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Ein literarischer “Allesfresser”

Wenn man bei uns an das Amt des Botschafters denkt, dann verbinden viele damit eine offizielle Person, die man ehrfurchtsvoll mit „Eure Exzellenz“ anspricht, die einen Stab von mindestens hundert Mitarbeitern hat, nur sehr schwer zu erreichen und irgendwie von einer anderen Welt ist.

In der isländischen Botschaft ist das anders, der Diplomat hat gerade mal sieben Mitarbeiter (inklusive Chauffeur). Die Vertretung Islands befindet sich in den Nordischen Botschaften in Berlin und ist das kleinste Gebäude des architektonisch wunderbaren Komplexes. Botschafter Gunnar Snorri Gunnarsson ist zwar auch viel beschäftigt und oft auf Reisen, doch meistens hat er recht kurzfristig Zeit für ein Gespräch oder Interview. Man sagt nicht „Eure Exzellenz“ zu ihm, sondern anfangs „Herr Botschafter“ und dann recht bald einfach Gunnar Snorri, so wie jeder andere auch. Schließlich wird in Island selbst der Präsident geduzt.

Gunnar Snorris Amt bringt es mit sich, dass er viel im Voraus planen muss, seine Landsleute regeln die Dinge lieber spontan. „Ach, Disziplin ist doch etwas Schönes“, hat der heute 58-Jährige einst vom deutschen Ehepaar Guse gelernt. Als 15-Jähriger verbrachte der Isländer einen Sommer bei der Familie, dort lernte er Deutsch. Doch das Snorrele, wie er von Frau Guse liebevoll genannt wurde, zog es zuerst in andere Länder, bevor er 2010 schließlich Botschafter in Deutschland wurde. Unter anderem war er Vertreter Islands in Brüssel und China.

Zum Thema Spontaneität fällt ihm eine Geschichte ein: Als junger Diplomat hatte Gunnar Snorri eine UNESCO-Gruppe zu Besuch in Island, da kam ihm plötzlich die Idee, dass er die Teilnehmer ja zu einem Abendessen bei seiner Familie einladen könnte. Er rief kurzerhand seine Mutter an und die sagte: „Klar, kommt vorbei.“ Wenige Stunden später standen ihre Gäste vor der Tür. „Sie hatte ganz vergessen zu fragen, wie groß die Gruppe eigentlich ist“, erinnert sich Gunnar Snorri. „Wir waren 40 Personen. Zuerst war sie überrascht, doch dann hat sie schnell umdisponiert und alles klappte problemlos.“

Als Isländer hat der 58-Jährige natürlich die Klassiker der heimischen Literatur wie zum Beispiel von Halldór Laxness gelesen. Was ihm ebenfalls gefällt, sind die Bücher von Þórbergur Þórðarson, der den Ruf hatte, ein Exzentriker vom Bauernhof zu sein und einst als schwer übersetzbar galt – nun ist sein Roman Islands Adel beim S.Fischer Verlag erschienen.

Bezogen auf die Literatur bezeichnet sich der Botschafter als einen „Allesfresser“ und kann sich – ganz Diplomat – nicht wirklich auf einen Lieblingsautoren festlegen. Einige Namen nennt er dann doch: Gyrðir Elíasson, Steinunn Sigurðardóttir, Einar Kárason, Jón Kalman Stefánsson, außerdem liest er gerade Hallgímur Helgasons Roman Eine Frau bei 1000 Grad, der zuerst in Deutschland veröffentlicht wurde.

Auf der Frankfurter Buchmesse war Gunnar Snorri die ganze Woche präsent – ebenso wie viele Stars der isländischen Literaturszene spazierte er täglich durch den Pavillon und über das riesige Messegelände. Mit Küsschen hier, Küsschen da oder Handschlag begrüßte er herzlich die Autoren und andere Island-Freunde, viele von ihnen kommen das Jahr über regelmäßig zu den zahlreichen Veranstaltungen in seiner Botschaft. Am 17. Juni, dem Nationalfeiertag der Isländer, lädt der Diplomat zudem seine Landsleute und einige Deutsche in die Residenz ein. Dort entstand auch das Foto mit Ólafur Ólafsson, der gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Libia dieses Jahr auf der Venedig Biennale Island vertrat. Währenddessen klimperten einige Musiker spontan auf Gunnar Snorris Klavier, Kinder tobten durch sein prächtiges Wohnzimmer.

Der Tag in der Residenz war wie ein Familienfest, ähnlich wie der schon oft gepriesene Pavillon der Frankfurter Buchmesse zu einer Art isländisches Wohnzimmer wurde. Am Abschlusstag ist der Botschafter sehr glücklich über den gelungenen Ehrengast-Auftritt. „In den letzten zehn Jahren wurden in Deutschland insgesamt weniger als 100 isländische Titel veröffentlicht. 2011 waren es –  in nur einem Jahr –  über 200“, sagt Gunnar Snorri. „Wir hoffen, dass das Interesse für Island bestehen bleibt.“ Er lobt zudem die wunderbare Zusammenarbeit des deutsch-isländischen Teams von Sagenhaftes Island.

Die eher spontan handelnde Nation ist mit der eher planenden eine perfekte Symbiose eingegangen. „Außerdem ist Halldór Guðmundsson so gut vernetzt – als Verleger und Autor. Er kennt den deutschen Markt genau“. Zumindest bis März 2012 wird es das Büro von Sagenhaftes Island weiter geben, derzeit wird noch geprüft, was dann mit der Institution geschieht. Als am Ende des Tages in Frankfurt die GastRolle an Neuseeland, den Ehrengast 2012, übergeben wurde, freute sich Gunnar Snorri mit ihnen. Denn bis 2010 war er als Botschafter von China zeitgleich auch seitenakkreditierter Botschafter in Neuseeland.

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