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Ein Gespräch mit Osvaldo Bayer

In Buenos Aires wird ein Offizier auf offener Straße erschossen. In Patagonien haben anarchistische und sozialistische Gruppen einen Streik ausgerufen. So beginnt der Spielfilm »La Patagonia rebelde«, die Geschichte des Massakers an patagonischen Landarbeitern. Das bekannteste Werk von Osvaldo Bayer wurde nach seiner gleichnamigen Romanvorlage Anfang der 1970er Jahre verfilmt und erscheint auf deutsch in Oktober im Trotzdem Verlag

Osvaldo Bayer in Buenos Aires © Andrés Wertheim

Osvaldo Bayer steht wie kaum ein anderer für den Kampf um Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit in seinem Land. Vor kurzem interviewte die Autorin Sabine Keller den großen Historiker, Journalisten und Schriftsteller.

Während der Präsidentschaft von María Estela Martínez de Perón wurde Bayer kontinuierlich wegen seiner Veröffentlichungen bedroht. Sein umfangreiches Werk „La Patagonia rebelde“, das die Geschichte des Massakers an patagonischen Landarbeitern im Jahr 1921 aufklärt, brachte ihm sogar Todesdrohungen. Bayer war von 1976 bis 1983 im politischen Exil in Deutschland. Heute lebt er Teile des Jahres mit seiner deutschen Frau und seiner Familie in Linz am Rhein, den Rest des Jahres verbringt er in Buenos Aires. 

 Wann und warum haben Sie Argentinien verlassen?

Ich verließ Argentinien, weil in den Zeitungen stand, dass ich von der staatlichen Terrororganisation »Die drei A« des peronistischen Ministers López Rega zum Tode verurteilt worden sei. Der Grund: Die Veröffentlichung meines Buches »La Patagonia Rebelde« (Rebellisches Patagonien) über die Erschießung von 1.500 patagonischen Hilfsarbeitern 1921 bis 1922 durch das argentinische Militär. Ich war davor ein Jahr in Deutschland gewesen und hatte den unverzeihlichen Fehler begangen, im Januar 1976 zurückzukehren. Damals hatte die Präsidentin Isabel Perón Wahlen ausgeschrieben. Ich glaubte damals, dass man die notwendigen Freiheiten schaffen würde, um diesem Urnengang zu einem demokratischen Ausgang zu verhelfen. Ich kehrte zurück, doch schon vier Wochen nach meiner Ankunft kam es zum Staatsstreich durch General Videla. Danach gab es keine Möglichkeit mehr, aus dem Land herauszukommen. Damals konnte ich mit Hilfe der deutschen Botschaft erneut nach Deutschland fliehen.

Hatten Sie während der Militärdiktatur Leser in Ihrem Land?

Meine Bücher wurden unter dem Motto »Für Gott, Vaterland und Heim« verboten und verbrannt. Es gab damals eine Verfügung, woraus das hervorgeht. Daraufhin konnte ich nicht mehr für die Zeitungen schreiben, in denen ich gewöhnlich meine Artikel veröffentlichte. 1982, also in der Endphase der Diktatur, die nach der Niederlage im Falklandkrieg zusammenbrach, wurde unverhofft eine Reportage über mich veröffentlicht, die der Schriftsteller Osvaldo Soriano in Berlin gemacht hatte. Ab diesem Moment hatte ich das Gefühl, dass meine Rückkehr naht. Die Tatsache, dass man über mich in einer Publikation in Buenos Aires sprach, war für mich so, als würde ich einen Fuß auf meine Heimaterde setzen.

Welche Wirkung hatte Ihr Film »La Patagonia Rebelde« in Argentinien?

Der Film »La Patagonia Rebelde« unter der Regie von Héctor Olivera, der auf meinem Buch und Drehbuch basiert, hatte einen durchschlagenden Erfolg. Dieser Erfolg steigerte sich noch weiter, als ich 1974 den Silbernen Bären beim Berliner Filmfestival bekam. Der Film konnte allerdings nur wenige Monate, vom 13. Juni bis zum 12. Oktober, gezeigt werden, weil die Regierung Isabel Peróns ihn dann verboten hat. Erst nachdem die Demokratie wieder etabliert war, also beinahe zehn Jahre später, konnte das argentinische Publikum ihn erneut sehen. Es ist ein pazifistischer Film und vor allem ein Film über die historische Wahrheit.

Osvaldo Bayer ©Andrés Wertheim

Nein, ich kam mir nicht wie der Prophet im eigenen Land vor, aber wie jemand, der das Glück hat, für seinen Kampf Anerkennung zu finden. Als Erstes kamen mir allerdings die geliebten Freunde in den Sinn, die das gleiche auf anderen Wegen versucht hatten und deswegen in voller Jugend ihr Leben lassen mussten. Und was noch schlimmer ist, jene Freunde, die ihre heranwachsenden Kinder verloren hatten, weil sie von ihren eigenen Eltern gelernt hatten, für die Gesellschaft zu kämpfen.

Haben Sie nach etwas gesucht, als Sie nach Argentinien zurückkehrten?

Als ich nach Argentinien zurückkehrte, war ich auf der Suche nach dem, was von meinem Land und einer Generation gedemütigter und brutal unterdrückter Menschen übrig geblieben war. Das, was ich schon immer suchte, habe ich weder erreicht, noch gefunden.  Allerdings sind zum ersten Mal in der Geschichte Argentiniens Militärs, die politische Verbrechen begangen hatten, zur Verantwortung gezogen worden, und viele von ihnen sitzen im Gefängnis. Das ist immerhin etwas, aber wir sollten uns nicht damit zufrieden geben, sondern weiter für ein Land kämpfen, in dem keine Kinder hungern müssen, Ich habe schon immer gesagt, es existiert keine Demokratie in einem Land, wenn es hungrige Kinder, Leute ohne ein Dach über dem Kopf und ohne Arbeit gibt. Nein, das, was ich schon immer suchte, habe ich weder erreicht, noch gefunden. In meinem Unterricht, meinen Vorträgen und Schriften werde ich es aber immer wieder fordern: Gleichheit in Freiheit.

Brandes & Apsel Verlag

 Angelehnt an ein Interview von Sabine Keller mit Osvaldo Bayer. Das ausführliche Interview ist zu finden in dem gerade erschienenen Buch “Zwei Kontinente – ein Leben. Argentinische Künstler und Intellektuellen in Europa” von Yolanda Prieto u. Sabine Keller. In dem zweisprachigen Buch (Deutsch und Spanisch) führen wir Gespräche mit 16 argentinischen Schriftstellern, Malern, Kinoregisseuren, Sängern, Philosophen, Fotografen und Tänzern. Diese wurden alle in Argentinien geboren und leben mittlerweile in Deutschland, Österreich oder in der Schweiz. Erschienen im Brandes & Apsel Verlag, September 2010.

Osvaldo Bayer kommt zur Buchmesse nach Frankfurt: Erinnerung: Haroldo Conti & Rodolfo Walsh
Datum: 06.10.2010, 11:00 -12:00 Uhr

Ort: Messegelände, 5.1 D975

Teilnehmer: Granovsky, Martín; Jozami, Eduardo; Bayer, Osvaldo

Kategorien:
Frankfurter Buchmesse

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One Pingback/Trackback

  • Nadia

    Ich habe das Buch schon gelesen, ich meine das Buch “Zwei Kontinente-Ein Leben” und es hat mir sehr viel Spass gemacht. Auf der eine Seite die Art und Weise wie diese Interviews geführt werden ist für mich sehr aussergewöhnlich und spannend. Auf der andere Seite sind natürlich die Geschichten die diese Menschen erzählen recht interessant.
    Also, bitte lesen!

  • Christa Winter

    ich hatte das Glück Herrn Bayer im Flugzeug nach Deutschland kennenzulernen und habe ihn in Deutschland besucht, er ist ein reizender Mensch, er hat mir gestattet das ich Ihn in Argentinien besuchen kann, wenn er zurück ist, leider war meine Zeit in Deutschland begrenzt, sonst wäre ich sicherlich zur Buchmesse gekommen,
    Mit lieben Grüßen
    Christa Winter

  • Christa Winter

    Sie schreiben: mein kommentar wartet auf Freischaltung,
    wie soll ich das tun ?
    Vielleicht können Sie Herrn Bayer von mir am 06.10.10 sehr herzlich grüßen,
    Mit lieben Grüßen
    Christa Winter

  • http://www.alfrosch.de Alf Rosch

    Gerade lese ich das Buch “Aufstand in Patagonien” von Osvaldo Bayer. Ich bin sehr beeindruckt und erschüttert. In den 70er Jahren bereiste ich die Schauplätze des Massakers in Santa Cruz. Tipp: Auf der Wikipedia-Seite zu “Kurt Gustav Wilckens” kann man einen Film zu den Ereignissen abspielen. Wer kann mir raten, wo ich die DVD von “Patagonia rebelde”, Silberner Bär 1974, bekomme? Ganz herzliche Grüße an Osvaldo Bayer! alfrosch

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