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Lebenszeichen von der kargen, gottverlassenen Sehnsuchtsinsel

Halldór Guðmundsson sagte mal scherzhaft, dass es zwei Typen von Deutschen gibt: Diejenigen, die schon in Island waren und diejenigen, die schon immer mal dort hinreisen wollten. Sieht man die Reaktionen in den Medien, von den Besuchern der Frankfurter Buchmesse und den Lesern unseres Blogs, bestätigt dies seine Theorie. Ab jetzt scheinen alle Fans von Island zu sein. Sollte nur jeder Zehnte kommen, der es angekündigt hat, wird die Insel nächstes Jahr von Besuchern überschwemmt. Doch nun, Ende Oktober, kehrt nach der turbulenten Woche in Frankfurt erstmal wieder etwas Ruhe ein.

Kristín Steinsdóttir war danach noch für eine Woche auf Lesetour. Seit vier Tagen ist die 65-Jährige zurück in Reykjavík. Die Spuren der Frankfurter Buchmesse sind überall sichtbar: Im Flur ihres Hauses hängt ein großes Poster von „Sagenhaftes Island“, auf dem Küchentisch liegen ausgeschnittene Zeitungsberichte, daneben steht eine prall gefüllte Messetüte.

Wie fast alle beteiligten Autoren, Verleger und Organisatoren des diesjährigen Ehrengast-Auftrittes hat auch Kristín diesen beseelten, verklärten Blick, wenn man sie fragt, wie sie die Zeit in Frankfurt erlebt hat. „Es war einfach einmalig, wie wir empfangen wurden. Alle unsere Erwartungen wurden übertroffen“, sagt die Autorin und stellt einen selbst gebackenen Schokoladenkuchen auf den Esstisch. „Ich hätte nie gedacht, dass ich mal so etwas erleben dürfte. Wohin wir Autoren auch kamen, es war überall gut besucht, die Stimmung bei den Lesungen war wunderbar und die Zuhörer sehr herzlich.“

Kristín ist ebenfalls Vorsitzende des isländischen Schriftstellerverbandes. Am letzten Abend der Buchmesse trafen sich das Team von Sagenhaftes Island und einige Autoren zu einem Abschlussfest. Viele weinten zeitweise, gesteht sie. „Es war ein bisschen von allem – wir waren erschöpft, überglücklich und traurig, dass das nie wieder kommt.“

Kristíns Verleger Egill Örn Jóhannsson kennt die Frankfurter Buchmesse seit langem, der 37-jährige ist Chef von Forlagið, Islands derzeit größtem Verlag. „Normalerweise reisen wir zurück und hatten viele hoffnungsvolle Gespräche, dieses Mal haben wir direkt auf der Messe mehr als ein Dutzend Deals mit ausländischen Verlagen abgeschlossen“, sagt Egill Örn jetzt in seinem Reykjavíker Büro und streicht einem dicken Kater über den Rücken, der gerade über seinen Schreibtisch tapst. „In der Branche ist bekannt: verkauft man Bücher nach Deutschland, öffnet dies auch Tore für weitere internationale Märkte.“

Schon lange hatte Egill Örn Schmetterlinge im Bauch, wenn er an die diesjährige Buchmesse mit Island als Ehrengast dachte. Drei Tage vorher jedoch konnte er plötzlich nicht mehr schlafen. Was ist, wenn wir uns doch blamieren? Nach dem Motto: „Sie fliegen hoch und fallen tief“ – so wie es mit der Finanzkrise war. Doch dann schaffte es der Verleger, sich Dienstag kurz vor der Eröffnung den isländischen Pavillon anzuschauen. „Sobald ich ihn sah, wusste ich, es würde gut werden“, erzählt Egill Örn. „Endlich gibt es wieder etwas, auf das wir Isländer stolz sein können. Etwas mit Substanz.“

Dass die Frankfurter Buchmesse weit mehr als nur das gemütliche Wohnzimmer Island präsentierte, sondern eben auch eine riesige Verkaufsmesse ist, erklärte Ingólfur Bjarni Sigfússon seinen Zuschauern und Zuhörern in der Heimat. Der 36-jährige Journalist vom öffentlich-rechtlichen Sender RÚV berichtete täglich fürs Radio und Fernsehen aus Frankfurt. Er glaubt, dass viele Isländer von der Größe der Messe überrascht waren, aber auch vom außerordentlich freundlichen Empfang. Ingólfur Bjarni, der einst in Leipzig studierte und Deutschland gut kennt, suchte im Internet vergeblich nach negativen Berichten. Lediglich beim Magazin Titanic fand er einen, außerdem zeigte die ZDF-Satiresendung heute show einen Beitrag über die „ironischen Isländer“. Aber sonst? Nur positive Reaktionen.

„Zum Glück gibt es nun endlich keine Reportagen mehr über unseren angeblichen Elfenglauben“, sagt der Journalist auf dem Weg in die Maske. Während der Buchmesse war Ingólfur Bjarni einer von hunderten Reportern, hier in Island ist er der stellvertretende Nachrichtenchef bei RÚV und ein Moderator der Abendnachrichten. Die Literaturliebe seiner Landsleute wurde ein bisschen übertrieben dargestellt, findet er, aber immerhin sind es mal wieder positive Nachrichten. „Und keiner rechnet wohl damit, dass die isländischen Literaten die neuen Wirtschaftswikinger werden.“ Schließlich liegen die Erstauflagen in Deutschland von vielen bei rund 2000 Exemplare. Am Ende der Buchmesse hörte man etliche Verlage entzückt und verzweifelt zugleich rufen: „Unsere erste Auflage ist verkauft, wir müssen schnell nachdrucken.“

Knapp zwei Wochen später bin ich immer noch dabei zu realisieren, was in vergangenen drei Monaten passiert ist. Eigentlich stehe ich als Journalistin stets im Hintergrund, wo ich mich auch sehr wohl fühle. Doch mit der Veröffentlichung meines Buches veränderte sich für mich viel. Plötzlich wurde ich von Zeitungskollegen interviewt, stand auf Bühnen vor über 100 Gästen und sollte vorlesen, etwas über Island erzählen und später Bücher signieren. Vor meiner ersten Lesung konnte ich zwei Tage kaum schlafen, mein Herz pochte so stark, dass ich dachte, ich würde gleich umfallen. Wie Ihr seht, habe ich es überlebt und freute mich über neue Aufträge als Journalistin und als Autorin für diesen Blog, wo ich auf einmal Texte in Ich-Form schreiben soll.

Nebenbei hatten Freunde und ich noch die Idee, kurz vor der Buchmesse ein kleines Festival in Berlin zu organisieren: den „Tag der isländischen Lebenskunst“. Dabei ließ ich mich von Künstlern in eine Performance rund um mein Buch verwickeln. Fast noch verrückter als das, war das große Interesse an Alles ganz Isi in den Medien. Es folgten Auftritte im Fernsehen, sogar bei der tagesschau und bei aspekte, Zeitungsreportagen mit großen Fotos von der Island-Expertin. Zum Glück bekam ich tolle Kritiken.

So geht es mir momentan ein bisschen wie den Isländern. Man ist überwältigt, überfordert und beseelt zugleich, dass alles so unvorstellbar gut geklappt hat. Um etwas zur Ruhe zu kommen, bin ich zurück auf die Insel geflogen, die mein Vater immer noch als karg und gottverlassen bezeichnet. Er bestätigt die Ausnahme von Halldórs nicht wirklich ernst gemeinter Theorie über das Island-Interesse der Deutschen. Mein Vater hat mir übrigens versprochen, mich eines Tages hier zu besuchen – und so kriegt die Insel sogar diejenigen, die eigentlich gar nicht kommen wollen.

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  • Yrsa

    Jaja, liebe Isländer,

    hättet Ihr mehr Angst vor den Finanzhaien als vor den Elfen gehabt, ginge es Euch jetzt etwas besser…..

    Trotzdem: Auch ich fand den Island-Schwerpunkt

    riesig!

    :–))

    Yrsa