Die Guild-Wars-Revolution

Guild Wars 2 auf der Gamescom
Online-Rollenspiele brauchen keine Fortsetzungen, denn sie verändern sich ständig und werden kontinuierlich erweitert – eigentlich. Denn mit GuildWars 2, das nächste Woche veröffentlicht wird, wollen die Spieleentwickler von Arenanet den Erfolg des ersten Teils wiederholen. Mit neuen Ansätzen versuchen sie den Markt der Online-Rollenspiele aufzumischen und beschreiten nebenbei ganz neue Wege, wie in diesem Medium Geschichten erzählt werden können.
Online-Rollenspiele (MMORPGs) zeichnen sich dadurch aus, dass viele Hundert oder Tausend Spieler gleichzeitig in einer virtuellen Welt unterwegs sind. Im Normalfall werden solche Spiele ständig verbessert und durch neue Inhalte erweitert. Der Marktführer World of Warcraft besteht beispielsweise schon seit 2004, allerdings würde ein Spieler von damals es heute kaum wiedererkennen, so sehr wurden die Welt und die Spielmechaniken seitdem verändert. Man könnte also sagen, dass sich MMOs im Sinne einer Evolution langsam und stetig den veränderten Bedürfnissen der Kunden anpassen. Meistens entwickelt sich deswegen die Geschichte des Spiels nur weiter, wenn eine neue Erweiterung oder ein Patch veröffentlicht wird. Ansonsten ist eine solche Welt größtenteils statisch, da sie für alle Spieler immer gleich aussehen soll.
Im Jahr 2005 kam Guild Wars, das erste Online-Rollenspiel von Arenanet, auf den Markt und fand zahlreiche Anhänger. Schon 2007 kündigte das Entwicklerstudio eine Fortsetzung an, welche nicht in Form von Zusatzinhalten, sondern als eigenes Spiel veröffentlicht werden sollte. Diese Entscheidung machte schon zu Beginn deutlich, dass man sich nicht mit kleinen Änderungen begnügen würde, sondern Großes vorhatte. Auf die Veränderungen der Spielmechanik möchte ich an dieser Stelle nicht eingehen, und mich stattdessen darauf konzentrieren, wie das Spiel Geschichten erzählen wird.
Das erste Spiel dient dabei als historischer Hintergrund, während die Welt von Guild Wars 2 einige Hundert Jahre später angesiedelt ist. Diese Zeitspanne wird durch zwei bereits veröffentlichte Bücher überbrückt („Die Herrschafft der Drachen“ von J. Robert King und „Die Geister von Ascalon“ von Matt Forbeck und Jeff Grubb), welche die Veränderungen, die in der Welt stattgefunden haben darstellen und zugleich dazu dienen, wichtige Charaktere des neuen Spiels einzuführen. Zusätzlich veröffentlichten die Entwickler auf einem Blog weitere kurze Erzählungen. Damit liefern sie Hintergrundinformationen, die allerdings nicht notwendig sind, um die Handlungsstränge im Spiel zu verstehen.

Screenshot aus der Guild Wars 2 Beta
Die erzählenden Aspekte im Spiel selbst sind sehr vielschichtig gestaltet und setzen sich von der statischen und oft wenig ansprechend erzählten Geschichte in anderen MMORPGs ab. Dies erreichen die Entwickler dadurch, dass die Geschichte auf verschiedenen Ebenen erzählt wird: Zum einen wird die in den Büchern begonnene Geschichte einiger zentraler Charaktere in Spiel weitergeführt. Der Spieler kann diese bei ihren Abenteuern unterstützen, was in abgeschlossenen Bereichen der Spielwelt geschieht. Außerdem hat jeder Spielercharakter (Avatar) eine persönliche Geschichte, welche durch Entscheidungen des Spielers beeinflusst werden kann. Um solche individuellen Erzählungen in einem Online-Spiel zu ermöglichen, spielen sich diese Handlungsstränge in instanziierten Gebieten ab (d.h. für jeden Spieler eigens erstellte, abgeschlossene Bereiche der Spielwelt).
Doch auch die offene Spielwelt, in welcher sich alle Spieler frei bewegen, wurde möglichst dynamisch gestaltet: Verschiedene Ereignisse verändern den Zustand der Spielwelt, welche wiederum von den Spielern abgewendet oder unterstützt werden können. Beispielsweise könnte ein Dorf von Banditen angegriffen werden, welche dieses als Basis für weitere Angriffe nutzen können, wenn die Spieler sie nicht von dort vertreiben. Diese Art des Erzählens ist dem Medium Computerspiel eigen, denn hierbei entsteht nur aus der Welt und der Interaktion der Spieler eine Art Geschichte, allerdings ohne einen klassischen Plot. Durch die verschiedenen Ebenen kann Guild Wars die Vorteile verschiedener Erzählmedien verbinden und so vielleicht ein ganz neues Spielerlebnis schaffen.
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