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Literarische Agenten: was treibt sie um?

Der Rechtehandel verändert sich massiv. Deshalb widmet die Buchmesse dem Thema eine komplette Halle: Dem Literary Agents & Scouts Centre (LitAg) in Halle 6.0 wird das neue StoryDrive Business Centre an die Seite gestellt, wo Film, Games und Buch ins Geschäft kommen sollen. Ed Nawotka von Publishing Perspectives hat nachgefragt, was auf der Frankfurt-Agenda der Agenten ganz oben steht

Die Zukunftsmärkte von 2012

Ed Nawotka

Ed Nawotka, Publishing Perspectives

Die Zukunftsmärkte von 2011? Russland (das nach Aussage eines Agenten “gerade munter wird“), Osteuropa, Spanien sowie Lateinamerika, und hier ganz besonders Brasilien. „Brasilien ist im Augenblick einer der dynamischsten Märkte“, sagt die literarische Agentin Jenny Meyer , die Auslandslizenzen für eine Reihe US-amerikanischer Verlage betreut und in diesem Jahr zum 12. Mal an der Frankfurter Buchmesse teilnimmt. „Unter den Verlagen herrscht immer noch ein starker Wettbewerb um Bücher – und sie kaufen ein.“ Farley Chase von der New Yorker Agentur Waxman ist der gleichen Meinung und stellt darüber hinaus fest, dass in Brasilien Sachbuchtitel äußerst begehrt sind (ein Feld, auf dem sich andernorts in den letzten Jahren nur schwer Erlöse erzielen ließen), ebenso wie Bücher für junge Erwachsene: „Unsere Titel für junge Erwachsenen zählen zu den wertvollsten Posten, über die wir derzeit verfügen. Viele internationale Verlagshäuser haben diesen Bereich in den vergangenen Jahren ins Programm genommen und waren damit sehr erfolgreich. Das Kaufinteresse an diesen Titeln ist noch immer sehr hoch.“ Brasilien ist auch einer der Schwerpunkte des diesjährigen International Rights Directors Meetings, das 2011 sein 25. Jubiläum feiert.

Rückblick: International Rights Director Meeting 2010

Die Backlist-Titel als Rückgrat des Digitalen Publizierens

Das zweite dominierende Thema im Bereich des Rechtehandels ist und bleibt die Bedeutung des digitalen Publizierens – und die damit verbundene Erweiterung von Rechten und Lizenzen. Diese Thematik bildet den zweiten Schwerpunkt des International Rights Directors Meetings, wobei das Hauptaugenmerk auf Verhandlung und Verkauf von Inhalten für mobile Applikationen liegen wird. Während bei den Honoraren für E-Books der gängige De-facto-Standard bei 25 Prozent des Nettoerlöses liegt, bestehen für die Lizenzierung für andere Medien wie Apps oder transmediale Projekte noch keinerlei Standards. Dieser Problematik wurde bislang unter anderem mit Rahmenverträgen begegnet, in denen bestimmte Bedingungen festgelegt wurden, wie etwa die garantierte Verwendung von DRM oder eine Preisgestaltung, die einen gewissen Wert (beispielsweise 50 Prozent des Preises der Druckausgabe) nicht unterschreiten darf.

In den Agenturen wird währenddessen mehr und mehr über Backlist-Titel nachgedacht. Dazu Derek Johns von der britischen Agentur AP Watt: „Bei Backlist-Titeln steigen die E-Book-Honorare auf Werte von bis zu 40 Prozent, eine Zahl, die von Random House US eingeführt wurde. Das bezieht sich auf unangefochtene Backlist-Titel, deren Verträge in den frühen Neunzigern oder noch früher aufgesetzt wurden und daher keine Bestimmungen für E-Books enthalten.“

„Wir betrachten die digitale Verwertung als wunderbare Möglichkeit, sowohl Wirkungsfeld als auch Einkommen der Autoren zu vergrößern“, sagt Caroline Dawnay von United Agents. Und Ed Victor von der Ed Victor Agency ist der Ansicht, dass – unabhängig davon, ob man nun über E-Books, Apps oder andere Medien spricht – in einem Punkt weitgehender Konsens herrscht: „Wenn man über Rechte verfügt, muss man etwas damit machen – man muss sie verwerten.“

Agenten und ihr neues Selbstverständnis: “Fuchs im Hühnerstall”?

Wenn diesbezüglich bei den Verlagen nicht gehandelt wird, werden mit wachsender Wahrscheinlichkeit die Agenturen etwas unternehmen. Im vergangenen Jahr erregte Andrew Wiley Aufsehen, indem er einer Reihe digitaler Ausgaben von Büchern der von ihm vertretenen Autoren herausbrachte.  Dieses Jahr rief die Waxman Agency in den Vereinigten Staaten ihr eigenes E-Book-Imprint unter dem Namen Diversion Books ins Leben, während in Großbritannien Ed Victor mit Bedford Square Books ein neues E-Book- und Print-on-Demand-Unternehmen gründete, das von Herbst an sowohl Wiederauflagen als auch Neuerscheinungen anbieten wird.

Manche Agenten sehen diese Entwicklung mit Sorge. Peter Cox von Redhammer in London verglich den Wechsel von Victor auf die Verlagsseite etwa mit „dem Fuchs im Hühnerstall“. Bedenken über mögliche Interessenskonflikte wurden laut. Victor selbst hingegen stellt das infrage: „Aber gibt es denn tatsächlich einen Interessenskonflikt? Ich denke nicht. Ich halte alles für legitim, was Agenten tun können, um ihre Serviceleistungen auszubauen und ihre Autoren zu unterstützen.“

Film & Games – die neuen Zukunftsmärkte

Literary Agents & Scouts Centre (LitAg) 2010

Literary Agents & Scouts Centre (LitAg) 2010

Zu den Mitteln, derer sich Agenturen bedienen, um ihre Kunden zu unterstützen, zählt auch die aggressivere Jagd nach einträglichen Lizenzverträgen im Film- und Gamesbereich. Bei zahlreichen Agenturen stehen spezialisierte Filmagenten unter Vertrag, um sich um diesen Geschäftsbereich zu kümmern. Auch Games bieten neue – und keineswegs weniger lukrative – Möglichkeiten. Immerhin erzielen die Verkaufszahlen der umsatzstärksten Video-Games am Erscheinungsdatum bereits regelmäßig die Rekorde, die Filme aufzuweisen haben.

Selbstverständlich herrscht in der Gamesbranche ein ebenso großes Bedürfnis nach Geschichten wie in der Filmindustrie – und es gibt viele interessante Beispiele für Crossover-Projekte. So hat im Juni etwa der amerikanische Verlag Little, Brown in Zusammenarbeit mit Rockstar Games eine Anthologie mit Original-Erzählungen herausgebracht, die auf dem soeben erschienenen Rockstar-Videospiel „L.A. Noirevideo game basieren.

„Games haben unsere Kultur und Gesellschaft in einem Maße verändert, das uns noch gar nicht bewusst ist“, meint Gabe Zichermann ,, Koautor von „Game-Based Marketing“ (Wiley, 2010) und „Gamification by Design“ (O’Reilly, 2011), der beim Talk „Das ganze Leben ist ein Spiel: Gamification“ auf der diesjährigen StoryDrive-Konferenz als Sprecher auftreten wird. „Generationen sind schon mit Games als Hauptquelle der Unterhaltung aufgewachsen“, erklärt er. „Die Verlagsbranche sollte einer Welt im Wandel nicht mit der Annahme begegnen, dass der Markt schrumpft. Die Erwartungen der Menschen verändern sich: Sie erwarten jetzt ein Spiel oder zumindest Spiel-Elemente.Was wollen die Leser wirklich, wofür interessieren sie sich? Bei den Verlagen dachte man bislang: Sie lesen, weil ihnen das Lesen Spaß macht. Auf einige Leute trifft das auch zu, aber die überwiegende Mehrheit ist auf der Suche nach etwas anderem – danach, aus ihrer Welt, ihrem Alltagsleben herausgehoben zu werden, oder sogar nach sozialer Interaktion. Dazu muss man sich nur das Phänomen der Lesekreise ansehen. Wer in der Verlagsbranche arbeitet, muss dafür ein Verständnis entwickeln.“

Screenshot:Fantastic Flying Flying Books of Mr LessmoreAuch in der Filmindustrie ist ein neuer Trend hin zu Crossover-Projekten mit Games, Büchern und Apps bemerkbar. Ein Beispiel dafür ist „The Fantastic Flying Books of Mr. Morris Lessmore“   . Diese App geht ursprünglich auf einen Kurzfilm gleichen Namens zurück und präsentiert Filmsequenzen und die Kerngeschichte im Stil eines traditionellen Bilderbuchs für Kinder, ergänzt durch zahlreiche interaktive Elemente. „Mehr als ein Viertel aller Filme, die auf der ganzen Welt produziert werden, geht auf Bücher zurück“, sagt Anna Soler-Pont, Leiterin der Pontas Literary & Film Agency aus Barcelona. „Man denke nur an den Erfolg von Harry Potter, Bridget Jones oder Brokeback Mountain. All diese Filme gehen auf Bücher zurück. Die Verlagsbranche rückt immer näher an die Filmindustrie heran. Beide Branchen beginnen als Team zusammenzuarbeiten. Eine noch neuere Entwicklung stellt die Kooperation von Verlags- Film- und Gamesindustrie dar – und in zwei bis fünf Jahren wird das die nächste große Sache sein. Alle Agenturen, die mit audivisuellen Rechten zu tun haben, verhandeln mit der Gamesindustrie, doch bis jetzt gibt es noch keine Agentur, die sich ausschließlich auf Games spezialisiert. Aber das wird kommen.“

Letzten Endes bleibt das Kerngeschäft der Rechteprofis jedoch dasselbe. „Wir halten Ausschau nach den besten Gelegenheiten für unsere Autoren und achten darauf, ihre Interessen langfristig zu sichern“, sagt Stephanie Thwaites von Curtis Brown . „Letztlich konzentrieren wir uns auf die gleichen Ziele, auch wenn sich die Gespräche ein wenig verändert haben.“

Stefan Lübbe vom Verlagshaus Bastei Lübbe fügt hinzu: „Für die Zukunft setzen wir große Hoffungen in die Maxime ,digital first‘. Zu diesem Zweck haben wir eine eigene interne Abteilung geschaffen, die einige vollkommen neue Formate entwickelt. Selbstverständlich werden Filmmaterial, interaktive Funktionen und Online-Games unumgängliche Bestandteile dieser Formate sein. Daher sind wir explizit auf der Suche nach Geschäftspartnern aus Film- und Gamesbranche sowie bei Multimedia-Agenturen. Als Buchverlag müssen wir in anderen Bahnen denken und anders handeln, als wir es bisher gewohnt waren. Mit dem StoryDrive Business Centre hat die Frankfurter Buchmesse einen Marktplatz speziell für den branchenübergreifenden Rechtehandel geschaffen. Eine solche Plattform dürfte sich für jeden Verlag als äußerst wertvoll erweisen, der ernsthaft über neue multimediale Formate nachdenkt, denn sie bringt erstmals Vertreter aller Kreativbranchen am selben Ort zusammen. Wir werden diese crossmediale Rechte-Plattform nutzen, um neue Kontakte zur Filmindustrie und zur Gamesbranche zu knüpfen.“

In eigener Sache: Das StoryDrive Business Centre

Um Agenten und Rechtemanager dabei zu unterstützen, ihre Inhalte so effektiv wie möglich zu vermarkten, haben alle registrierten Teilnehmer am International Rights Directors Meeting und am LitAg 2011 freien Zutritt zum StoryDrive Business Centre. Das StoryDrive Business Centre ist die erste organisierte Plattform für das crossmediale Rechte- und Kooperationsgeschäft. In Verbindung mit der zweitägigen StoryDrive-Konferenz bietet das Business Centre Medien- und Entertainmentprofis die Gelegenheit, Projekte zu präsentieren und mit potenziellen Partnern aus Verlags-, Film- und Gamesbranche über Finanzierungsmodelle, Rechte und Merchandising-Vereinbarungen zu verhandeln.

Mitarbeit: Roger Tagholm

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