- Datum
- 16. September
2011
- Avatar

- Author
- Alva Gehrmann
- Kommentare
Auf dem Sofa mit Sjón und Herta Müller
Das internationale Literaturfestival in Reykjavík war eine typisch isländische Veranstaltung: Das Programmheft wurde erst zwei Tage vorher gedruckt, alle Lesungen waren kostenlos und abends trafen sich die Stars der einheimischen Literaturszene in einer gemütlichen Bar. Mittendrin saß auch Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller
Eindrücke vom Bókmenntahátíð í Reykjavík (7. bis 11. September)

Ehrlich gesagt habe ich mich nicht getraut, in der Festivalbar Fotos zu machen. Nur dieses eine verwackelte hier links. Obwohl die Isländer es sonst lieben, alles mit ihren Handykameras festzuhalten und am selben Abend noch auf Facebook zu posten, hat in der Festivalbar keiner fotografiert. Es hätte auch die besondere Atmosphäre im Salon des Iðnó Theaters zerstört.
Freitagabend versammelten sich dort etliche Stars der isländischen Literaturszene – unter ihnen Poet Sjón, Popliterat Hallgrímur Helgason (mal mit und mal ohne Hut), der medienscheue Gyrðir Elíasson, dessen Novellensammlung Milli trjánna („Zwischen den Bäumen“) gerade mit dem Literaturpreis des Nordischen Rates ausgezeichnet wurde, Autor Einar Kárason und Halldór Guðmundsson, Direktor von Sagenhaftes Island.
Mittendrin saß auf einem grün gepolsterten Sofa Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller. Zuvor hatte sie im Theatersaal aus ihrem Buch Atemschaukel gelesen, das gerade ins Isländische übersetzt wurde. Sie und Thomas Böhm (Sagenhaftes Island) erzählten nun bei einem Glas Wein von ihren ersten Liebesschwärmereien. Die beiden kennen sich gut, schließlich produzierte Böhm gemeinsam mit Klaus Sander für supposé die Audio-CD “Die Nacht ist aus Tinte gemacht“, in der Müller ihre Kindheit im rumänischen Banat erzählt.
Seit 1897 ist das Theater Iðnó ein wichtiger Treffpunkt. Wer in Reykjavík lebt, ist dort oft: Im schicken Saal finden Lesungen statt, wird aber auch zur Musik von Hardrockbands gepogt, in der ersten Etage versuchten isländische Minister schon internationalen Journalisten zu erklären, warum ihr Volk das Icesave-Referendum ablehnte, und in der zweiten Etage verwandelt sich der Salon regelmäßig in eine Festivalbar. Die übrigens neben stilvollen Gemälden und Möbel auch ein teils absurdes Sammelsurium eingerahmter Knopfsammlungen und Puppen beherbergt.

Es war schon fast zu kitschig, dass genau an dieser Nacht am klaren Himmel Nordlichtern auftauchten, die in Reykjavík nur sehr selten zu sehen sind. Auf dem Balkon besprach ich mit dem Autor Andri Snær Magnason noch kurz, worüber er in seinem Gastbeitrag für diesem Blog schreiben könnte (es wird sehr lustig, freut Euch darauf!), und begrüßte Kristof Magnusson, der am Sonntag von meinem bärtigen Blog-Kollegen Ólafur interviewt wurde. (Das Foto zeigt die beiden vor dem Norræna húsið.)
„Unser Festival ist bekannt für seine familiäre Atmosphäre“, sagt Sjón als ich ihn ein paar Tage später im Café Stofan (Wohnzimmer) treffe. „Man fühlt sich wie unter Freunden.“ Obwohl Freitagabend ein privater Rahmen war, hätte im Prinzip jeder in die Bar gehen können. So etwas wie Security gibt es in Island kaum. Auch sonst konnten die Besucher problemlos mit allen Autoren ins Gespräch kommen: entweder am Ende ihrer eigenen Lesungen oder auf einer der vielen anderen Veranstaltungen, bei denen die Literaten dann selbst im Publikum saßen.
Samstagabend gab es zudem einen Literatur-Spaziergang, bei dem sechs Schriftsteller an Orten, die in ihren Büchern vorkommen, die entsprechenden Stellen vorlasen. Die 80-jährige Dichterin Vilborg Dagbjartsdóttir las sogar direkt vor ihrer Haustür, Sjón selbst trug in der Nachbarschaft ein paar Seiten aus seinem Kurzroman Schattenfuchs vor.

Nun, da das Festival vorbei ist, lehnt er sich entspannt in einen alten Ledersessel des Cafés zurück. Der Poet war Mitorganisator des Festivals, mit Herta Müller sprach er allerdings nur ganz kurz. Trotzdem fühlt es sich für ihn so an, als würde er sie gut kennen. Denn während seiner Zeit als Gastdozent an der Berliner Freien Universität saß der Isländer in dem Büro, das sie gerade verlassen hatte. Als Sjón eines dunklen Wintertages an ihrem ehemaligen Schreibtisch saß und aus dem Fenster schaute, spiegelte sich darin ein plötzlich Bild von Müller. „Es klingt fast wie eine alte Geistergeschichte“, sagt Sjón. Später stellte sich heraus, dass an der Seite einer Säule ein Foto der späteren Literaturnobelpreisträgerin hing, das er vorher nie gesehen hatte und erst durch die Reflektion im Fenster entdeckte.
- Trail
- Ehrengast
- Tags
- Herta Müller, Island, Reykjavíker Literaturfestival, Sjón
Neue Kommentare