“Neuseeland ist ein bikulturelles Land”
Sarah Ropata ist Leiterin des Buch- und Literaturprogramms des diesjährigen Ehrengastes Neuseeland. In unserem Interview spricht sie über Trends und Einflüsse in der neuseeländischen Literatur, die Frage, warum es so wenig Übersetzungen aus dem Maori in andere Sprachen gibt, und über ihre persönlichen Highlights im literarischen Programm.
Frankfurter Buchmesse: Sarah, was definiert Ihrer Ansicht nach die neuseeländische Literatur?
Sarah Ropata: Ich glaube nicht, dass es einen einzelnen Aspekt gibt, der die neuseeländische Literatur definiert. Neuseeland ist ein kleiner und multikultureller Markt mit lediglich 4 Millionen Menschen. Das Land wird geprägt durch die große Distanz zum Rest der Welt, seine indigene Gesellschaft, die vielen Menschen, die es als ihre Heimat gewählt haben, und die vielen „Kiwis“, die in die Welt reisen und dann zurückkehren. Es gibt so viele Geschichten und so viele Blickwinkel, dass die neuseeländische Literatur buchstäblich ein bisschen von allem in sich vereint.
Würden Sie sagen, dass die neuseeländische Literatur stark vom Commonwealth beeinflusst ist?
Ja, man kann auf jeden Fall sagen, dass das neuseeländische Schreiben einem starken Commonwealth-Einfluss unterworfen ist – das fängt schon damit an, dass die gesamte englische Sprache ein Commonwealth-Import ist. Und jeder Autor, der englisch schreibt, kann auf das reiche literarische Erbe der westlichen Welt zurückgreifen. Worin sich die neuseeländische Perspektive unterscheidet, ist der Einfluss unterschiedlicher Kulturen. Neuseeland ist eine Nation, die große Zuwanderungswellen erlebt hat und nach wie vor erlebt – zuerst kamen die Maori, dann die Engländer, Chinesen, Niederländer, Samoaner, Somalier … die Liste ließe sich fortführen und reicht bis in die früheste Geschichte Neuseelands zurück.
Gibt es bestimmte Trends in der neuseeländischen Literatur?
Nein, überhaupt nicht. Der Markt ist einfach nicht groß genug, als dass alle über dasselbe schreiben könnten. Daher orientiert sich die neuseeländische Verlagsbranche im Gegensatz zu größeren Märkten nicht an Trends oder übergreifenden Themen. Aber ich stelle fest, dass es einige immer wiederkehrende Themen und Einflüsse gibt – etwa die Maori-Mythologie, die Abgeschiedenheit des Landes oder die Landschaft, und ich finde, dass die Texte oft recht düster sind.
Wie wird Maori-Literatur im literarischen Programm des Ehrengastes vertreten sein?
Maori-Literatur wird in unserem Programm durch einige herausragende Talente vertreten sein – Witi Ihimaera, Patricia Grace, Alan Duff, Paula Morris und Cathie Dunsford sind allesamt etablierte literarische Autoren, dazu kommen neue aufstrebende Talente wie Tina Makareti, großartige Lyrik und Performance von Hinemoana Baker und Robert Sullivan, Sachliteratur von Aroha Harris, Kochbücher von Charles Royal, mündliche Erzählungen von Joe Harawira und Literatur in Form von Schnitzerei, Weberei und Kapa Haka von Te Matarae Orehu.
Und ich glaube, Sie werden überrascht sein, wie intensiv die Geschichten der Maori eine ganze Reihe von Autoren beeinflussen, die gar keine Maori-Wurzeln haben. Neuseeland ist ein ganz und gar bikulturelles Land – der Einfluss der Maori-Kultur ist ein lebendiger, aktiver Bestandteil unserer heutigen Gesellschaft, und diese Tatsache spiegelt sich in Sprache und Literatur.
Was ist der Grund dafür, dass es bis jetzt keine Übersetzungen aus dem Maori ins Deutsche gibt?
Dafür sehe ich zwei Gründe. Der erste ist rein praktischer Natur und betrifft die Anzahl der Personen, die tatsächlich aus Te Reo Maori (der Maori-Sprache) ins Deutsche übersetzen können: Sie lassen sich an einer Hand abzählen. Damit ein in Te Reo Maori verfasstes Buch in einem deutschen Verlag erscheinen könnte, müsste es also zunächst ins Englische übersetzt werden, und eine Doppelübersetzung macht das ganze zu einem sehr kostspieligen Unterfangen.
Der zweite Grund besteht darin, dass nur sehr wenig literarische Texte in Te Reo Maori verfasst werden. In Neuseeland gibt es nur einen einzigen Verlag, der auf Bücher in Te Reo Maori spezialisiert ist: Huia Press wurde erst vor zwanzig Jahren gegründet und veröffentlich sowohl Titel für den Publikums- als auch für den Bildungsmarkt. Als ich die Leiterin des Verlags, Robyn Bargh, auf diese Thematik ansprach, erklärte sie, dass die ersten zwanzig Jahre der Verlagstätigkeit den Bemühungen gewidmet waren, Maori-Autoren, die englisch schreiben, zu unterstützen und – mittels der Lehrbücher für Kohanga Reo und Kura (Immersionsschulen für Te Reo Maori) – die Sprachkompetenzen in Te Reo Maori zu fördern. Das Ergebnis dieser Anstrengungen besteht darin, dass gerade eine neue Generation heranwächst, die Te Reo Maori beherrscht – und in den nächsten zwanzig Jahren wird Huia Press den Schwerpunkt darauf legen, diese Schüler zu fördern, sodass aus ihnen vielleicht einmal Autoren werden, die Texte in Te Reo Maori schreiben.
Welche Autoren werden Ihrer Ansicht nach beim deutschen Publikum besonders gut ankommen?
Meine Güte, ich wünschte, ich hätte eine Kristallkugel, um diese Frage beantworten zu können! Aber ich würde auf Anthony McCarten, Greg Broadmore und Hinemoana Baker tippen. Meine „Wildcard“ wäre Mark Stauffer.
Worauf freuen Sie sich persönlich am meisten?
Wir werden jeden Tag ein ganz besonderes Event im neuseeländischen Pavillon präsentieren, das das Geschichtenerzählen auf eine völlig neue Ebene hebt. Es wird packend und unterhaltsam sein und zum Nachdenken anregen. Den Zeitraum von 16.30 bis 17.30 Uhr dürfen Sie also an keinem der Messetage verpassen! Ebenfalls nicht fehlen sollte man, wenn die Spitzenköche Neuseelands – Al Brown, Peter Gordon, Graham Brown – im Restaurant Margarete zum Dinner laden. Und für einen Blick auf die Zukunft des transmedialen Geschichtenerzählens sollte man sich die StoryDrive-Konferenz und die Masterclass mit Sir Richard Taylor und dem Weta-Team ansehen.
Über Sarah Ropata:
Sarah Ropata wurde von der Publishers Association of New Zealand engagiert, um das Buch- und Literaturprogramm für den Ehrengast Neuseeland zu leiten. Zuvor war sie als Senior International Adviser bei Creative New Zealand, der nationalen Agentur zur Förderung der Kunst, tätig. Sarah Ropata stammt ursprünglich aus South Wales, Großbritannien, und wanderte 1999 nach Neuseeland aus, wo sie inzwischen verheiratet ist und mit ihrem einheimischen Ehemann Tony eine kleine Familie gegründet hat. Tonys Stammbaum umfasst Kai Tahu und Ngati Raukawa, das gemeinsame Zuhause ist zweisprachig. Sarah Ropata verfügt über einen Studienabschluss in Kunstgeschichte und bekleidete im Laufe ihrer Karriere unterschiedliche Positionen in PR und Marketing quer durch die Kunst-, Film- und Kreativbranchen in Großbritannien und Neuseeland. Sie liebt gute Bücher und bezeichnet ihre gegenwärtige Aufgabe als ihren Traumjob. Allerdings meint sie, das englische Motto des Ehrengastauftritts müsste in ihrem Fall zutreffender „While I Was Not Sleeping“ lauten.
NEUE KOMMENTARE