- Datum
- 14. Oktober
2009
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- ulrike
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Als Analphabet auf der Frankfurter Buchmesse!?

Anzeigenkampagne des Bundesverbands Alphabetisierung e.V.
Mein erster Messetermin heute morgen war die Gesprächsrunde “Klar kommen ohne Lesen und Schreiben?” am Stand der Literacy Campaign in Halle 4. Auf dem Podium saßen drei Vertreter von unterschiedlichen Alphabetisierungsorganisationen (Bundesverband Alphabetisierung, “alphabund” und “ALBI-Projekt Alphabetisierung”) und Thorsten Böhler. Er war gekommen, um aus eigener Erfahrung darüber zu berichten, wie es ist, wenn man nicht lesen und schreiben kann.
Zunächst musste ich lernen, dass Menschen wie Thorsten Böhler so genannte “Funktionale Analphabeten” sind: sie können in der Regel ihren eigenen Namen schreiben und eventuell auf einer Postkarte noch entziffern, woher diese kommt – für eine echte Teilnahme am gesellschaftlichen Leben reicht es aber nicht. Ihre Lesekompetenz liegt unter der eines Drittklässers! Das macht sie sowohl im Privatleben als auch im öffentlichen Leben zu Außenseitern. Und obwohl wir in Deutschland in einem hoch entwickelten Industrieland leben, gibt es hier geschätzte vier Millionen funktionale Analphabeten!
Thorsten Böhler hatte als Kind eine Gehirnhautentzündung. Nach neun Jahren Unterreicht auf einer Schule für Körperbehinderte konnte er weder richtig lesen noch schreiben. Erst jahrelange Alphabetisierungskurse außerhalb der Schule, die er trotz großer Angst und anfänglicher Überwindung schließelich eisern durchzog, haben ihn soweit gebracht, dass er nach weiteren drei Jahren seinen Hauptschulabschluss machen konnte. Sein erster richtig geschriebener Satz, sagt er, war ein Riesenerfolg. Böhler erzählt stockend, dennoch – oder gerade darum – hängt man an seinen Lippen, denn er spricht über etwas, was man sich kaum vorstellen kann, wenn man Lesen und Schreiben als völlig selbstverständlich empfindet. Was er mit Briefen gemacht habe bevor er lesen gelernt habe, wird Böhler gefragt. Die offiziellen habe er direkt in die Schublade gesteckt, die privaten musste er sich vorlesen lassen von Menschen denen er vertraut - auch die Liebesbriefe!
Das ALBI-Projket, der Bundeverband für Alphabetisierung und der alphabund arbeiten neben anderen Initiativen alle dafür, die Situation der Analphabeten in Deutschland zu verbessern. Dazu erstellen sie Materialien für Kurse , bieten Lehrerfortbildungen und Schulungen für Berater (z.B. in den Arbeitsämtern) an, initiieren Kooperationen mit Betrieben und unterstützendie Lernenden , wo es nötig ist. Es bleibt aber auch in der Zukunft noch viel zu tun!
Und was wünschen sich die Diskussionsteilnehmer für diese Buchmesse und auch darüber hinaus? Elfriede Haller von ALBI macht auf die große Chance auch für die Verlage aufmerksam, die vier Millionen Leser dazugewinnen könnten, wenn man das Problem der Analphabetisierung lösen könnte. Björn Otte wünscht sich mehr Aufmerksamkeit in den Medien für die wichtigen und auch spannenden Alphabetisierungsprojkete. Und Thorsten Böhler möchte, dass es mehr Bücher in großer Schrift mit einfachen Sätzen für erwachsene Leseanfänger gibt, und er möchte wegen seiner Lese- und Schreibschwäche nicht als dumm abgestempelt werden. Schließlich kann jeder Mensch etwas besonders gut und manches eben nicht so gut!
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- Frankfurter Buchmesse
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- Bildung, Buchmesse, LitCam
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