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Professionalisierungsschub

Pedro Mairal. Foto: Timo Berger

Pedro Mairal. Foto: Timo Berger

Es war kurz vor 18 Uhr. Ich faltete die Sonntagausgabe von El País, den Spiegel und den Rolling Stone in meinen Rollkoffer. Für die anstehende Rückfahrt nach Berlin brauchte ich Lektüre: Es war mir an dreieinhalb bewegten Buchmessetagen nicht gelungen, eine Neuerscheinung geschenkt zu bekommen, geschweige denn unauffällig in meiner Argentinien-Kultur-in-Bewegung-Tasche verschwinden zu lassen.

„Timo“, rief eine Stimme. Vor mir stand der argentinische Schriftsteller Pedro Mairal. Er behauptete verkatert zu sein, doch das nahm ich ihm nicht ab. Schlank, frisch geduscht und gekämmt, ließ er die vergangenen Tage Revue passieren. „Ich würde sagen“, sagte er, „ein Effekt der Buchmesse ist, dass die argentinischen Autoren ihre Naivität in Bezug auf den globalen Buchmarkt verloren haben.“ „Meinst Du“, fragte ich. „Mir scheint eher die Wasser haben sich geschieden: Es stimmt, dass sich der Großteil ‚professionalisiert’ hat: Sie wissen jetzt was Agenten sind, was Scouts, sie haben Lizenzen nach Italien, England und Brasilien verkauft, sie wissen, was sie an Royalties, was an Vorschüssen bei Vertragsabschlüssen herausschlagen können… Aber da sind auch andere, die für das große Geschäft, so gut sie auch sein mögen, nicht taugen…“ „Du gehörst natürlich zu ersten Gruppe…“, sagte ich zu Mairal und zwinkerte ihm zu.

„Täusch Dich mal nicht“, antwortete Mairal, „ich bewege mich zwischen beiden Gruppen: Ich fand die Buchmesse sehr aufschlussreich: Ich weiß jetzt, wie viele Dinge funktionieren, die Treffen mit Michal Krüger von Hanser waren erhellend. Aber ich werde auch nicht verrückt, und vergesse meine Freunde, die weiterhin bei unabhängigen Verlagen publizieren, die es nie nach Frankfurt schaffen würden. Und by the way, Krüger hatte mein Buch wirklich gelesen, das merkte ich ihm Gespräch mit ihm. Jemand hat mir mal gesagt: ‚Was ist der Unterschied zwischen einem Major und einem unabhängigen Verlag?’ Dass der Verleger alle Bücher selbst noch gelesen hat…“

Rückblende: Nicht nur auf den Gängen, auch auf offiziellen Podien war von „Professionalisierung“ die Rede. Am Samstagmorgen hatte Claudia Piñeiro auf der Abschlusspressekonferenz des Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2010 mit großen Augen konstatiert: In Deutschland wollen sie bei Buchvorstellungen nicht nur, dass man aus dem Buch vorliest – in Argentinien erwarte man nur ein Gespräch über das Buch – nein, man werde auch für die Werbung in eigener Sache bezahlt: Unglaublich, rief sie aus.

Weniger als 24 Stunden später – Randomhouse-Mondadori hatte längst den Stand geräumt, besetzten Vertreter mehrerer unabhängiger Verlage den freigewordenen Raum. Besucher auf der Suche nach Freiexemplare und zurückgelassenen Beständen ließen sich dazu hinreißen für die verbleibende halbe Stunde Buchdeckel beim argentinischen Kartonbuchverlag Eloísa Cartonera zu bemalen, sich von Matías Reck über die Fería de Libros Independiente in Buenos Aires aufklären zu lassen. Ich musste schmunzeln, als ich den provozierten Eklat beobachtete, der jedoch nicht bis zum offiziellen argentinischen Stand durchdrang.

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