewegung ist unserem Team von VOCER an einer Entschleunigung des Journalismus gelegen. Daher stehen für uns Nachdenkstücke über die gesellschaftlichen Konsequenzen des digitalen Medienwandels im Mittelpunkt unserer Berichterstattung – das funktioniert überraschender Weise auch online sehr gut. Wir experimentieren aber auch mit neuen Darstellungsformen, etwa im Bereich Video- oder Datenjournalismus. In den nächsten Wochen gründen wir außerdem unser neues Innovation Media Lab für Nachwuchsjournalisten, eine Art Schutzraum für Innovationen im Medienbereich, in dem sich die nächste Generation ausprobieren kann und wir gemeinsam die neuesten Entwicklungen im Journalismus testen werden.
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