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Storytelling-Messi versus Erbsenzähler

Wie schreibt man eine Geschichte? Und um die Sache noch weiter zu verkomplizieren: Wie schreibt man eine Geschichte weiter – eine, die auch noch ein anderer begonnen hat? Diese Frage stellten sich die beiden Game-Autoren Martin Ganteföhr und Falko Löffler bei der heutigen zweiten Session des  Collective Storytelling im Open Space. Denn ihre Aufgabe war es, gemeinsam mit dem Publikum eine Story weiter zu spinnen, die Romanautor Jan Peter Bremer begonnen hatte.

Und während Jan Peter Bremer gestern mit den Schwierigkeiten des ersten Satzes zu kämpfen hatte, wurde heute um den perfekten Anschluss gerungen. Dabei stellte sich heraus, dass die beiden Gamer eine recht unterschiedliche Herangehensweise ans Schreiben haben. “Ich bin eher der Storytelling-Messi”, so Löffler. “Ich schreibe aus dem Bauch heraus und entwickle während des Schreibens die Geschichte und die Charaktere. Da kann es schon mal drunter und drüber gehen.” Ganz anders Martin Ganteföhr: “Das würde bei mir überhaupt nicht funktionieren. Ich brauche eine klare Struktur und einen Plan. Für meine Figuren schreibe ich vorher ganz konkrete Biografien, auf die ich dann in der Geschichte auch immer wieder Bezug nehme. Ich bin da also eher der Erbsenzähler…”.

Und da der Anfang von Jan Peter Bremer sehr vieles offen lässt, beschloss Ganteföhr: “Wir müssen hier erst mal konkreter werden. Bisher weiß man ja noch gar nichts. Befinden wir uns in der Gegenwart? Oder in der Vergangenheit, also zum Beispiel in den Sechzigerjahren? Wie heißen die Mutter und ihre beiden Kinder? Und warum sitzen sie im Zug?”

Auf diese Fragen mussten erst mal Antworten her. Und die kamen dann – dank Unterstützung der Zuschauer – auch recht flott zusammen. Die namenlose Mutter aus dem ersten Teil heißt jetzt Linda, ihre beiden Kinder Anton und Nele. Außerdem wurde beschlossen, dem ganzen den Anstrich eines Sozialdramas zu geben. “Denn schließlich”, so die beiden Autoren, “fragt man sich schon, warum der Vater nicht auch im Zug ist. Und warum die Mutter beim Verschwinden des Kindes eine dunkle Vorahnung hat…” Also wurde überlegt: Die Mutter hat den Kindsvater verlassen, packt die Koffer und flüchtet mit dem Zug. Wohin? Und wer ist der geheimnisvolle junge Mann ohne Gedächtnis im Zug? Hat er das Kind entführt – oder vielleicht doch jemand anderes? “Das überlassen wir dem Autor, der morgen die Geschichte weitererzählt”, beschloss Falko Löffler.

Morgen wird der neuseeländische Autor Anthony McCarten die Geschichte weitererzählen. Wer dabei sein möchte: Es geht los um 14 Uhr im Open Space auf der Agora.

Und hier die bisherige Geschichte:

Part I – Autor : Jan Peter Bremer

Er öffnete die Tür des Zugabteils und sagte hilflos: „I’m all alone in the world. I don’t know who I am. Please help me.“

Vor dem gepflegt aber erschöpft aussehenden jungen Mann, saß eine Mutter mit zwei Kindern.

„Was will der, Mama?“ fragte eines Kinder und drängelte sich auf dem Sitz an die Mutter heran.

„Do you speak German?“ fragte die Mutter und lächelte ebenso hilflos zurück.

Just in diesem Moment brauste der Zug in einen Tunnel und als er wieder in die Helle kam, da fehlte nicht nur der junge Mann, sondern auch eines der Kinder.

Mit einem Schrei sprang die Frau aus ihrem Sitz auf und eilte, das andere Kind auf dem Arm in schrecklicher Vorahnung durch den Zug….

Part II - Autoren: Martin Ganteföhr und Falko Löffler

Die Kinder hatten sich kaum wecken lassen.

Linda hatte die Vorhänge des Kinderzimmers mit einem Ruck aufgezogen und das Licht eingeschaltet. Dann war sie in ihr Schlafzimmer gegangen, um die nötigsten Sachen zu packen. Sie besann sich, kehrte ins Kinderzimmer zurück und setzte sich bei ihrem Sohn an die Bettkante. „Wir müssen uns beeilen, Anton.“ Sie strich ihm über die Wange, er brummte schlaftrunken. „Du musst der Mama heute helfen. Wir verreisen.“

Ihr Sohn setzte sich auf. „Wohin?“

„Ich erkläre es dir im Zug.“

„Kommt Papa auch mit?“

„Nein.“

Sie trat an Neles Bett und gab dem Mädchen einen Kuss auf die Stirn.

Das Telefon läutete im Flur. Linda stand auf, ging in den Flur. Sie blieb vor dem Apparat stehen, blickte aufs Display, zögerte – und ließ es klingeln.

Linda gab dem Taxifahrer zu viele Scheine. Sie wartete nicht aufs Wechselgeld. „Kommt“, sagte sie zu den Kindern. Die drei hasteten durch die Bahnhofshalle und erreichten den Zug zwei Minuten vor der Abfahrt.

Der Zug war überfüllt. Sie fand nur mit Mühe drei freie Plätze in einem Abteil.

Linda ließ sich in den Sitz fallen. „Geschafft …“

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