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Geräusch, Gewusel und Gequatsche

Versuchen Sie mal beim Thema zu bleiben, wenn Sie sich mit Kyle Mewburn unterhalten!

Hilfreich wäre es, selbst über keinerlei Persönlichkeit zu verfügen, nichts, das Sie von Ihrem Gegenüber ablenken könnte. Und finden Sie ihn bloß nicht sympathisch. Seien Sie sachlich. Bei klarem Verstand und mit kühlem Kopf, uninspiriert, Gott bewahre, inspirierend! Überhaupt…verflixt: Ihre Fragen, abhaken, aha, so ist das! Ja, sehr schön, Nicken, danke, Wiedersehen.

Aber das wäre wahrlich wenig spaßig. Für ihn nicht, für mich schon gar nicht, und ich nehme an, auch nicht für Sie. Daher haben wir uns auch nicht annähernd an solch ordentliches Prozedere gehalten, sondern geplaudert, gefragt, uns Ping-Pong-haft zu den sich daraus ergebenden Fragen hin-und hergewuselt und eine Menge gelacht. Bevor ich Ihnen jedoch diese (reizende) Begegnung schildere, zunächst ein paar Fakten: Kyle Mewburn, geboren 1963 in Brisbane, Australien, reiste durch Europa und den Nahen Osten, bevor er sich 1990 in Neuseeland niederließ. Wie er mir erzählte, wollte er immer schon schreiben. Es war ihm Bedürfnis und großes Verlangen, Worte zu verwenden. Doch zunächst schlug er eine Karriere als Journalist ein, arbeitete in der Werbung und schrieb außerdem sieben Jahre verschiedene Formen der Belletristik (ohne jeglichen Erfolg), um schließlich in jenem Genre zu landen, in dem er heute glücklich und vor allem sehr erfolgreich ist: als Autor von Kinderbüchern. Oder vielmehr Bilderbüchern. Da er mir auch gestanden hat, dass er ziemlich faul ist. (Aber bevor Sie jetzt ein Urteil fällen, setzen Sie sich hin und versuchen Sie es selbst: ein Bilderbuch zu schreiben, das Erwachsene mit Begeisterung ihren Kleinen vorlesen, selbst lange nachdem diese schon eingeschlafen sind … Na, sehen’se, also, Ruhe)

Seit 1997 ist er hauptberuflich Autor und hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Preise und Auszeichnungen für seine Kinderbücher erhalten. Im Jahr 2010 gewann er beispielsweise den New Zealand Post Children’s Book Award für sein wunderbares Buch “Old Hu-Hu”, mit verblüffenden und entzückenden Illustrationen von Rachel Driscoll.

In dem Artikel über die Preisverleihung heißt es, dass Kylie Mewburn “almost speechless” (also fast sprachlos) gewesen sei. Da ich nicht dabei war, aber Mr. Mewburn getroffen habe, riskiere ich die Behauptung, dass die Betonung auf “almost” liegt. Abgesehen davon , dass dies keine wirklich gewagte Aussage ist (@Kyle: Hier endlich die korrekte Übersetzung – taciturn – für das Wort, nach dem ich suchte, als ich Dir erzählte, dass wir beide wohl nicht unbedingt “wortkarg” seien), stelle ich ihn mir hocherfreut darüber vor, dass ein weiteres Buch von ihm einmal mehr Anerkennung und Beachtung gefunden hat.

Ich traf Mr. Mewburn im März auf der Leipziger Buchmesse, wo er einer von zehn neuseeländischen Autoren war, die die Einladung im Rahmen des Ehrengastprogramms 2012 der Frankfurter Buchmesse angenommen hatten. Im Blog konnten Sie bereits über die Pressekonferenz, die Ereignisse an unserem Stand, die großartige Atmosphäre, den vorzüglichen neuseeländischen Wein (von dem es nicht genug gab!) lesen und damit auch einen Vorgeschmack darauf bekommen haben, was uns herrlicherweise im Oktober erwartet. Jawohl, Neuseeland ist ein absolut aufregender und anregender Ehrengast. Ich persönlich hoffe ja sehr, dass Deutschland und besonders meine Heimatstadt Frankfurt sich ebenso offenherzig, weltoffen UND lebenslustig präsentieren werden, wie ich es durch diesen kleinen Einblick in Leipzig auf die Neuseeländer erfahren habe. Aber ich schweife ab.

Nach diesen barocken Verdrehungen also zurück zu “Old Hu-Hu” und seinem Schöpfer. Seit längerer Zeit schon hatte er sich dem Thema Tod widmen wollen. Seine Katze war gestorben, und er hatte viel an seine Großväter gedacht. Aber was ihn letztlich dazu angestoßen hat, genau dieses Buch zu schreiben, war ein Geräusch. Er erzählte mir, dass Geräusche ihn in Fahrt bringen, er eigentlich überhaupt kein visueller Typ ist, sondern auf Klänge anspringt, die er im Kopf hin und her rollt. Er liebt es, mit ihrem Rhythmus sprachlich zu spielen, indem er Reime mit “normalem” Text mixt, Sprache hört und die Musik, die sie erzeugen kann. So ist jedenfalls ganz sicher, dass wir nur in den Genuss des „Hu-Hu“-Buches gekommen sind, weil es sich hierbei einerseits um keinen ganz gewöhnlichen Käfer handelt, und andererseits dieser besondere Käfer eben auch diesen zauberhaften, klangvollen Namen hat. Ja, Sie haben richtig gehört: Ohne Hu-Hu kein Bu-uch. Hat Kyle mir selbst gesagt. Diesem Namen konnte (und wollte) er nicht widerstehen. Der Huhu ist der größte einheimische Käfer Neuseelands. Im Larvenstadium nennen ihn die Maori huhu, inzwischen wird er aber in all seinen Lebensstadien schlicht Huhu genannt. Wenn er reift, stößt er seine Hülle ab und bekommt Flügel und Beine. Er hinterlässt eine leere Hülle. Und stirbt der Huhu, verbleibt auch dann ein leerer Panzer – das perfekte Sinnbild für den Tod. Und erfreulich genug, den Kerl (den Käfer, den Käfer!) kann man auch noch essen (womit wir bei meinem eigentlichen Lieblingsthema sind. Sozusagen.). Wikipedia behauptet, er würde wie butterzartes Hühnchen schmecken. Na, ist das nicht beruhigend?

Also. Der Huhu. Aber das mit den Geräuschen, den Wortklängen hat ja schon laaange vor der Käfergeschichte begonnen. Um diese ging es schon immer bei Kyle Mewburn (Hmmmm… wenn ich es mir recht überlege… vielleicht, aber nur vielleicht, ist das Ganze ja auch eine ganz unbewusste Sache, und er hat ein Faible für Geräusche und den Hang zum Bilderbuch aufgrund seines doch recht ungewöhnlichen Nachnamens: MEWBURN. Der erste Teil klingt ein bißchen nach KATZE, der zweite Teil nach BRENNEN, wie in Leidenschaft. Denn nichts weniger als Leidenschaft ist es, die ihn schreiben lässt. Und ich konnte bislang zwar noch keine Katze in seinem Werk ausmachen (@Kyle: Hopphopp, Leute lieben Katzen, und ich auch!), aber zumindest gab es ja – neben anderen fabelhaften Kreaturen – schonmal eine mondsüchtige Kuh.

Und was noch zu den Geräuschen dazu kommt: der Mann liebt es, sich selbst zum Lachen zu bringen. Gute Kombi, finde ich: SOUND and LAUGHTER. “The Hoppleplop”, Kyle Mewburns erstes Buch, wurde 2004 veröffentlicht. Schon der Name ist das reinste Vergnügen: Hoppleplop – sagen Sie es laut …, jawohl, und noch einmal ein wenig lauter, jawooohl, HOPPLEPLOP… da haben wir es doch! – das gibt Ihnen eine Vorstellung davon, woran er sich erfreut: Außer dem Klingen von Klängen ist es das Kribbeln, das bestimmte Wortkombinationen erzeugen, das Gekitzel auf Ihrem Rücken hoch und runter oder das sich in Ihrem Mund und Kopf rings umher dreht.

Schön, dass der Mann damit Kinder wie vorlesende Erwachsene gleichermaßen erfreut. Außer dem Wortgeklingel hat der Autor es auf das Unerwartete abgesehen, die überraschende Wendung, das Ungewöhnliche im scheinbar Normalen. Bei ihm entwickelt sich eine klitzekleine Idee zu etwas Außergewöhnlichem. Plötzlich wird etwas mehrdimensional, was vorher simpel erschien. Eine Entfaltung von Schichten, Entdeckung von Verborgenem. Was geschieht, wenn ein Hügel und ein Loch Freunde sind und sogar über einen Platztausch nachdenken? Ein Spiel, das mit verschiedenen Blickwinkeln – wie wir die Dinge betrachten – jongliert. Kyle Mewburn liebt es zu überraschen, und er ist nicht im Geringsten an ernsthafter Pädagogik interessiert. Nein, es gibt keinen erhobenen Zeigefinger, keine Predigt. Vielmehr einen Schritt über die Grenze, eine leichte Ungezogenheit hier und da – Sprache, die dem Leser zuzwinkert.

Mir gefällt das. Und ich mochte ihn. Er ist wirklich ein netter Typ. Bescheiden, enthusiastisch, sehr freundlich, entspannt, aufgeschlossen, lustig. Und trotzdem bodenständig und realistisch. Er sagt, als Autor muss man wissen, was los ist und was die anderen in diesem Genre so treiben. Natürlich nicht, um zu kopieren, sondern vielmehr, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was fehlt. Und als Schriftsteller muss man schreiben. Und nochmals schreiben. Und weiter schreiben. (Anm. der Frau Bloggerin: und lesen, lesen, lesen). Mit offenen Augen durchs Leben gehen, wachsam und ein guter Zuhörer sein. Die Geschichten sind da, die Ideen – sie gehören aufgedeckt und erzählt.

Kyle Mewburn hat bisher eine Menge großartige Bilderbücher geschrieben. Und ein Geräusch kreiert ein Echo, einen etwas abgewandelten Klang . Tja, und so sehr Sie sich als Elternteil glücklich schätzen dürfen, diesen Mr. Mewburn entdeckt zu haben, machen Sie sich mal nicht zu locker, fühlen sie sich nicht allzu sicher. Denn dieses hinreißende, geliebte Kind mit seinen roten Schlafbäckchen, das bewundernd zu Ihnen hoch schaut, an Ihren Lippen hängt und über die Hoppleplops, Melus und Moon Cows kichert und sich selbst garantiert als elftes Schaf zählt, wird größer werden und seine eigenen Geräusche entdecken. Und diese werden nicht nur süß sein, das darf ich Ihnen versichern.

(Worüber um alles in der Welt spricht diese Frau? Jaja, ich weiß, Sie wundern sich. Lassen Sie es mich erklären:)

Es war zu erwarten, dass Kyle Mewburn es nicht bei den Süßigkeiten belassen würde. Und daraus darf man ihm wohl auch keinen Vorwurf machen. Über das Tönen von Worten, Buchstaben und Sprache kommt man wohl auch unweigerlich zum Klang des … nun ja, Lebens. Geradeheraus gesagt: zum Rotzen, Rülpsen und Pupsen. Nein, es gibt keine höfliche Art und Weise darüber zu sprechen (das heißt, es gibt schon eine, aber merkwürdigerweise ist sie jetzt nicht angebracht), denn in seiner Buchserie “Dinosaur Rescues”nähert sich Kyle Mewburn den (ein wenig) älteren Kindern, bleibt sich dabei aber selbst treu: verspielt, mit gespitzten Ohren, leicht unanständig, witzig und unterhaltend. Dinosaurier sind ja ein großes Kinderthema. Und ich bin sicher, die Kinder lieben Mewburns freche Umgehensweise mit diesen Giganten.

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Am Tag nach meinem Gespräch mit Kyle unterhielt ich mich mit dem sehr erfolgreichen neuseeländischem Romanautor Damien Wilkins. Er sprach davon, dass man ehrlich sein muss in seiner Arbeit, in dem, was man schreibt und wie. Ihn interessiert der Schritt von der öffentlichen zur inoffiziellen Seite der Dinge. Er blickt hinter Kulissen, deckt Schichten auf und untersucht Verborgenes. Und diese Aussagen erinnerten mich interessanterweise sehr an mein Gespräch vom Vortag mit Kyle, dem Bilder- und Kinderbuchautoren. Zwei unterschiedliche Autoren mit einer völlig verschiedenen Zielgruppe. Und doch, ihre Interessen liegen nahe beieinander.

Damien Wilkins erzählte mir auch, dass manchmal eine einzige Idee, eine Szene, die er im Kopf hat, sich zu einem Roman entwickelt, von dem er anfangs nicht hätte sagen können, wie dieser aussehen würde. Sehen Sie, da sind wir wieder ganz bei Mr. Mewburn. Wilkins umschreibt das auch so: „Es gibt keine Erzählung für dein Leben. Es entwickelt sich auf seine eigene Art. Ein Roman ist ein Gefäß, in das man hereinlegt, was man erzählen muss”.

Kyle Mewburn hat sicherlich sein Gefäß gefunden. Leider gibt es nur ein Buch von ihm, das in Deutschland veröffentlicht wurde: “Kein Platz im Haus für eine Maus” (Originaltitel: “No Room for a Mouse”). Offensichtlich ein Verlag mit gutem Geschmack, der Nachahmer verdient. Ja, ja, ich rede mit Ihnen!

Da ich Mr. Mewburn keinen “genießbaren” Huhu-Käfer anbieten konnte und dies wohl auch ein wenig pietätlos gewesen wäre, habe ich ein anderes herzhaftes Etwas am Ende des so genannten Interviews überreicht: eine Bulette. Und warum das? Naja, einerseits, um ihn ein wenig milde ob des sonderbaren Gesprächsverlaufs zu stimmen, und andererseits sah der Mann auch ein bißchen hungrig aus. Nee, nee, aber ich dachte, das sei nett. Diven überreicht man gerne mal ein Bouquet, ihm halt dann ein Stückerl Fleisch. Geht doch, oder? Sehr verwirrt war er übrigens nicht, stammt seine Frau Marion doch aus Deutschland, noch dazu aus Offenbach. Hach ja, die kleine Welt. Und ich füttere Menschen ja grundsätzlich sehr gerne. Auch Autoren. Nein, ganz besonders gerne Autoren. Na, weil sie doch so schöne Dinge tun. Mit Worten spielen und Geräuschen, Geschichten erzählen und uns dabei helfen, zwischendurch immer mal wieder in alle möglichen andere Welten und Wirklichkeiten zu “hoppleploppen“.

Es würde uns allen sehr gut tun, wenn wir viel, viel mehr hoppleploppten, da bin ich sicher. Überlassen wir das Rülpsen und Pupsen den Dinosauriern und ihren kleinen Fans.

Sind Sie dabei?

Kategorien:
Ehrengast

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  • http://juvenil.twoday.net/ A. Siebeck

    Schöner Artikel!
    Wenn Sie von Mr. Mewburn nicht genug bekommen können:
    juvenil – Blog für Kinder- und Jugendliteratur hat ihn vor seiner Abreise nach Leipzig interviewt: http://juvenil.twoday.net/stories/75221756/
    und sein wunderbares Buch Old Huhu rezensiert:
    http://juvenil.twoday.net/stories/64986178/

  • Pia zum Bansen

    Ohja, bei der Vorbereitung zu meinem Blogbeitrag hier, habe ich selbstverständlich Ihre Story im Netz bereits entdeckt, danke!