Frankfurter Buchmesse
Neues denken.

Diese Seite sharen:
buchmesse.de
English
Autoren
RSS
Impressum

Die wandernde Venus

Anfang Juni kommt es am Sternenhimmel zu einem Jahrhundertereignis: Dann nämlich stehen die Planeten Sonne, Venus und Erde exakt in einer Linie. Das mag sich im ersten Moment vielleicht nicht wirklich spektakulär anhören. Für Astronome und passionierte Himmelsbeobachter ist diese Konstellation jedoch von besonderer Bedeutung. Der Planet Venus wandert dann nämlich, deutlich sichtbar als schwarze Scheibe, mehrere Stunden vor der Sonne entlang.

(Foto: Rechte vorbehalten von MarkGregory007)

Venus-Transit nennt sich dieses Phänomen, das im Schnitt in 130 Jahren nur zweimal vorkommt. Die letzten beiden Transite fanden 1882 und 2004 statt. Jetzt ist es wieder so weit: Am 6. Juni wird der Venus-Transit zu beobachten sein – u.a. auch auf der Südhalbkugel in Neuseeland, unserem Ehrengast „Am Rande des Universums“. Und weil der Sternenhimmel nicht nur Astronome, sondern auch Dichter und Literaten inspiriert und beflügelt, haben die Neuseeländer- genauer gesagt das Ministry for Culture & Heritage, das International Institute of Modern Letters und die Publishers Association of New Zealand (PANZ) – gemeinsam mit zwei deutschen Partnern – dem Goethe-Institut Neuseeland und der Literaturwerkstatt Berlin - ein sehr spannendes Lyrik-Projekt ins Leben gerufen, bei dem sich alles um den Venus-Transit dreht.

Drei deutsche und drei neuseeländische Lyriker sind an dem Projekt beteiligt, und zwar Uwe Kolbe, Brigitte Oleschinski und Ulrike Almut Sandig sowie Hinemoana Baker, Glenn Colquhoun und Chris Price. Anfang Juni reisen die deutschen Dichter nach Neuseeland, wo sie am 6. Juni gemeinsam mit ihren neuseeländischen Kollegen den Venus-Transit in Tolaga Bay beobachten – und wunderbare Lyrik dazu verfassen werden. Das jedenfalls hoffen Bettina Senff vom Goethe-Institut in Wellington und Aurélie Maurin von der Literaturwerkstatt Berlin, wie sie mir im folgenden Interview verraten haben.

Was erhoffen Sie sich vom Transit of Venus Poetry Exchange?

Bettina Senff: Das Goethe-Institut hat es sich auf die Fahnen geschrieben, die internationale kulturelle Zusammenarbeit zu pflegen. Vom Transit of Venus Projekt erhoffe ich mir entsprechend, dass das gemeinsame Erleben des einmaligen Phänomens Venustransit die deutschen und die neuseeländischen AutorInnen einander näher bringt, und dadurch für die spätere Zusammenarbeit im Workshop, wo es um das Verstehen und Übersetzen der Gedichte aus der jeweils anderen Sprache und Kultur geht, eine intensivere Atmosphäre des Vertrauens und Verständnisses entsteht. Und natürlich hoffe ich, dass die AutorInnen zu wunderbaren neuen Texten inspiriert werden!

Aurélie Maurin: Ich erhoffe mir gute Gedichte! Es wird für alle eine Abenteuerreise in fremde poetische Welten und hoffentlich Spracherweiterungsprogramm und Seelenerkundung in Einem. Ich hoffe, dass der poetische Dialog über den Venus Poetry Exchange hinaus weitergeführt wird, dass aus der äußerst persönlichen, poetischen Zusammenarbeit an den Werken, mit all den damit verbundenen Erklärungen und Anekdoten Freundschaften entstehen, die auch zukünftige Kooperationen und Übersetzungsprojekte anregen werden. Am besten neue Übersetzungen von ganzen Gedichtbändchen …

Welche Stationen hat das Projekt?

Bettina Senff: Die Autoren treffen sich zum Venustransit an der Ostküste Neuseelands, in Tolaga Bay. Für Neuseeland hat dieser Ort eine ganz besondere Bedeutung, denn hier ankerte Captain James Cook, nachdem er 1769 den Venustransit auf Tahiti beobachtet hatte.

Im Anschluss geht es weiter nach Wellington, wo in einem Workshop das Erlebte reflektiert wird. Dazu gehört ebenso eine Tour durch das Nationalmuseum Te Papa, wo sich die deutschen Gäste näher mit der Kultur der Maori beschäftigen werden, wie ein Besuch der Ausstellung „Dark Sky“ in der Adam Art Gallery, die sich in künstlerischer Weise mit Himmels-Phänomenen auseinandersetzt. Die AutorInnen machen sich mit ihren Arbeiten gegenseitig vertraut und stellen sich in einer Podiumsdiskussion dem Wellingtoner Publikum vor. In einer „Berlin Poetry Night“ präsentieren wir außerdem die Arbeit der Berliner Literaturwerkstatt mit dem Onlineportal Lyrikline und dem Zebra Poetry Film Award.

Mitten im neuseelaendischen Frühling geht es dann im Oktober nach Berlin zum zweiten Teil des Workshops und zum Grande Finale nach Frankfurt zur Buchmesse.

Aurélie Maurin: Die Texte sollen dann in dieser zweiten Phase in der Literaturwerkstatt Berlin gemeinsam und gegenseitig übersetzt, bzw. „VERSschmuggelt“ werden, d.h. die Dichter arbeiten auf der Grundlage von Interlinearübersetzungen und mithilfe von Sprachmittlern in Paaren an der poetischen Übertragung ihrer Gedichte in die andere Sprache. Dieses Verfahren ist für die Übertragung von Lyrik in eine andere Sprache hervorragend geeignet, da der Dichter selbst unmittelbar am Übersetzungsprozess beteiligt ist: nicht nur für die Gedichte des Partners sondern auch für die eigenen.

Worauf freuen Sie sich bei dem Projekt am meisten?

Bettina Senff: Ich freue mich sehr auf den Augenblick, wenn alle Autoren sich im Oktober in Berlin in der Literaturwerkstatt zum “VERSschmuggeln” wiedertreffen. Was mag dabei herauskommen? Darauf bin ich sehr gespannt.

Aurélie Maurin: Ich freue mich auf das Drehen der Wörter, die Drehung um das Wort herum, freue mich darauf, mitzuerleben, wie sich Dichter aus völlig unterschiedlichen Sprachwelten über dieses Himmelereignis näher kommen und wie sich Sprache dabei finden und erfinden kann.

Das Projekt endet auf der Frankfurter Buchmesse: Was ist dort mit den Lyrikern und ihren Arbeiten geplant?

Aurélie Maurin: Die Dichterpärchen werden ihre Texte über den Venustransit und die Nachdichtungen in beiden Sprachen vorstellen und gemeinsam über das gesamte Projekt reden, werden die Geschichten hinter den Wörtern erzählen. Es ist immer eine Freude zu sehen und zu hören, wie sich die Dichter die Texte des Partners angeeignet haben. Beim Auftritt der Dichterpärchen wird deutlich, wie nah sich beide Dichter gekommen sind, mit welcher Hingabe sie gearbeitet hatten, um der Arbeit des anderen gerecht zu werden und dem ursprünglichen Gedicht eine eigene Schwingung zu verleihen, und welche eigene Wortakrobatik sie in die neuen Schöpfungen hineinzuflechten vermochten …Ich bin sehr gespannt.

Bettina Senff: Das Projekt wird als eines der Highlights im neuseeländischen Pavillon auf der Buchmesse vorgestellt. Wie genau das ablaufen wird, ist zurzeit allerdings noch ein wohlbehütetes Geheimnis der neuseeländischen Veranstalter. Ich hoffe aber sehr, dass wir dabei ein Multimedia-Ereignis erwarten können, das auch visuelle Eindrücke vom Venustransit aus Neuseeland vermittelt, der ja leider in Deutschland gar nicht zu sehen sein wird.

Auch das Goethe-Institut wird die LyrikerInnen einladen, das Projekt und die entstandenen Texte und Übersetzungen vorzustellen, beides wird auf die Lyrikplattform lyrikline.org gestellt und ist damit sofort für Lyrikliebhaber weltweit zugänglich. Und wenn dann die Texte vorliegen, dann finden wir – da bin ich zuversichtlich – auch irgendwo die notwenigen Mittel für eine Publikation.

Wie die Lyriker den Venus-Transit und das gesamte Projekt erleben, und wie es ist, unter “Zeitdruck” Gedichte zu schreiben, darüber werden in den nächsten Monaten zwei der Teilnehmer in unserem Blog berichten.

Kategorien:
Ehrengast

Tags:
, , ,