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“Die pure Respektlosigkeit von Numberlys…”

Kaum ein Bereich ist so “offline” wie die Schule. Daran störte sich der technikbegeisterte Lehrer Warren Buckleitner schon in den 80ern. Heute schreibt er als Experte an der Schnittstelle Kids und Technology u.a. auf childrenstech.com über Apps die schon Säuglinge begeistern. Im Interview spricht er über respektlose Games, eingerostete Erwachsene und magische Screens.

Sie sind schon seit vielen Jahren als Lehrer tätig. Wie kamen Sie zu dem Entschluss, die Children’s Technology Review ins Leben zu rufen?

Warren Buckleitner: Schon in den Achtzigerjahren konnte ich beobachten, wie meine Schüler mit Spielen wie Oregon Trail lernten. Ich wollte wissen, worin genau die Magie dieser neuen Technologie besteht. Das war 1983, in der Anfangszeit der Mikrocomputer. Ich war in einer Forschungsstiftung mit Laborschule tätig. Das war der ideale Ort, alle neuen Produkte aus dem Bereich der Bildungssoftware zu untersuchen, von den damals etwa 80 gab. Also veröffentlichten wir eine Liste – die Vorstufe der CTR-Datenbank. Bis heute hat unser Team auf seiner Suche nach der Magie mehr als 12.000 Spiele, E-Books, Websites und Apps begutachtet.

Alle Sparten der Verlagsindustrie sind durch die Digitalisierung einem Wandel unterworfen. Welche Veränderungen bringt das digitale Zeitalter für den Kinderbuchbereich mit sich?

Lassen Sie uns zunächst einmal das Wesentliche sagen: Das gedruckte Kinderbuch wird nicht verschwinden, denn es bietet auf psychologischer Ebene eine vollkommen andere Erfahrung. Man kann Druck- und Multi-Touch-Medien nicht angemessen vergleichen. Ich sehe ein Buch gerne als Skript, mit Ideen, die viele verschiedene Formen annehmen können. Es kann ein Buch bleiben, aber in einem Fall wie Harry Potter kann es sich auch in einen Film, eine App oder in einen Freizeitpark verwandeln. Die treibende Kraft ist dabei immer eine gute Geschichte oder – wie mein Freund Chris Meade gerne betont – „die Erzählung“. Es gibt eine neue Generation meisterhafter digitaler Storyteller. Diese erkennen, welches Potenzial in einem Multi-Touch-Bildschirm steckt, wenn es darum geht, ein Kind zu begeistern. Diese Leute wissen, wie man Interaktivität als Würze einsetzt – in exakt der richtigen Dosierung, sodass sie der Geschichte nicht in die Quere kommt.

Glauben Sie, dass sich Kinder leichter an E-Books und Apps gewöhnen können als Erwachsene?

Wir alten, eingerosteten Erwachsenen vergessen schnell, dass es für ein kleines Kind genauso frisch und neu ist, die Heiß- und Kaltwasser-Einstellungen an einem Wasserhahn zu ergründen, wie einen Multi-Touch-Bildschirm zu bedienen. Sie bringen das Ding zum Funktionieren, indem sie es berühren, bearbeiten und aktiv erkunden.

Was ist im Augenblick Ihre Lieblings-App?

Das ändert sich täglich, aber hier sind ein paar Beispiele von meiner Liste. Beim BolognaRagazzi Digital Award (dessen Vorsitzender ich bin) haben wir La Forêt Mes Premières Découvertes von Gallimard Jeunesse entdeckt. Die App kombiniert feine Bewegungs- und Berührungstechniken, um ein Nachschlagewerk für Kinder zum Leben zu erwecken. Mich begeistert fast alles, was TouchPress gemacht hat, und die Grafik- und Videoqualität in ABC Food von Peapod Labs ist ebenfalls erwähnenswert. Jedermann sollte Cinderella von Nosy Crow kennen und mit einem Kind eine Teeparty mit Toca Tea Party feiern. Nicht zu vergessen die pure Respektlosigkeit von Numberlys, die sozialen Funktionen von Magic Piano von Smule und der kreative Ansatz von Doodlecast von zinc Roe. Die Liste könnte noch lange fortgesetzt werden.

Was erwarten Sie vom Schwerpunkt Kinder- und Jugendmedien auf der Frankfurter Buchmesse und speziell vom Hot Spot Kids & eReading?

Es ist herrlich, zu sehen, was alles passieren kann, wenn brillante Köpfe auf leistungsfähige und unerschlossene Technologien treffen. Das konnten wir dieses Jahr in Bologna beobachten, und ich bin sicher, wir werden es auch in Frankfurt sehen.

Warren Buckleitner ist Experte im Bereich Kinder & Technologie: Der ausgebildete Lehrer forschte langjährig im Bereich frühkindliche Erziehung (MA, Pacific Oaks College) und hält einen Doktor in Educational Psychology (Michigan State University). Warren Buckleitner gründete Mitte der 90er Jahre das online Magazin Children’s Technology Review (CTR), das Dust or Magic Institute on the Design of Children’s Interactive Media sowie die Mediatech Foundation. Er schreibt für verschiedene Magazine und Zeitungen, darunter die New York Times. Auf der Consumer Electronics Show (CES) koordiniert Warren die Konferenz Kids@Play. Er lebt zusammen mit seiner Frau, zwei Hunden und zwei Töchtern in New Jersey, USA – und spielt Trompete in einer Dixieland Jazz Band.

Kontaktieren Sie Warren Buckleitner:

http://childrenstech.com

http://www.dustormagic.com

Twitter: @buckleit @childtech @dustormagic

  • http://www.meier-meint.de Steffen Meier

    Interessant finde ich Warren Buckleitners Auflistung seiner Lieblings-Apps. Wer außer Gallimard kommt denn noch aus dem klassischen Verlagsumfeld?
    Zumindest mal in Deutschland sehe ich den Kinder”buch”-App-Markt nicht mehr klar in verlegerischer Hand.

  • http://www.buchmesse.de Frank Krings

    Da ist was dran. Der Kinderbuch-App-Markt ist für klassische Verlage vielleicht noch ein ungewohnetes Terrain. Die Games-Branche ist da wohl sicherer im Sattel. Aber wenn Verlage solche Apps auch inhouse umsetzen wollen, werden sich zukünftig auch neue Workflows entwickeln. Und es werden neue Mitarbeiter aus buchfernen Branchen eingestellt. Vielleicht sollte ich mich auch mal bei der Coding Academy einschreiben… ;O)
    http://www.codecademy.com

  • http://www.meier-meint.de Steffen Meier

    Ich weiß nicht, ob hier der “Clash of Civilizations” nicht zu groß ist. Persönlich sehe ich in interner Abwicklung sehr große Chancen, aber die kulturellen Unterschiede zwischen Kinderbuchverlagen und Entwicklern können ein echtes Problem sein. Vielleicht wäre auch mal ein “Schuster, bleib bei deinen Leisten” sinnvoll und die Kinderbuchverlage versuchen als Auftraggeber oder besser Kooperationspartner Entwickler an sich zu binden – bevor die das womöglich selbst mit Autoren und Illustratoren machen.

  • http://www.buchmesse.de Frank Krings

    Du nennst es “Clash” aber vielleicht ist es eher eine Bereicherung. Ich schätze diese “Try and Errror”-Attitüde, die in Startups gepflegt wird. Und die ich auch bei unseren Dienstleistern oft erlebe. Solche Neulinge könnten zu einer neuen Firmenkultur in der Verlagsbranche beitragen. Dieses Festhalten an langfristigen Strategien und das Sicherheits- und Perfektionsstreben von klassischen Firmen passt doch nicht mehr in unsere Zeit. Alle Firmen werden irgendwie “Startup-artiger”… So wie alle Firmen zu Medien-Unternehmen in eigener Sache werden.

  • Marion Seelig

    “Toca Tea Party” ist von Toca Boca und gehört zu Bonnier (Schweden).
    Würde ich als Verlagsumfeld gelten lassen, beim “klassisch” kann man diskutieren…

  • http://www.meier-meint.de Steffen Meier

    Bonnier ist aber sowas von Verlag ;-) Aber das Toca Boca denen gehört. Schon wieder etwas gelernt.

  • http://www.apppmedia.com kristin

    Wir haben selber eine App für Kinder entwickelt. (Meine 1. App von appp media) Zunächst haben wir uns auf die Suche gemacht nach einem Verlag später “nur” nach einem Entwicklungshaus. Unsere Suche haben wir recht schnel frustriert l beendet und die Entwicklung, Umsetzung und Vermaktung selber in die Hand genommen. – schlicht weil wir den Eindruck hatten, dass es kaum mehr Wissen bei den großen Verlagen gab als wir selber haben.

    Wir sind im Rückblick froh um diese Entscheidung, als kleines Startup zwar oft aus dem Bauch zu agieren, aber dafür wendig zu sein. Und der Erfolg gibt uns recht. Voraussichtlich wird “Meine 1. App” auch in der nächsten Ausgabe von Warren Buckleitners Childrenstech Review besprochen, wir warten gespannt. Unser zweites Projekt ist nun fast marktreif. Inzwischen sieht man mehr Apps aus großen Verlagen wie Carlsen, Oetinger und Ravensburger. Aber man muss sie immer noch suchen, schade dass “die Großen” mit ihren tollen Inhalten sich nicht so recht auf den App Markt trauen.

  • http://www.buchmesse.de Frank Krings

    @kristin: Dann hoffe ich mal, dass Warren Buckleitner ein faires Urteil zu Ihrer App fällt. :) Wg. den zögernden Verlagen: Ich denke, dass Apps für Verlage in Zukunft selbstverständlich und synchron zur Erstellung des Pbooks produziert werden.